Kommentar von Dirk Schiller, Leader Cloud Solutions bei Computacenter Cloud-Reife ist nicht nur eine Frage der Technik

Autor / Redakteur: Dirk Schiller / Nico Litzel

Das Thema Cloud Computing wird als IT-Trend 2011 gehandelt und in den Medien, auf Fachkonferenzen und unter IT-Experten rege diskutiert. Neben Fragen zu Technologie, Sicherheit und Compliance wird ein Aspekt oft noch vernachlässigt: Cloud Computing erfordert eine grundlegende kulturelle Veränderung der IT-Organisation.

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Der Autor: Dirk Schiller ist Leader Cloud Solutions bei Computacenter
Der Autor: Dirk Schiller ist Leader Cloud Solutions bei Computacenter
( Archiv: Vogel Business Media )

Servicedenken und Kundenorientierung verwischen die Grenzen traditioneller Abteilungen für Netze, Client-Server und Storage. Organisationsstrukturen und Prozesse müssen Cloud-fähig gemacht werden und bei den Mitarbeitern gilt es, Vertrauen für die neue IT-Welt zu schaffen. IT-Leiter, die die Einführung von Cloud Computing planen, stehen also längst nicht nur vor technischen Herausforderungen wie der richtigen Wahl der Virtualisierungsplattform oder der Integration von Public Cloud-Angeboten in die eigene Infrastruktur. Sie brauchen auch eine geeignete Strategie, damit es im Unternehmen nicht zu einem Kulturschock durch die Cloud-bedingten organisatorischen und prozessualen Umwälzungen kommt.

Angst vor Jobverlust

Die Entscheidung für die Nutzung von Anwendungen, Plattformen oder sogar Infrastrukturen aus einer Public Cloud bedeutet Veränderung und stößt bei IT-Mitarbeitern auf entsprechende Skepsis. Die Angst vor dem Wegfall des eigenen Arbeitsplatzes oder einer radikalen Veränderung des eigenen Jobprofils vom operativen Experten hin zum Koordinator externer Dienstleister besteht.

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Wenn Unternehmen das eigene Rechenzentrum innerhalb einer Private Cloud dynamisieren, sind die Auswirkungen für das IT-Personal in der Regel weniger dramatisch. Da Cloud Computing ein Service-orientiertes Konzept ist, das IT-Dienste oder Prozesse standardisiert über Abteilungsgrenzen bereit stellt, müssen auch die Mitarbeiter bereit sein, Verantwortung für ganze Prozesse zu übernehmen.

Komplexe Technologien intelligent verpackt

Da auch eine Private Cloud nie auf Knopfdruck für das gesamte Unternehmen eingeführt wird, müssen zunächst die zu „cloudifizierenden“ Bereiche technologisch, prozessual und organisatorisch definiert werden. Jeder Bereich sollte anschließend auf seinen aktuellen Reifegrad hinsichtlich Cloud Computing untersucht werden. Daraus lassen sich Maßnahmen ableiten, mit denen eine Technologie, ein bestimmter Prozess oder die IT-Organisation Cloud-fähig gemacht werden können.

Diese Methodik liefert den roten Faden für die Einführung standardisierter IT-Services innerhalb einer Private Cloud. Danach vollzieht sich der phasenweise Übergang zum Cloud Computing in drei Schritten mit eng verzahnten technologischen und organisatorischen Aufgaben.

Damit die komplexe Cloud-Technologie überschaubar bleibt, werden im ersten Schritt IT-Technologien wie Server, Storage und die Virtualisierungsplattform innerhalb von festgelegten, funktionalen Blöcken gekapselt. Diese Einzelkomponenten werden sozusagen mit einer Motorhaube abgedeckt und sind dann als funktionierende Einheit verfügbar.

Ziel der Kapselung ist es, den Virtualisierungsgrad zu erhöhen sowie Betriebsabläufe zu strukturieren und zu vereinheitlichen. Durch besser strukturierte Abläufe werden administrative Tätigkeiten reproduzierbarer und weniger fehleranfällig.

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Vom Technologie- zum Servicedenken

Der zweite Schritt auf dem Weg in die Cloud ist die Automatisierung von Prozessen für die Bereitstellung von IT-Services. Durch die Kapselung sind bereits viele notwendige Arbeitsschritte bekannt. Zur Bereitstellung einer neuen Anwendung gehören beispielsweise deren Anforderung, Freigabe, die Rechtevergabe, das System Management und die Kostenverrechnung.

Jetzt gilt es, diese Abläufe zu automatisieren und den jeweiligen IT-Teams die Automation und Überwachung der relevanten Teilprozesse zu ermöglichen. Wiederkehrende Schritte im Prozessablauf werden so effizient, nachvollziehbar und in gleichbleibender Qualität ausgeführt. Die IT überwacht und steuert die automatisierten Betriebsprozesse, anstatt die Einzelaufgaben wie früher manuell zu erledigen. Die Mitarbeiter übernehmen die Verantwortung für komplette Prozesse, können mehr Ressourcen betreiben oder ihre Zeit für strategisch-planerische Aufgaben nutzen.

Wie kann die IT-Organisation als Ganzes die von der Cloud geforderten Veränderungen abbilden? In den neuen Prozessketten und Infrastrukturblöcken verschmelzen vormals getrennte Technologien wie Server, Speicher oder Netzwerke. Mit zunehmendem Virtualisierungsgrad müssen die Betriebsabläufe und Zuständigkeiten neu strukturiert und verzahnt werden.

Einen sauberen Schnitt wagen

Für die bereits erwähnten virtualisierten Funktionsblöcke übernimmt in der Praxis noch häufig die Serverabteilung die Verantwortung. Diese Lösung greift allerdings nicht weit genug, denn Serverexperten sind nicht zwangsläufig auch in allen Netzwerk- und Speicherfragen erfahren. Sinnvoller ist es, einen sauberen Schnitt zu wagen und die funktionale IT-Organisation mittelfristig durch eine ablauforientierte Organisation zu ersetzen.

In einer serviceorientierten Struktur könnte dann eine Abteilung für Planung, Aufbau und Betrieb von Infrastrukturdienstleistungen entstehen. Diese tiefgreifende organisatorische Veränderung sollte je nach Unternehmensgröße über einen längeren Zeitraum hin umgesetzt werden, um auch die Mitarbeiter auf die Veränderung vorzubereiten.

IT- oder Produktmanager?

Der dritte Meilenstein zur Cloud markiert den Übergang zum serviceorientierten, bedarfsgerechten Cloud Computing. An dieser Stelle werden IT-Verantwortliche zu Produkt-Managern. IT-Dienste müssen in einem Servicekatalog zusammengefasst, als Produkte definiert und mit einem Preis versehen werden.

Ziel ist es, die Dienste so zu standardisieren, dass Fachabteilungen, aber auch externe Partner diese auf Knopfdruck und bei Bedarf abrufen können. Wichtig ist, dass klare Spielregeln bestehen, welcher Individualisierungsgrad zulässig und möglich ist und wie individuelle Leistungen verrechnet werden. Standarddienste wie Mail, File oder Print sind perfekte Kandidaten für das Cloud-Modell, da sie ohnehin von der Unternehmensführung kritisch nach Kosten bewertet werden.

Die IT transformiert sich von einer internen Kostenstelle zu einem serviceorientierten Dienstleister. Dieser agiert proaktiv und kundenzentriert, was für IT-Mitarbeiter zunächst sicher gewöhnungsbedürftig ist.

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Leuchtturmprojekte schaffen Akzeptanz

Unternehmen, die die eigenen Mitarbeiter für die Cloud-Idee gewinnen möchten, sollten den Weg hin zum flexiblen Wolkenrechnen in kleinen, gut geplanten Etappen beschreiten und die Betroffenen frühzeitig in die Teilprojekte einbeziehen. Vom Projektfortschritt her muss Cloud Computing im Unternehmen eher einer Evolution denn einer Revolution gleichen.

Alte Gewohnheiten aufgeben

Trotzdem bleibt die Einführung einer Private Cloud vom Veränderungsgrad her technologisch, aber auch personell und organisatorisch ein echter Paradigmenwechsel: Mitarbeiter müssen alte Gewohnheiten aufgeben, neue Kompetenzen erwerben und sich in neue Rollen und Aufgaben einfinden.

Damit das Change-Projekt ein Erfolg und kein Kulturschock wird, muss Akzeptanz für die einzelnen Übergangsschritte geschaffen werden. Das funktioniert am besten mit positiven Erfahrungen, die aus einzelnen Machbarkeitsnachweisen gewonnen werden. Sogenannte Leuchtturmprojekte in speziellen Teilbereichen im Unternehmen helfen, die prinzipielle Durchführbarkeit von Cloud-Vorhaben zu belegen.

Die Verantwortlichen erkennen so zunächst im Kleinen, welche Veränderungen auf sie zukommen. Viele Unternehmen entscheiden sich für Leuchtturmprojekte im Bereich der Clientvirtualisierung. Nach erfolgreichen Tests kann hier mit der Produktion von Desktopservices begonnen werden, die auch den Endanwender mit einbeziehen.

Funktioniert der automatisierte Service schließlich in der Praxis einwandfrei, sinken die Kosten und der Aufwand für die Installation, Wartung und den Betrieb der Clients für die IT-Mitarbeiter. Die Anwender können sich über die schnellere und unkomplizierte Bereitstellung aktueller Hard- und Software freuen. Am Ende sorgen positive Erlebnisse im Arbeitsalltag bei allen Mitarbeitern für Akzeptanz und Vertrauen.

Fazit

Um das Thema Cloud Computing kommt künftig kein Unternehmen und auch kein IT-Mitarbeiter mehr herum. Das Modell hilft, Kosten für den IT-Betrieb zu optimieren und erhält die Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit von Organisationen.

Nach Prognosen der Experton Group wird der Umsatz mit Cloud-Technologien bis 2015 um fast 50 Prozent pro Jahr steigen. In den kommenden Jahren werden große Unternehmen und der gehobene Mittelstand Cloud-Angebote in Kombination mit der eigenen Infrastruktur nutzen. Die Herausforderung besteht einmal darin, den optimalen Mix aus externen Services und eigenen Diensten zu finden.

Darüber hinaus sollten Unternehmen wissen, dass Cloud-Projekte tiefgreifende Veränderungen bei Prozessen und Organisation erfordern. Die Technologie kann diesen formellen Überbau eigentlich nur unterstützen, damit Cloud Computing den erwarteten Mehrwert bringen kann.

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