Interview mit Prof. Dr. Dr. Radermacher, Keynotespeaker auf der Storage Technology Conference 2015

Wem gehört das Internet der Dinge?

| Redakteur: Rainer Graefen

Prof. Dr. Dr. F. J. Radermacher, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung der Universität Ulm
Prof. Dr. Dr. F. J. Radermacher, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung der Universität Ulm (Prof. Radermacher)

Das Internet der Dinge ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern wird auch den Gesetzgeber zu vielen Modifikationen in der Rechtsprechung veranlassen. Storage-Insider sprach mit Prof. Radermacher über das "Internet der Entitäten", das Lebewesen, Maschinen und Sensoren in einen neuen Kontext stellen wird.

Storage-Insider: Es wird viel über das Internet der Dinge mit seinen Milliarden Sensoren geredet. Welche Entwicklungen bei Prozessor- und Speichertechnik sind notwendig, damit die vielen kleinen, in der Menge aber riesigen Datenvolumina in Echtzeit verarbeitet werden können?

Franz Josef Radermacher: Die Entwicklung entspricht genau dem Bild der Vergangenheit. Im Prozessor- wie im Speicherbereich müssen wir das Preis-Leistungs-Verhältnis der elementaren Operationen permanent verbessern, möglichst weiterhin gemäß der Größenordnung von Moore´s Law, das heißt eine Verbesserung um mindestens einen Faktor 2 alle 2 Jahre.

Parallel dazu muss die Leistungsfähigkeit im Bereich Sensorik und Aktorik ebenso wie im Bereich der Softwarearchitekturen und Softwaresysteme sowie die Qualität der eingesetzten Algorithmen ständig verbessert werden.

Wem gehört das Internet der Dinge?

Radermacher: Das Internet der Dinge gehört – wie das Internet - niemandem alleine. Keiner alleine hat die Kontrolle darüber. Das Internet hat seine Wurzeln im militärischen und universitären Bereich. Es ist ein dezentrales, relativ ausfallsicheres Netz.

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Da durch das Internet viele Rechner miteinander verbunden sind, bahnt sich eine Nachricht auch dann einen Weg, wenn ein Rechner einmal ausfällt. Ein Teil des Internet ist das World Wide Web, dieses ging 1991 über das Cern in Genf ans Netz. Das www. besteht aus sehr vielen Teilen und Komponenten.

Die Telefonnetze sind ein Teil davon, weil durch diese Leitungen die meisten Daten verschickt werden. Dieser Teil der Internet-Infrastruktur gehört den Telekommunikationskonzernen. Ein weiterer Teil, nämlich die Server, über welche die Daten weitergeleitet werden, gehört anderen Unternehmen oder Universitäten.

Die Daten, die die Benutzer über das Internet von den Seiten abrufen können, sind auf großen Computern gespeichert. Dieser Speicherplatz (Webspace) wird in der Regel von Dienstleistern vermietet. Wichtig ist dabei folgendes:

1. „Das“ Internet als eine besitzbare Entität gibt es nicht. Es ist vielmehr ein Sammelbegriff für ein dezentrales System, bei dem man von einem beliebigen Ort auf Daten zugreifen kann. Dass das Internet insgesamt nicht jemand Bestimmten gehört, zeigt sich auch daran, dass niemand die Macht hat, das Internet sofort „abzustellen“. Man muss also fragen, wem die einzelnen Teile des Internet gehören, also zum Beispiel die Domain oder der Webspace (dem Dienstleister, der Eigentümer der Festplatten ist). Wem gehören die Inhalte? Die Inhalte auf den Internetseiten (Bilder, Text, Musik) gehören den Urhebern dieser Werke oder den Website-Betreibern – oder auch anderen Rechteinhabern.

2. Das Internet der Dinge ist Teil des Internets, d. h. Gegenstände (oder auch Lebewesen) werden Teil des Internets. Die Dinge bzw. Gegenstände gehören dem oder den Eigentümer(n), z. B. der Kühlschrank oder der Sensor. Die eigentliche Internetstruktur gehört unterschiedlichen Partnern, Regierungen, Konzernen, Privatpersonen, wobei es heute in der globalen Internetgovernance eine ganz ungewöhnliche Situation der Zusammenarbeit und Abstimmung dieser sehr unterschiedlichen Partner gibt, bei der insbesondere auch die zivilgesellschaftliche Seite vertreten ist. Interessant sind an dieser Stelle insbesondere die Organisationsprinzipien von ICANN. Die Fortentwicklung der Internetgovernance ist allerdings innerhalb der Staatenwelt nicht unstrittig.

3. Viele Komponenten im Internet der Dinge gehören heute, wie ausgeführt, Unternehmen, Privatpersonen oder auch Organisationen. Diese Entwicklung wird sich verstärken. Es sind dann aus Sicht der Eigentümer ihre Geräte, ihre Sensoren etc. und der Einsatz bzw. die Nutzung dieser Komponenten wird im Rahmen der jeweiligen Geschäftsmodelle geregelt. Das ist heute ähnlich geregelt wie in der Mobiltelefonie und deren Infrastruktur. Im Unterschied zu einem Mobiltelefon ist jedoch ein solches Gerät im Internet der Dinge auch dann nützlich, wenn man es nicht mit sich herumträgt.

Autonome Fahrzeuge sind der mobile Teil des Internets der Dinge. Welche Entwicklungen erwarten Sie bei der Robotertechnik?

Radermacher: Autonome Fahrzeuge werden ein wichtiger mobiler Teil des Internets der Dinge sein, aber ebenso Menschen und natürlich Tiere, Nutztiere wie Haustiere, wobei man dann vielleicht über einen anderen Namen nachdenken sollte als „Internet der Dinge“.

Passender wäre vielleicht ein „Internet der Entitäten“. Mit dem Oberbegriff „Entitäten“ werden Lebewesen wie Dinge gleichermaßen umfasst. Bei Lebewesen geht es u. a. darum, mittels IT-Komponenten permanent Vitalparameter zu verfolgen, z. B. als Schutzfunktion oder zur Qualitätssicherung, zur Überprüfung des Aufenthaltsorts wie zur Verfolgung von qualitätsrelevanten Parametern, z. B. in der Wertschöpfungskette von Nutztieren.

Wie wichtig gegebenenfalls für Menschen das Wiederauffinden ihrer Haustiere ist, die manchmal wie Familienmitglieder behandelt werden, muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.

Ich erwarte ferner, dass wir zukünftig Roboter im Sinne autonomer Systeme in großer Breite haben werden. Diese autonomen Systeme werden vielfältige Aufgaben übernehmen bzw. Rollen ausfüllen, von Servicesystemen bis zu Automobilen der Zukunft, die autonom fahren.

Zu denken ist aber auch an Monitor- bzw. Navigationskomponenten im Blutkreislauf, auch des Menschen, z. B. zur Verfolgung relevanter Körperparameter bzw. zur Bekämpfung von Krankheiten am Ort der Entstehung bzw. des Geschehens.

Wie wird sich das Internet der Dinge auf die Gesetzgebung auswirken?

Radermacher: Wie mit jeder neuen Technologie, wird auch das Internet der Dinge gesetzliche Regelungen neuer Art zur Folge haben.

Es geht um Dimensionen, die mit dem Eigentum zusammenhängen, es geht aber auch darum, dass Verantwortung übernommen werden muss oder beispielsweise Komponenten des einen Besitzers Komponenten eines anderen Besitzers stören können.

In vielen dieser Bereiche sind Regelungen erforderlich, insbesondere auch dann, wenn es um Schutz der Privatsphäre von Menschen geht. Hier werden die Herausforderungen weiter wachsen.

Eine Welt voller Sensoren verspricht viele Annehmlichkeiten. Werden wir für alle Sensordaten eine Art Vorratsdatenspeicherung benötigen?

Radermacher: Eine Welt voller Sensoren verspricht viele Annehmlichkeiten, aber sicher auch viele neue Probleme und Schwierigkeiten. Gerade deshalb wird es hier auch weiteren Regulierungsbedarf geben.

Für Zwecke der Dokumentation wird es Vorschriften geben, so wie z. B. heute in vielen relevanten Themenbereichen auch. Dazu gehören z. B. gesetzliche Aufbewahrungspflichten. Vorratsdatenspeicherung ist unproblematisch, solange gesetzliche Anforderungen erfüllt werden müssen und das Recht auf Privatsphäre nicht tangiert ist.

Schwierig wird es, sobald damit direkt oder indirekt Persönlichkeitsrechte von Menschen bedroht sind. Man überlege nur einmal, wie viele Informationen der Aufenthaltsort des Lieblings-Haustieres und sein Bewegungsprofil über den Aufenthaltsort und das Bewegungsprofil seines Besitzers oder seiner Besitzerin beinhalten. Sobald Persönlichkeitsrechte involvierte sind, sind entsprechende gesetzliche Regelungen erforderlich.

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