„Föderierter“ Vendor-Lock-In

Ein strategischer Blick auf die EMC-Akquisition durch Dell

| Autor / Redakteur: Filipe Pereira Martins und Anna Kobylinska / Rainer Graefen

Als ein privates, nicht (mehr) börsennotiertes Unternehmen könne sich Dell durchaus leisten, Strategien zu verfolgen, die sich auf das Geschäftsergebnis nicht unmittelbar in einem Quartal auswirken müssten, betont Michael Dell, Chef des texanischen Unternehmens.
Als ein privates, nicht (mehr) börsennotiertes Unternehmen könne sich Dell durchaus leisten, Strategien zu verfolgen, die sich auf das Geschäftsergebnis nicht unmittelbar in einem Quartal auswirken müssten, betont Michael Dell, Chef des texanischen Unternehmens. (Bild: Hartmann Studios Inc.)

Dells spektakuläre Übernahme der EMC-Föderation versetzt den texanischen Anbieter etwas überraschend in die Lage, im heiß umkämpften Markt für Datencenter-Produkte mitzuspielen. Doch die anstehende Akquisition wirft Fragen auf. So steht die Kontinuität der Produktlinien von VMware, EMC2, RSA Security, VCE und Pivotal auf dem Spiel. Auch die Angst vor dem Vendor-Lock-In geht um.

Die Übernahme der EMC-Föderation durch Dell bricht mit ihrem Gesamtwert in Höhe von 67 Milliarden Dollar alle bisherigen Rekorde der IT-Branche und gilt bereits als beschlossene Sache. Die vertraglich vereinbarte Frist für einen Gegenschachzug durch Konkurrenten ist bereits abgelaufen. EMC konnte zu vergleichbaren Konditionen woanders keinen Zuschlag bekommen.

Der Abschluss der Akquisition hängt jetzt nur noch an zwei Bedingungen: an der Zustimmung der Regulierungsbehörden und an der Abnahme durch die Aktionäre von EMC. Branchenanalysten halten beide Voraussetzungen für reine Formalitäten. Der Deal ist praktisch in trockenen Tüchern und die Implikationen sind enorm.

Ein Schnelleinstieg in den lukrativen Markt für Datencenter-Produkte

Dell kommt mit dem Kauf der EMC-Föderation in den Besitz von Technologien, denen im Datencenter-Umfeld eine zentrale Bedeutung zukommt. Bisher konnte das texanische Unternehmen nur kleine und mittelgroße Kunden bedienen, also die unteren Marktsegmente, wo der Wettbewerb recht hoch und die Gewinnmargen niedrig sind. Das lukrative Geschäft mit Datencentern der Finanz-, Versicherungs-, Telekommunikations- und IT-Branchen lag bisher eindeutig außerhalb von Dells Reichweite.

Mit der Akquisition erwirbt Dell die gesamte Föderation der EMC-Unternehmen, EMC Federation, und zwar:

  • EMC2,
  • EMCs Mehrheitsbeteiligung an VMware mit 97 Prozent Stimmrechten (diese entsprechen allerdings einem Anteil von nur 28 Prozent am VMware-Geschäftsergebnis),
  • RSA Security,
  • VCE und
  • Pivotal.

Virtustream Cloud Service, ein Joint-Venture in Gründung zwischen VMware und EMC, kommt jedoch nicht zu Stande. Laut einer Mitteilung an die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC vom 14. Dezember 2015 habe sich VMware aus Virtustream zurückgezogen und das Joint Venture platzen lassen.

Im Kleingedruckten

Dell verdankt den besonderen Trumpf im Ärmel seiner gewieften Juristenabteilung. Das texanische Unternehmen zahlt den EMC-Aktionären „nur“ 24,05 Dollar pro Aktie und verrechnet den Rest - also 9,10 Dollar - in so genannten Tracking-Stocks, also Anteilen, die in diesem Fall vom Wert der (fallenden) VMware-Aktie abhängen und ihren Besitzern keine Stimmrechte gewähren.

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Da die VMware-Aktie von 82,09 Dollar auf (zurzeit) 58 Dollar gefallen ist, kommt Dell anscheinend mit einem Schnäppchen davon. Je mehr die VMware-Aktie im Wert fällt, desto günstiger kommt Dell ins Ziel. Doch das ist nicht alles. Laut Vipal Monga vom Wall Street Journal soll der clevere Schachzug mit dem Tracking-Stock Dells heftige Steuernachzahlung in Höhe von satten 9 Milliarden Dollar auf die EMC-Aktionäre auslagern.

Laut Alan Pelz-Sharpe, einem Analysten bei Digital Clarity Group [www.digitalclaritygroup.com], habe sich VMware revanchiert und den kostspieligen Virtuestream-Deal im Joint-Venture mit EMC eben platzen lassen.

Massive Synergie-Effekte, überwiegend überschneidungsfrei

Die Übernahme beschert Dell neben relevanter Technologien auch massive Synergie-Effekte mit minimalen Überscheidungen im Produktportfolio. Dell dürfte künftig Server- und Netzwerkhardware mit Speicherlösungen von EMC kombinieren und in den Markt für konvergente Systeme für Datencenter aufsteigen.

Beim Design der neuen Dell-EMC-Systeme dürften Dells bisherige NOS-Partner (Lieferanten von Netzwerkbetriebssystemen) Cumulus Networks und Big Switch Networks Inc. zum Zuge kommen. Dell setzt Netzwerkbetriebssysteme dieser Anbieter auf Bare-Metal-Switches ein; diese integrieren sich mit VMwares SDN-Plattform NSX, die sich mit der leistungsstarken EMC Service Assurance Suite verwalten lässt. Dell könnte hier in Zukunft mit einer engeren Integration weiter punkten.

Joe Tucci, der Geschäftsführer von EMC, beabsichtigt, nach dem Vollzug der Eingliederung der EMC-Föderation in den Dell-Konzern in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen
Joe Tucci, der Geschäftsführer von EMC, beabsichtigt, nach dem Vollzug der Eingliederung der EMC-Föderation in den Dell-Konzern in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen (Bild: emc.com)

Es wäre für Dell naheliegend, diese Lösungen via die VCE-Koalition (Virtual Computing Environment) anzubieten. Bisher bestand diese aus VMware, Cisco und EMC. Doch seit Cisco den eigenen Anteil an der Allianz von 35Prozent auf 10 Prozent gesenkt hat, wäre ein völliger Ausstieg von Cisco nicht auszuschließen, meint Shamus McGillicuddy, ein Analyst von Enterprise Management Associates.

Die bevorstehende Konsolidierung von Storage-Produktlinien

EMCs marktführendes VNX-Array umfasst Einstiegs- bis High-End-Konfigurationen. Die Midrange-Arrays von Dell beinhalten die SC-Serie aus der Acquisition von Compellent und die PS-Serie aus dem Kauf von Equallogic. „Die Geschichte lehrt uns, dass sich drei Produktlinien im direkten Wettbewerb miteinander nicht allzu lange halten können“, bemerkt Roger Cox, Research Vice President bei Gartner dazu.

Viele EMC-Nutzer sind bereits Anwender von Dell-Servern, insofern bleibt ja alles in der Familie.
Viele EMC-Nutzer sind bereits Anwender von Dell-Servern, insofern bleibt ja alles in der Familie. (Bild: EMC.com)

Wer seine Käufe von Midrange-Storage-Lösungen vorübergehend verzögern kann bis eine offizielle Roadmap von Dell vorliegt, hat dazu einen guten Grund. Wem eine Anschaffung unmittelbar bevor steht, sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Dells tatkräftiger Kundendienst EMCs Markt führende VNX-Arrays noch weiter aufwerten könnte. Mark Peters, ein Senior-Analyst bei Forester Research [www.forrester.com/], glaubt, die VNX-Linie von EMC hätte bei Dell die größten Überlebenschancen.

Vor der Ankündigung der EMC-Übernahme zeigte sich Dell bemüht, den Anwendern von Equallogic-Arrays eine nahtlose Migration der Datenbestände auf die eigenen SC/PS-Lösungen zu ermöglichen. „Storage-Investitionen haben eine lange Lebensdauer,“ sagt Travis Vigil, geschäftsführender Direktor der Dell Storage-Sparte.

Wer High-End-Storage von EMC, darunter XtremeIO-Lösungen, einsetzt, ist von der Übernahme nicht direkt betroffen.
Wer High-End-Storage von EMC, darunter XtremeIO-Lösungen, einsetzt, ist von der Übernahme nicht direkt betroffen. (Bild: EMC.com)

Virtualisierung und SDDC

Der Virtualisierungsanbieter VMware gilt unter anderem als der wichtigste Herausforderer von Cisco ACI. Mit einem eigenen SDDC-(Software-Defined-Data-Center)-Ansatz findet VMware vermehrt Anklang vor allem in Rechenzentren, welche den Vendor-Lock-In scheuen (siehe dazu: „Die SDDC-Fehler Anderer“). Als einer der führenden Anbieter von Virtualisierungslösungen stellt VMware eine grundsolide Ergänzung zu Dells bisher lückenhaftem Portfolio dar.

VMware hat allerdings Partnerschaften mit direkten Mitbewerbern von Dell, darunter HP und Lenovo. HP ist Dells größter Konkurrent im Markt für Bare-Metal-Switches als Alternative zu proprietären Netzwerklösungen von Cisco. Lenovo kann Dell unter anderem den Server-Markt mit ehemaliger IBM-Technologie abstreitig machen. Laut Dell sollen alle VMware-Partnerschaften von der Übernahme (vorerst) unberührt bleiben. Für die Anwender soll sich laut Dell also nichts ändern.

VMware soll außerdem auch weiterhin am New York Stock Exchange (NYSE) börsennotiert bleiben (Dell ist seit Ende Oktober 2013 in privaten Händen). Ob Dell wieder eine Börsennotierung anstrebt, bleibt bisher ungeklärt. Als ein privates, also nicht (mehr) börsennotiertes Unternehmen könne sich Dell durchaus leisten, Strategien zu verfolgen, die sich auf das Geschäftsergebnis nicht unmittelbar in einem Quartal auswirken müssten, betont Michael Dell, der Geschäftsführer des texanischen Unternehmens.

Patrick_Gelsinger, CEO von VMware, auf der EMC World 2015 in Las Vegas
Patrick_Gelsinger, CEO von VMware, auf der EMC World 2015 in Las Vegas (Bild: VMware)

Dell werde die nächsten 18 bis 24 Monate damit verbringen, die kurzfristig aufzubringenden Schulden abzuzahlen. Nach Vollzug der Übernahme wäre Dell sicherlich IPO-fähig und eine Finanzspritze könnte inmitten des Technologiewandels wohl kaum schaden.

Noble Mitbewerber in Zugzwang

Seit dem Wegfall von IBM als ernsthafter Hardwarelieferant durch den Verkauf des Tafelsilbers an Lenovo stehen die bisherigen Marktanteile des Blauen Riesen im Server- und Storage-Bereich wieder zur Disposition. Dell könnte dank der EMC-Übernahme diese Lücke füllen und Rechenzentren mit einem allumfassenden Angebot aus Hardware und Support-Diensten aus einer Hand beliefern. Die EMC-Übernahme durch Dell dürfte die Marktdynamik dramatisch verändern.

Laut Srini Nandury, einem Analyst von Summit Research, bringt die EMC-Übernahme von Dell andere Anbieter in unmittelbaren Zugzwang. Insbesondere Cisco werde sich genötigt sehen, die eigene Marktstellung durch Akquisitionen aufzubessern. Als mögliche Kandidaten kämen seiner Meinung nach Nimble Storage und der EMC-Konkurrent Netapp in Frage.

Das Autorenduo:

Filipe Pereira Martins und Anna Kobylinska arbeiten bei Soft1T S.a r.l. Beratungsgesellschaft mbH, McKinley Denali Inc. (USA).

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