Dreistelliges Firmenjubiläum 100 Jahre Forschung und Entwicklung bei IBM

Redakteur: Dr. Stefan Riedl

Inwieweit sich Forschungsinvestitionen rechnen, lässt sich meist kaum messen. Wer in Jahrzehnten plant und Patente sammelt, dem ist dies jedoch (fast) egal.

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Die Mandelbrot-Mengen („Apfelmännchen“) faszinieren wegen ihrer Selbstähnlichkeit.
Die Mandelbrot-Mengen („Apfelmännchen“) faszinieren wegen ihrer Selbstähnlichkeit.
( Archiv: Vogel Business Media )

Nach 100 Jahren Firmengeschichte von IBM lässt sich sagen: Mit dem Thema Forschung ist Big Blue per Du und knausert nicht am Budget. Jüngstes Beispiel ist Watson, der Nachfolger des Schachweltmeisterbesiegers „Deep-Blue“. Wieder führt eine seelenlose Maschine – in diesem Fall eine Power-7-Maschine aus dem regulären Portfolio – menschliche Experten in ihrer Paradedisziplin vor. Nur geht es diesmal nicht um Schach, sondern um Jeopardy. Watson beherrschte seine rund 100 Gigabyte große Datenbank an Texten in Form von Millionen von Dokumenten aus dem Effeff. Darin sind beispielsweise Wörterbücher und Enzyklopädien enthalten, jedoch kein Internetzugang. Die Jeopardy-Champions verloren wie einst Garri Kasparow gegen Deep Blue.

Von echtem „Denken“ spricht man bei IBM hier, weil eine semantische Dimension bei der Aufgabenbewältigung hinzu kam. Immerhin gilt es bei Jeopardy, zu einer gegebenen Antwort eine sinnvolle Frage zu formulieren. Das Gerät faszinierte die Zuschauer. Beispielsweise als es einen Betrag von genau 6.435 US-Dollar setzte. Das Publikum lachte wegen der Exaktheit. Natürlich geht es hier nicht darum, in Game-Shows zu gewinnen.

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Watson gab die Richtung vor

Als Watsons Namensgeber Thomas J. Watson Sr. 1918 Forschungsprojekte wie diese fest in der Unternehmenskultur verankerte, war er unzufrieden mit dem Innovationstempo. Daher vereinte er die Entwicklungs- und Versuchsabteilung und setzte das Thema Forschung ganz oben auf die Agenda. Damit war der Grundstein für die inzwischen 70.000 Patente gelegt, die sich der Konzern selbst erarbeitete oder zukaufte.

1945 wurde an der Columbia University das Watson Scientific Computing Laboratory gegründet – das erste von einem Unternehmen geförderte Forschungslabor. Aus ihm entwickelte sich das „Thomas J. Watson Research Center“, an dem unter anderem Benoît Mandelbrot forschte. 1967 entwickelte er die fraktale Geometrie, die sich mit selbstähnlichen Systemen beschäftigt. Die so genannten „Apfelmännchen“ faszinieren noch heute eine regelrechte Community. Fernab der Kunst bot fraktale Geometrie neue Grundlagen beispielsweise in der Chaosforschung oder der Tumorerkennung.

Forschungserfolge

35 Xenon-Atome bilden den IBM-Schriftzug. (Archiv: Vogel Business Media)

Zu den großen Forschungserfolgen aus dem IBM-Umfeld zählt sicherlich auch die Entwicklung der Magnetstreifentechnologie für Kreditkarten im Jahr 1969, die inzwischen auf Ausweisen, Führerscheinen und Bankkarten quasi allgegenwärtig ist. Es folgte die Erfindung der Diskette, des Barcodes und des Laserdruckers. 1986 erhalten die IBM-Forscher Gerd Binnig und Heinrich Rohrer den Nobelpreis für Physik für das Rastertunnelmikroskop. Auch im Jahr darauf wird der Nobelpreis zwei IBM-Forschern, Georg Bednorz und Alex Müller, verliehen, die Hochtemperatur-Supraleiter entwickelt haben. Eher selten werden solche Forschungsergebnisse als IBM-Erfolg wahrgenommen. Anders im Jahr 1989, als IBM-Forscher publikumswirksam mit 35 Xenon-Atomen den Schriftzug „IBM“ formten.

Aktuelle Forschungsprojekte beschäftigen sich unter dem Motto „A smarter Planet“ beispielsweise mit Nanotechnologie, künstlicher Intelligenz, Lösungen für Ressourcenknappheit, Krankenaktenanalyse, Holografie und Spracherkennung. Über die Bildergallerie können Sie eine Zeitreise durch 100 Jahre Forschung und Entwicklung bei IBM antreten.

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Kommentar „Danke für die Escape-Taste!“

Wenn IBM-Forscher Xenon-Atome als IBM-Schriftzug anordnen, ist das schon beeindruckend. Eher banal kommt da die Erfindung der Escape-Taste daher.

Stefan Riedl , Leitender Redakteur IT-BUSINESS (Archiv: Vogel Business Media)

Bob Bemer, der „Vater des ASCII-Codes“ war von 1957 bis 1965 bei IBM für Programmierstandards zuständig. 1960 begann er seine Arbeit am ASCII-Code und sorgte dafür, dass PC-Tastaturen eine Escape-Taste bekamen.

Diese Erfindung – so banal sie erscheinen mag – hat die Benutzerführung in der PC-Software revolutioniert. Man hat sich irgendwie verklickt, und will einfach nur eine Ebene zurück – die Escape-Taste macht ihrem Namen alle Ehre und ermöglicht die Flucht.

Escape – Vorgang abbrechen? – Ja/Nein. So einfach können Benutzeroberflächen dank Bob Bemer sein.

Völlig unverständlich ist es, warum es so manche Software trotz Escape-Taste schafft, ihren Nutzer zu verwirren, mit Dialogen wie: Escape – Wollen Sie den Vorgang wirklich abbrechen? – Abbrechen/Weiter.

Heißt „Abbrechen“ in diesem Fall, dass der angestoßene Vorgang abgebrochen werden soll, oder soll der Abbruchvorgang abgebrochen werden? Heißt „Weiter“, dass das Abbrechen fortgesetzt werden soll, oder der angestoßene Vorgang?

Wer hier zu lange darüber nachdenkt, fällt entweder dem Irrsinn anheim, oder erlangt die Weisheit eines Zen-Meisters. Das ist wie bei Meditationsfragen wie „Im Urwald fällt ein Baum um, aber niemand ist da, der es hören konnte. Gab es ein Geräusch?“

Fakt ist, dass Dialoge mit dem Rechner noch viel komplizierter wären, hätte der Vater des ACSII-Codes nicht an sie gedacht. Danke für die Escape-Taste!

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