Womit sich Startups heute beschäftigen, Teil 12

Wir brauchen mehr Speicher- und Datenmanagement-Ideen

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Rainer Graefen

“Time OS vereinfacht Prozesse wie Deduplizierung und Datenwiederherstellung radikal“, Nir Peleg, Gründer und CTO Reduxio.
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“Time OS vereinfacht Prozesse wie Deduplizierung und Datenwiederherstellung radikal“, Nir Peleg, Gründer und CTO Reduxio. (Bild: Ariane Rüdiger)

Die Speichertechnologie muss sich erneuern. Eine Generation von Startups ist dabei, sich dieser Aufgabe anzunehmen. Doch welche Techniken und Firmen sich letztlich durchsetzen werden, ist ein großes Ratespiel.

Bisher unvorstellbare Datenmassen, die Vernetzung von allem mit jedem, analytische Algorithmen, die in Echtzeit handlungsleitende Informationen aus eintreffenden Sensordaten oder Social-Media-Streams errechnen sollen – das alles stellt die SpeicherTechnik vor neue, große Herausforderungen.

Dazu könnten neben hochdichten und ultraschnellen Flash-Techniken schon bald völlig neue Basis-Halbleiter kommen. So entwickelt HP an Memristoren, IBM an sogenanntem Racetrack-Memory, um nur zwei aufzuführen.

Jeder braucht Speicher - aber einfach soll es sein

Speicherlösungen der Zukunft sollen in Leistung und Kapazität nahezu unbegrenzt skalierbar sein. Sie müssen möglichst automatisch deduplizieren, komprimieren, verschlüsseln, Daten sichern und im Notfall wieder herstellen. Welches Speichermedium genutzt wird, soll möglichst keine Rolle mehr spielen, vielmehr sollen die neuartigen Algorithmen sich auf Daten statt Medien konzentrieren und mit jedem Speichermedium arbeiten können – selbstverständlich auch mit der Cloud in allen Ausprägungen.

Datensilos für jede App sollen verschwinden. Nötig ist ein extrem vereinfachtes Speichermanagement - aus Nutzer- und Administratorensicht. Nur so können es Admins schaffen, pro Operator Petabyte-Volumina zu administrieren und nur so sind grundlegende Selbstbedienungsfunktionen für Anwender möglich, etwa, sich selbst Speicher zuzuteilen oder verlorengegangene Daten wieder herzustellen. Eine neue Firmengeneration macht sich gerade auf den Weg, für diese Themen Lösungen zu entwickeln.

Geld für Ideen gibt es reichlich

Wagniskapital dafür einzuwerben scheint kein Problem zu sein, denn die Zinsen der Banken bewegen sich auf Nullniveau. Private Sponsoren wie Moshe Yanai, der schon bei EMCs Symmetrix, XIV und Data Domain zu den Architekten gehörte, sind eher selten. Er besitzt nun große Anteile an Infinidat.

Dass große Unternehmen jedoch bereits in den frühesten Entwicklungsphasen massiv in die Finanzierung einsteigen, ist durchaus nicht die Regel, kommt aber natürlich vor. Ein gutes Beispiel dafür ist Reduxio, ein Startup, das mit Time OS ein neues, Zeitstempel-orientiertes Betriebssystem als Basis für eine neuartige Primärspeicherlösung für klassische Unternehmensanwendungen wie Oracle oder MySQL entwickelt hat. Die Firma wird unter anderem von Intel und Seagate gefördert.

Die Geldbeschaffung der Firmen wird nicht zuletzt dadurch erleichtert, dass sich der Finanzbedarf meist in engen Grenzen bewegt. Oft reichen schon relativ kleine Millionenbeträge und Zeiträume, um mit einem überschaubaren Team zumindest ein präsentierbares Erstprodukt zu entwickeln, das man bei Betakunden testen kann. Freilich stecken trotzdem häufig mehrere Dutzend Mannjahre Entwicklung in den Lösungen.

Newcomer konzentrieren sich auf Softwareentwicklung

Der Grund: Neulinge wie Iguaz.io, Weka.io, Kaminario, Infinidat oder Reduxio verwenden ausschließlich Commodity-Hardware. Sie können sich also auf die erheblich kostengünstigere Softwareentwicklung konzentrieren, statt aufwändig neue Hardware zu designen oder eine Produktionslogistik auszutüfteln, die sich rechnet. Freilich liefern die meisten zu ihren Softwarelösungen doch eine entsprechende Appliance – meist nicht ohne zu betonen, man könne ihre Lösung selbstverständlich später auch Software-only erhalten und betreiben.

Noobaa gehört zu den Neulingen, die ihr Produkt tatsächlich von Anfang an Software-only anbieten, man kann die Software kostenlos herunterladen und mit Datenvolumina bis 20 TByte testen. Ab Februar ist eine kommerzielle Version erhältlich. Der Clou: Mit Noobaa lassen sich nicht genutzte Storageressourcen, die über einen Host zugreifbar sind, in beliebigen Mengen zu einem einzigen großen Namensraum zusammenfassen, dessen Metadaten von einem ausfallsicher angelegten "Brain" verwaltet werden, genau wie die Datenverteilung und die Handhabung der einzelnen Ressourcen.

Spezialisierung wird angestrebt – zumindest anfangs

Cloud ist hier einfach eine weitere Storage-Ressource dieser auf Datenobjekte und Files konzentrierten Lösung, nicht etwa Sekundär-Storage. Ein weiterer begünstigender Faktor für Storage-Startups ist, dass ihr Management seine Ideen in der Regel durch die Analyse der Lücken und Mängel bisheriger Lösungen entwickelt hat.

Das typische Führungsteam eines Storage-Startups bringt große technische, organisatorische oder vertriebliche Erfahrung aus der Branche mit. Oft kommen die Gründer geradewegs aus den Storage-Teams großer Hersteller wie IBMs XIV, EMC XtremeIO oder Netapp, wo sie ihre innovativen Ideen nicht oder nicht schnell genug in die Tat umsetzen konnten.

Andere haben bereits Erfahrungen in anderen Storage-Startups gesammelt. Fast alle Startups versuchen, sich deutlich durch die Auswahl eines möglichst klar abgrenzbaren Marktsegmentes zu differenzieren. So zielt

  • der All-Flash-Array-Anbieter Kaminario auf ausfallsichere Hochleistungsanwendungen, beispielsweise im Trading,
  • Noobaa auf heterogene Speicherlandschaften, in denen es um schmerzfreie Skalierung und Migration geht,
  • Reduxio auf den Markt der klassischen Unternehmensanwendungen wie Oracle,
  • Weka.io auf Objektdaten und
  • Iguaz.io auf Unified Storage von Objekten, No-SQL-Datenbanken und Echtzeit-Streams.

Freilich betonen die Firmen meist, später wolle man sich auf neue, angrenzende Themen ausdehnen und im Grunde könne man irgendwann doch alles oder zumindest vieles – was bedeutet, dass die meisten Firmen irgendwann dem ganzen etablierten Speichermarkt und ihresgleichen als Konkurrenten begegnen werden.

Ob und wie lange sich ein Startup hält, ob es gar zum großen, selbständigen Unternehmen heranwächst, hängt nicht nur von der Technik ab. Ein wichtiger Faktor ist die Exit-Strategie der Kapitalgeber. Gute Karten für eine störungsarme, langfristig ausgelegte Entwicklung haben Firmen wie Ctera, ein Spezialist für den sicheren, verteilten Datenzugriff für Unternehmen.

Bei dem Startup, dessen Management sich beim israelischen Militär kennenlernte, gehört Langlebigkeit nicht nur der Lösungen, sondern auch des Unternehmens laut CEO und Gründer Liran Eshel zum Programm. Zahlreiche Kooperationen, unter anderem mit IBM, und die Sicherheitsrelevanz der Firma machen eine Übernahme unwahrscheinlich.

Die vorrangige Strategie: gefressen werden

Eher schwierig dürfte sich vorläufig auch eine Übernahme von Infinidat gestalten. Denn Gründer und Hauptfinanzier Moshe Yanai bekundet vorläufig Interesse daran, das bereits profitable Unternehmen groß zu machen und lange unabhängig am Markt zu halten.

Unternehmen, die durch Venture Capital finanziert sind, an die Börse wollen oder schon dort sind, brauchen mehr Glück und Geschick, um langfristig unabhängig zu bleiben und groß zu werden, wenn sie es überhaupt anstreben. Sie benötigen kontinuierliche Steigerungen bei Wachstum und Gewinn, um für Investoren attraktiv zu sein.

Kleinere Startups, das zeigt die Erfahrung der vergangenen Jahre, werden in dem hochkonsolidierten Markt gern von einem der Großen der Branche einverleibt – sei es, um unliebsame Konkurrenz loszuwerden oder von neuen Ideen zu profitieren, die die eigenen trägen Strukturen wohl kaum hervorgebracht hätten.

Schließlich gibt es diverse große Infrastrukturanbieter, deren Storage-Portfolio lückenhaft bis nicht vorhanden ist, etwa Cisco, Huawei oder Lenovo, und die sich möglicherweise dringend verstärken möchten. Und auch der Appetit von Dell und IBM auf frische Ideen ist ungebrochen.

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