Marktforschung zu Digitalisierung

AWS und Azure werden zu groß

| Autor / Redakteur: Michael Hase / Rainer Graefen

Einen Höhepunkt des Canalys Channels Forum bildet traditionell die Keynote von Steve Brazier, dem CEO von Canalys.
Einen Höhepunkt des Canalys Channels Forum bildet traditionell die Keynote von Steve Brazier, dem CEO von Canalys. (Bild: Canalys)

Im Kontrast zur gängigen Digitalisierungseuphorie schlug Canalys-Chef Steve Brazier auf dem diesjährigen Channels Forum eine andere Tonlage an: Der Analyst wies auf die Risiken des Public-Cloud-Geschäfts hin. So warnte er, die Hyperscaler AWS, Azure und Google drohten so groß zu werden, dass ihr Scheitern eine wirtschaftliche Krise nach sich ziehen würde.

Ihn musste Canalys einfach einladen: Nachdem vor einem Jahr die damalige HP-Chefin Meg Whitman pünktlich zum Split des IT-Konzerns mit ihrer Keynote-Session das Canalys Channels Forum eröffnet hatte, führte diesmal kein Weg an Michael Dell vorbei.

Und der texanische IT-Unternehmer folgte tatsächlich der Einladung und reiste nach Barcelona. Allein das Selbstbewusstsein, das er nach dem erfolgreichen Abschluss des Kaufs von EMC, der teuersten Übernahme der IT-Geschichte, auf der Bühne zur Schau stellte, war Statement genug.

Neue Details zur Integration der beiden Unternehmen, die über das bis dato Bekannte hinausgingen, präsentierte Dell jedoch nicht. Bemerkenswert war indes sein Bekenntnis zur Technologiepartnerschaft von EMC mit Cisco bei konvergenten Infrastrukturen.

Der VBlock, der aus Hardware- und Software-Komponenten von Cisco, EMC und VMware besteht, vereine "das Allerbeste, das die IT-Industrie zu bieten hat, in einem integrierten System", betonte er. Eine solche Allianz werde sein Unternehmen fortsetzen.

Viele Fachhändler mögen gern vernommen haben, dass Dell den indirekten Vertrieb, wie er auf Nachfrage versicherte, inzwischen mehr schätzt als den direkten. Immerhin hatte er den Hersteller mehr als 20 Jahre lang konsequent als Direktvermarkter positioniert. Bei manchem Reseller wirkt daher das alte Feindbild bis heute nach. Mittlerweile liegt der Anteil des Partnergeschäfts am gesamten Umsatz von Dell laut dem Konzernchef bei rund 50 Prozent und soll künftig weiter erhöht werden.

Ergänzendes zum Thema
 
Canalys Channels Forum zieht nach Venedig um

Schlüssel-Event

Neben Dell gehörten Cisco, HPE, HP Inc. und Lenovo zu den Keynote-Sponsoren der europäischen Ausgabe des Canalys Channels Forum 2016. Die Konferenz hat sich über die vergangenen Jahre als Schlüssel-Event für Hersteller, Distributoren und Reseller aus Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) etabliert. Insgesamt wurde das Forum durch 31 Hersteller und zehn Distributoren unterstützt, die als Sponsoren auftraten.

„Digital First“ lautet in diesem Jahr das Motto des Events. Davon ließ sich allerdings niemand zu einem abgehobenen Digitalisierungs-Diskurs verleiten. Vielmehr standen in den Keynote-Sessions konkrete Strategien und Vermarktungsansätze der Hersteller im Mittelpunkt. Dazu stellten sich Gianfranco Lanci, COO bei Lenovo, Dion Weisler, CEO von HP Inc., Antonio Neri, General Manager der Enterprise Group bei HPE, und Edwin Paalvast, President EMEAR bei Cisco, den Fragen, die die Teilnehmer über die Konferenz-App an sie richteten. Moderiert wurden die Sessions von Steve Brazier, dem CEO von Canalys.

Einen Höhepunkt der Veranstaltung bildet traditionell die Keynote Braziers. Darin zeigt der Analyst nicht nur Branchentrends auf, sondern kommentiert sie auch scharfsinnig und leitet mitunter überraschende Einsichten daraus ab. Ausgehend vom Veranstaltungsmotto schlug er in diesem Jahr eine Tonlage an, die im Kontrast zur gängigen Digitalisierungseuphorie stand, und setzte sich mit den Schattenseiten der Public Cloud auseinander. Dabei zielte der Canalys-Chef mit seiner Kritik auf die großen Provider Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google.

Proprietär und teuer

Den Hyperscalern warf Brazier vor, dass sie ihre Kunden in eine proprietäre Umgebung einschließen und dass ihre Angebote, entgegen anderslautender PR-Aussagen, teuer seien. Darüber hinaus sieht der Marktforscher eine ernsthafte Gefahr, die sich aus dem starken Wachstum der drei Public Cloud Provider in Kombination mit dem Vendor-Lockin ergibt: Sie drohen zu groß werden, als dass sie scheitern dürfen ("too big to fail"), ohne eine wirtschaftliche Krise auszulösen.

Gründe für das mögliche Aus eines Providers könnten Brazier zufolge eine Naturkatastrophe, ein Totalausfall des Stromnetzes oder eine großangelegte Cyber-Attacke sein. Bei Amazon hält er zudem ein finanzielles Scheitern für denkbar. Anders als bei einem privaten Rechenzentrum würden solche Katastrophenszenarien bei einem Hyperscaler sofort Tausende von Unternehmen betreffen. "Die Vendor-Lockin- und die Too-big-to-fail-Problematik sind so gravierend, dass jeder dagegen protestieren sollte", resümierte der Analyst.

Im Gespräch mit IT-BUSINESS verglich Brazier seine mahnenden Worte mit Warnungen im Vorfeld der Finanzkrise von 2008/09, die zunächst ignoriert worden seien. Derzeit haben die Hyperscaler offenbar noch nicht die kritische Größe erreicht, bei der ihr Aus unweigerlich eine Krise nach sich ziehen würde. In einem Zeithorizont von etwa fünf Jahren hält der Experte ein solches Szenario aber für möglich, und „dann würde das Scheitern katastrophal werden“ .

Umsichtige Regulierung

Vor diesem Hintergrund wertete der Marktforscher die Zurückhaltung vieler deutscher Unternehmen gegenüber der Public Cloud nicht als Innovationsfeindlichkeit, sondern als Vorsicht. Auch deutschen Behörden bescheinigte er mit Blick auf ihre Regulierungstätigkeit eine umsichtige Haltung. Darin sieht der Brite ein Gegengewicht zum laxen Umgang von Internetriesen wie Facebook und Google mit dem Datenschutz. "Einer muss den amerikanischen Konzernen zeigen, dass sie nicht tun können, was immer ihnen beliebt."

Auf der Bühne kritisierte Brazier aber nicht nur AWS, Microsoft und Google, sondern auch Cisco, Dell, HPE und Lenovo. Mittelbar machte er auch sie dafür verantwortlich, dass die Hyperscaler in der öffentlichen Wahrnehmung eine dominierende Rolle spielen. Denn in der PR-Auseinandersetzung hätten die großen Infrastruktur-Anbieter den Public Cloud Povidern das Feld überlassen.

Daher nahm der Canalys-Chef seine Topsponsoren in die Pflicht: Gemeinsam sollten sie "einen einheitlichen Standpunkt dazu ausarbeiten, warum die Public Cloud nicht die Zukunft für alles sein kann". Denn genau das scheine das Gros der Investoren heute zu glauben. Die PR-Abteilungen der Hyperscaler hätten "exzellente Arbeit geleistet".

Den Trend, dass Unternehmen in zunehmendem Maße IT-Leistungen durch externe Provider beziehen, sei es weil sie sich davon mehr Flexibilität in ihrer IT versprechen, sei es weil sie ihren Kapitalaufwand ("Capex") reduzieren wollen oder weil ihnen schlicht die Ressourcen fehlen, diese Services selbst bereitzustellen, diesen Trend registriert freilich auch Canalys.

In diesem Kontext lobte Brazier die anwesenden Systemhäuser, dass sie angemessen auf diesen Bedarf ihrer Kunden reagiert hätten. Immerhin würden sich 15 Prozent der Partner, die am diesjährigen Forum teilnahmen, inzwischen als Managed Service Provider (MSP) bezeichnen. Von diesen Partnern vertreibe die Mehrzahl aber weiterhin auch Produkte. "Der Channel hat sich gegen spezialisierte MSPs behauptet", folgerte der Marktforscher daraus.

Die IT-Landschaft befindet sich derzeit in einem Umbruch, wie Canalys wenige Tage vor dem Event in einem kurzen, programmatischen Statement darlegte. Durch die Digitalisierung vieler Wirtschaftszweige steigt einerseits die Nachfrage nach neuen IT-Konzepten und -Lösungen. Bei klassischen Produktkategorien wie PCs, Servern und Storage, mit denen der Channel über viele Jahre sein Geschäft gemacht hat, bricht andererseits der Umsatz ein.

Neue Anforderungen

Auf diese Verschiebungen im Markt muss der Fachhandel reagieren. Reseller sollten "neue Dienstleistungsangebote entwickeln und neue Fähigkeiten ausbilden, um relevant für ihre Kunden zu bleiben", riet ihnen Alastair Edwards, Chief Analyst bei Canalys, in seinem Vortrag zum "Zustand des IT-Channels". Nach seinen Worten müssen Systemhäuser zunehmend in der Lage sein, Managed Services mit hoher Verfügbarkeit bereitzustellen und die Komplexität hybrider Cloud-Szenarien für ihre Kunden zu managen. Außerdem sollten sie Unternehmen geschäftsorientiert beraten können. Wie eine Canalys-Studie vom März dieses Jahres zeigt, haben sich viele Partner den neuen Anforderungen bereits gestellt.

Kommentare werden geladen....

Was meinen Sie zu diesem Thema?

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44341263 / Branchen/Mittelstand/Enterprise)