Katastrophale Quartalsbilanz nagt am Image

Autonomy-Zukauf zwischen Schlammschlacht und Wirtschaftskrimi

| Autor / Redakteur: IT-BUSINESS / Harry Jacob / Harry Jacob

„Haltet den Dieb“: HP-Chefin Meg Whitman glaubt, dass HP beim Kauf von Autonomy betrogen wurde.
„Haltet den Dieb“: HP-Chefin Meg Whitman glaubt, dass HP beim Kauf von Autonomy betrogen wurde. (Archiv: Vogel Business Media)

Rund elf Milliarden US-Dollar gab HP aus, um sich mit Autonomy eine Zukunft im lukrativen Software- und Service-Geschäft zu erkaufen. Knapp neun Milliarden musste der Konzern nun abschreiben. Gegenseitige Schuldzuweisungen und Verdächtigungen garnieren die teure Posse.

Bei einem Jahresverlust von 12,9 Milliarden und einem Quartalsverlust von 6,9 Milliarden US-Dollar hört der Spaß auf. Ein Schuldiger muss her. Doch wer hat es zu verantworten, dass der Software-Anbieter Autonomy anscheinend zum Apotheker-Preis eingekauft wurde und nun die Bilanzen tiefrot färbt?

Die aktuelle HP-Chefin Meg Whitman weist die Schuld von sich. Eingefädelt hatte den Deal noch ihr Vorgänger Léo Apotheker. Der muss wohl schuld sein, zusammen mit dem damaligen Strategievorstand Shane Robison – ebenfalls nicht mehr bei HP. Und außerdem die von ihnen beauftragten Wirtschaftsprüfer von Deloitte und KPMG. Schuld sei auch der Autonomy-Gründer Mike Lynch, so Whitman. Nach dessen Abgang habe ein hochrangiger Autonomy-Manager Hinweise gegeben, dass die Bilanzzahlen manipuliert worden seien, um den Kaufpreis in die Höhe zu treiben.

Aggressive Gegenreaktion

Nein, er sei nicht schuld, ließ der so Angegriffene wissen. HP habe die Bücher akribisch geprüft, 300 Mitarbeiter hätten sich mit den Zahlen befasst – da wären Manipulationen wohl aufgefallen, so Lynch. Außer die Prüfer wären „ziemlich inkompetent“ gewesen. Wenn die Firma heute nicht mehr so viel wert sei, dann nur deshalb, weil HP die einstmals größte Software-Firma Großbritanniens heruntergewirtschaftet habe, schießt der Autonomy-Gründer scharf zurück.

Auch Apotheker betont, man habe alles Menschenmögliche getan, um den Deal gut vorzubereiten. Er könne sich nicht vorstellen, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Falls sich der Betrugsvorwurf als wahr entpuppen sollte, sei er tief enttäuscht. Er werde mit HP und den Behörden kooperieren, um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen.

Meg Whitman selbst sieht keine Schuld bei sich, obwohl sie zunächst im Vorstand saß, der die Übernahme unterstützt hatte, und dann als Apothekers Nachfolgerin den Deal zu Ende brachte. Auch die Finanz-Chefin Catherine Lesjak soll schon zu Apothekers Zeiten gegen die Übernahme opponiert haben, konnte sie aber nicht verhindern.

SEC, SFO und FBI ermitteln

Nachdem HP anscheinend Beweise für Manipulationen gefunden hatte, wurde die US-Börsenaufsicht SEC sowie das britische Serious Fraud Office (SFO) informiert. Nach übereinstimmenden Medienberichten hat die SEC inzwischen das FBI eingeschaltet, das nun die Ermittlungen anführt.

Die HP-Chefin hat angekündigt, man wolle so viel Schadensersatz als möglich vom ehemaligen Autonomy-Management einfordern – bis zu fünf Millionen Dollar. Doch ein Rechtsstreit könne sich über Jahre hinziehen.

Ein schnelles Urteil dagegen fällte die Börse: Der Aktienkurs brach auf ein Zehn-Jahres-Tief ein und fiel um zeitweise 14 Prozent. Viele Analysten zweifeln am Sachverstand der HP-Manager, die 15 Monate lang nicht gesehen haben wollen, was nun eine Wertberichtigung um knapp neun Milliarden Dollar verursacht hat.

Auch Verkaufszahlen drücken aufs Image

Der Autonomy-Skandal allein machte nur einen Teil der schlechten Nachrichten aus, die HP in seinem jüngsten Quartalsbericht verkünden musste. Umsätze und Gewinne brachen auf breiter Front ein:

  • Die Umsätze in der PC-Sparte sanken um 14 Prozent. Nach Stückzahlen betrug der Rückgang 12 Prozent, im Business-Geschäft sanken die Einnahmen um 13, im Consumer-Segment sogar um 16 Prozent.
  • Das Druckergeschäft brachte fünf Prozent weniger Einnahmen. Geschäftskunden kauften 15 Prozent weniger HP-Drucker, bei den Privatkunden gab es nach Stückzahlen sogar einen Einbruch um 22 Prozent.
  • Die Service-Sparte verlor im Jahresvergleich sechs Prozent. Die technischen Services gingen um vier Prozent zurück, Software und Business-Services um sieben Prozent und Outsourcing-Angebote um sechs Prozent.
  • Die ESSN-Sparte, die Server, Storage und Netzwerk vereint, musste einen Umsatzrückgang von neun Prozent vermelden. Herausragend waren die Business-kritischen Systeme mit einem Minus von 25 Prozent und Storage mit einem Minus von 13 Prozent. Die Standard Server gingen um sieben Prozent zurück, einziger Lichtblick ist das Netzwerkgeschäft, das um sieben Prozent zulegen konnte.
  • Die einzigen Abteilungen, die Wachstum zeigen, sind die Finanzdienstleistungen sowie Software für den Mittelstand. Hier gab es ein Plus von neun Prozent.

Das nun abgeschlossene Geschäftsjahr ist ebenfalls tiefrot: Ein Verlust von 12,9 Milliarden Dollar hat die Bilanz verhagelt. Besserung ist zumindest kurzfristig nicht in Sicht: Für das kommende Quartal rechnet HP mit weiteren Einbußen im Geschäft.

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Das kann doch nicht stimmen, dass HP nur 5 Millionen zurück will, oder?  lesen
posted am 22.11.2012 um 11:08 von Unregistriert


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