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Moderne Fahrzeuge als Dienstanbieter – Bereitstellung und Vernetzung in der Cloud Das Auto als IT- und Infotainment-Client

Autor / Redakteur: Jan Appl und Oliver Oswald* / Rainer Graefen

Auch wenn die konkreten Ergebnisse bislang noch mau ausfallen, Automobilunternehmen arbeiten heute mit Hochdruck an vernetzten Fahrzeugen. Sofern ein permanent möglicher Datenaustausch etabliert ist, sollen sich für Unternehmen und Konsumenten zahlreiche neue Dienste und Services auftun. Der Cloud als Speicherplatz für all diese Daten kommt dabei eine enorme Bedeutung zu.

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Der Porsche Cayenne GTS 3 im Gebirge.
Der Porsche Cayenne GTS 3 im Gebirge.
(MHP, a Porsche company)

Ein Vater besucht mit seinem Sohn, der gerade den Führerschein gemacht hat, einen befreundeten Autohändler, um das erste eigene Fahrzeug zu kaufen. Das vorgestellte Modell hat alles, was begeistert: einen dynamischen Motor, ein straffes Fahrwerk und ein sportliches Design.

Jedenfalls sehen das Vater und Händler so. Den Sohn dagegen interessiert nur, wo er die Schnittstellen für sein Smartphone findet. Die Anekdote zeigt gut, wie sich die Anforderungen von Fahrern der jüngeren Generationen an ihre Autos ändern.

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Man kann damit auch Autofahren

Für sie zählen die technologischen Möglichkeiten, die es ihnen ermöglichen, sich unterwegs zu informieren, zu unterhalten oder mit Dritten auszutauschen. Viele Zylinder und ein großer Hubraum überzeugen kaum noch – das Gegenteil ist eher der Fall.

Um die Konsequenz daraus zugespitzt zu formulieren: Das Auto wird zum Infotainment Client und damit zur rollenden Erweiterung des Smartphones im vernetzten Ökosystem. Dieser Wandel hat zwar in den letzten Jahren enorm an Dynamik gewonnen, deutet sich aber schon länger an.

Entsprechend bemühen sich die Hersteller seit Jahrzehnten, den neuen Bedürfnissen ihrer Kunden gerecht zu werden. Sie verbauten zunächst immer leistungsfähigeren Soundsysteme, anschließend integrierte Navigationsmodule sowie Freisprechanlagen und schließlich Schnittstellen für verschiedene mobile Endgeräte. Die Motorleistung trat dabei immer mehr in den Hintergrund.

Infotainment versus Motorleistung.

Der Versuch der OEMs, dabei immer auf dem aktuellen Infotainment-Stand zu bleiben, scheitert bislang allerdings. Das deshalb, weil die Fahrzeugentwicklung mit dem Informations- und Kommunikationstechnologischen Fortschritt nicht Schritt halten kann.

An einem Modell, das heute am Markt eingeführt wird, arbeitet ein Hersteller seit zwei bis drei Jahren. 2009 nahm die Verbreitung von Smartphones und mobilem Internet erst langsam Fahrt auf, heute sind permanent surfende Menschen ein gewohntes Bild.

Hinzu kommt die hohe Lebensdauer von Fahrzeugen. In einem Auto, das acht, zehn oder zwölf Jahre unter den Rädern hat, kann kein modernes Infotainment-Angebot erwartet werden. Die Konsequenz: Die Möglichkeiten, die ein Fahrzeug bieten kann, erreichen niemals dem aktuellen Stand der vernetzten Infotainment-Welt.

Maschine-Umwelt-Kommunikation

Parallel zu dieser Entwicklung nahmen auch die Bedeutung und das Ausmaß von eingebetteten Bordsystemen kontinuierlich zu. Heute wird nahezu jeder Vorgang elektronisch und IT-seitig unterstützt – vom lebenserhaltenden Bremssystem bis zum intelligenten Schiebedach, das bei Regen schließt.

Dabei fallen unzählige Daten an, die ausgelesen werden können und die etwa dazu dienen, den Zustand des Fahrzeugs permanent zu überprüfen bzw. den Zustand an aktuelle Umweltgegebenheiten anzupassen – zum Beispiel bei der regelmäßigen Inspektion, bei Anpassungen an der Fahrzeugdynamik bei unterschiedlichen Straßenlagen.

Das Fahrzeug als ein weiterer Dienstanbieter in der Cloud

Beide Trends – der Ausbau der Informations- und Unterhaltungselektronik sowie der Bordsysteme – haben dazu geführt, dass in Autos mittlerweile eine Unmenge von Daten vorhanden sind, die übertragen, gespeichert und verarbeitet werden müssen.

Eher früher als später wird in den Fahrzeugen schlicht der Platz fehlen, um kurzzeitig die Rohdaten zu speichern, die verarbeiteten Information mittelfristig abzulegen und die immer komplexer und einem immer schneller werdenden Anpassungszyklus unterworfene Verarbeitungslogik zu unterstützen.

Individualisierte Serviceintervalle

Mit der permanenten Anbindung von Fahrzeugen an das Internet – die Hersteller arbeiten mit Hochdruck an dem Thema – zeichnet sich für diese Situation ein eleganter Ausweg ab. Eine entscheidende Rolle müsste dabei der Cloud als zentraler Speicherplattform zukommen.

Sämtliche Daten, die vom Auto selbst produziert werden, könnten in Echtzeit via Internet übertragen und in der Wolke abgelegt werden. Für die Hersteller hätte das den Vorteil, dass sie direkt und jederzeit auf Informationen zu jedem einzelnen Fahrzeug zugreifen könnten. So ließen sich bestehende Geschäftsprozesse verbessern und neue Services entwickeln.

Denkbar wäre etwa, dass der Fahrer rechtzeitig eine Nachricht über den Verschleiß eines Bauteils erhält, sein Händler ihm einen Werkstatttermin vorschlägt und das Ersatzteil rechtzeitig bestellt wird.

"iCAR"

Zudem könnten in der Cloud zahlreiche Informations- und Unterhaltungsangebote abgelegt sein, die das Auto bei Bedarf abruft: Musiktitel, das Adressbuch oder Kartenmaterial für die Navigation – und zwar in der gleichen personalisierten Art und Weise, die der Fahrer auch bei anderen Wiedergabegeräten nutzt.

Auf diese Weise wäre auch sichergestellt, dass die Informationen immer auf dem neuesten Stand sind. Möglich wäre es auch, in der Cloud oder auf einem Smartphone spezifische Fahrzeugkonfigurationen zu speichern. Mit dem Smartphone als virtuellem Schlüssel könnte selbst der Fahrer eines Mietwagens automatisch die richtige Sitzposition einstellen, die von ihm bevorzugten Radiosender anwählen oder sogar die komplette Buchungs-und Rückgabeabwicklung durchführen.

Das integrierte Fahrzeug

Alles deutet darauf hin, dass Fahrzeuge in Zukunft keine weitgehend autarken und isolierten Elemente im Leben des Fahrers mehr sind. Vielmehr werden sie in das ihn umgebende Infotainment-Ökosystem integriert werden und müssen zusätzlich eine weitere Dienstleistung, nämlich den Transport von A nach B, bereitstellen.

Dabei muss sich diese Dienstleistung nahtlos in die den Fahrer umgebenden Leistungen einfügen lassen. Der Stellenwert des Fahrzeugs wird sich also über die nahtlose Integration und nicht über losgelöste Elemente wie Geschwindigkeit oder Motorleistung definieren.

Diese Integration muss aber deutlich weiter gehen, als lediglich die Sozialen Netzwerke im Bordcomputer anzuzeigen – was im Großen und Ganzen der aktuelle Stand ist. Den Herstellern wird daher nichts übrig bleiben, als sich in Zukunft nicht mit dem Fahrzeugen alleine zu beschäftigen, sondern auch mit deren Vernetzung in die Welt des Fahrers und der Bereitstellung von integrierten Inhalten.

Erfahren Sie mehr über die Zukunft der IT im Automobil auf der AutomotiveCOM2012 in Wolfsburg.

*Jan Appl, Associated Partner und Leiter Competence Center Strategien, Architekturen und Methoden bei Mieschke Hofmann und Partner (MHP), und Dr. Oliver Oswald, Partner bei Mieschke Hofmann und Partner (MHP)

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