Megafusion abgeschlossen

Dells Eintrittskarte in das High-End-Storage-Geschäft

| Autor: Tina Billo

Duch den Zusammenschluss mit EMC will Dell die hauseigenen Server-Systeme eng mit den Storage-Lösungen von EMC verknüpfen, um die eigene Stellung im Speichermarkt - vor allem im Enterprise-Sektor - zu verbessern.
Duch den Zusammenschluss mit EMC will Dell die hauseigenen Server-Systeme eng mit den Storage-Lösungen von EMC verknüpfen, um die eigene Stellung im Speichermarkt - vor allem im Enterprise-Sektor - zu verbessern. (Bild: Hananexposures 2015)

Kaum über "Los gegangen" ist Dell Technologies "dem Wettbewerb um Jahrzehnte voraus". So zumindest sieht es Michael Dell. Sein Ziel ist es, den durch die Fusion von Dell und EMC entstandenen Großkonzern zu einem Komplettanbieter von Informationstechnologien zu entwickeln. Schon jetzt könnte man im Gegensatz zu HPE, IBM, Cisco oder Lenovo das "breiteste und innovativste Portfolio der Branche für nahezu jeden Anwendungsfall" anbieten.

Am 7. September war es soweit: elf Monate nach Dells Ankündigung, EMC übernehmen zu wollen, gab die chinesische Kartellbehörde grünes Licht für den bislang größten Deal in der Geschichte des IT-Marktes.

67 Milliarden US-Dollar nahm der Computerbauer für den Storage-Spezialisten in die Hand, der vor allem bei mittelgroßen und großen Unternehmen stark im Geschäft ist. Dell hingegen adressiert mit seinen Server- und Speicherlösungen traditionell KMUs.

Dennoch gibt es Überschneidungen. Wie aus einem von Guy Churchward, President der Core Technology Division bei EMC, veröffentlichten Blog hervorgeht, sollen jedoch sowohl die EMC Unity- als auch die Dell SC-Serie zunächst gleichberechtigt nebeneinander bestehen bleiben. Zu der Zukunft von Dell PS oder EMC VNX äußerte er sich hingegen noch nicht.

In ein anders Horn bläst Tom Sweet, Chief Financial Officer des neu gebildeten und ab sofort unter dem Namen Dell Technologies firmierenden Megakonzerns. Die Produktüberlappungen seien gering, vielmehr handele es sich um "komplementäre Lösungsportfolien".

"Cross-Selling" soll neue Türen öffnen

Analysten beurteilen dies bislang ähnlich. Auch aus ihrer Sicht scheinen sich die Produkte, die Expertise und die Vertriebsstrukturen der nun miteinander verbundenen Unternehmen recht gut zu ergänzen. Unter anderem erwarten sie, dass Dell die hauseigenen Server-Systeme eng mit den Storage-Lösungen von EMC verknüpfen wird, um die eigene Stellung im Speichermarkt - vor allem im Enterprise-Sektor - zu verbessern.

Außerdem entstünden vielfältige "Cross-Selling"-Möglichkeiten, so ließen sich künftig auch Dell-Produkte an hochkarätige Großkunden verkaufen. Dies würde dabei helfen, neue Einnahmequellen zu erschließen und damit das schwächelnde Hardware-Geschäft zu kompensieren.

Das ist auch bitter nötig, denn die PC-Hersteller kämpfen bereits seit sieben Quartalen in Folge mit rückläufigen Umsätzen. Im zweiten Quartal 2016 belief sich die Zahl der ausgelieferten Geräte laut Gartner auf rund 65 Millionen Einheiten und lag damit 5,2 Prozent unter dem vergleichbaren Vorjahreswert.

Die Marktforscher rechnen damit, dass Anbieter von Server-, Speicher- und Netzwerk-Systemen in den kommenden Jahren von einer ähnlichen Entwicklung betroffen sein werden.

"Einzigartiges IT-Powerhouse"

Die Fusion eröffnet den beiden auf ihren Stammgebieten als führend geltenden Branchengrößen somit die Chance, in neu aufkommenden und als wachstumsstark angesehenen IT-Geschäftsfeldern an vorderster Front mitzuspielen. Denn das kombinierte Portfolio umfasse schon heute Lösungen für konvergente Infrastrukturen, das softwaredefinierte Rechenzentrum, Mobility-, Big-Data-Analytics- oder Cyersecurity-Anwendungen sowie Plattform-as-a-Service-Angebote.

Diese seien unverzichtbar, um im digitalen Zeitalter zu bestehen. Aus Sicht von Michael Dell, sei die daraus resultierende industrielle Revolution bereits voll im Gange. "Unsere Welt wird zunehmend intelligenter und ist jede Minute besser vernetzt. Letztlich wird sie mit einem großen Internet der Dinge verbunden sein." Um sich dafür zu wappnen, wären Kunden auf völlig neue Netzwerkstrukturen und Rechenzentren angewiesen.

Genau diese will man liefern können, denn durch die Bündelung der Kompetenzen unter dem Dach von Dell Technologies verfüge man jetzt über die notwendigen Ressourcen, um künftig verschiedenen Kundengruppen - von kleineren Firmen über den Mittelstand bis hin zu großen Unternehmen - exakt auf ihre Anforderungen zugeschnittene Produkte und Lösungen anzubieten.

Der nur noch als Berater agierende langjährige Chairman und Chief Executive Officer von EMC, Joe Tucci, bringt es wie folgt auf den Punkt: "Durch die Verbindung von Dell und EMC ist ein neues Powerhouse entstanden, dass die grundlegenden Technologien für die nächste IT-Ära bereitstellen kann."

Ausbau der Führungsposition ist oberstes Gebot

Mit 140.000 Mitarbeiter in über 180 Ländern, von denen 40.000 im Vertrieb aktiv sind und sich 30.000 um den Kundendienst sowie Support kümmern, sowie 25 Produktionsstandorte rund um den Globus, fühlt sich der größte in privater Hand befindliche Technologiekonzern hierfür gut gerüstet. Auch der Channel sei im Vergleich zum Mitbewerb schlagkräftiger.

Dementsprechend ist Dell Technologies auf gutem Wege, dem Anspruch seines Chairman und CEO Michael Dell - "Wir wollen immer die Nummer eins sein"- gerecht zu werden. Bereits heute nimmt der durch den Zusammenschluss entstandene IT-Gigant in Teilmärkten eine Führungsposition ein. Mit seinen Lösungen ist das Unternehmen bereits in 20 der von Gartner aufgelegten "Magischen Quadranten" vertreten und nennt nach eigenen Angaben über 20.000 Patente und Patentanmeldungen sein eigen.

Damit dies auch künftig so bleibt, plant das Gemeinschaftsunternehmen künftig 4,5 Milliarden US-Dollar in Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu investieren.

Flexibilität eines Startups, Reichweite eines Großkonzerns

Hinzu kommt, dass Dell Technologies bei seiner Organisationsstruktur darauf setzt "so flexibel und innovativ wie ein Startup-Unternehmen zu sein sowie gleichzeitig die globale Reichweite und das Dienstleistungsspektrum eines Großunternehmens zu bieten".

Um dies zu erreichen, sind die Mitglieder der Familie in drei übergeordneten Geschäftsbereichen – der Dell Client Solutions Group, der Dell EMC Infrastructure Solutions Group sowie den Dell EMC Services – und drei strategisch mit dem Mutterkonzern verbundenen hundertprozentigen Töchter organisiert.

Dell Technologies will mit seiner Organisationsstruktur die Flexibilität und Innovationskraft von Startups mit der globalen Reichweite und dem Dienstleistungsspektrum eines Großunternehmens verbinden.
Dell Technologies will mit seiner Organisationsstruktur die Flexibilität und Innovationskraft von Startups mit der globalen Reichweite und dem Dienstleistungsspektrum eines Großunternehmens verbinden. (Bild: Dell Technologies)

Die Dell Client Solutions Group ist dabei für den Vertrieb von PCs, Notebooks, Tablets, Monitoren, Druckern, Projektoren, den Endpoint-Sicherheitslösungen sowie der Software und dem Zubehör von Drittanbietern zuständig.

Die Dell EMC Infrastructure Solutions Group konzentriert sich hingegen auf das Enterprise-Segment, insbesondere das Cloud- und Rechenzentrumsgeschäft. Hier sind die Netzwerk-, Server- und Storage- sowie Hybrid-Cloud- und Big-Data-Lösungen der nun verschmolzenen Unternehmen angesiedelt.

Bei Dell EMC Services handelt es sich, wie schon am Namen abzulesen, um die Service-Organisation, die beide Subdivisionen unterstützt und Kunden sowie Partnern bei der Umsetzung ihrer IT-Projekte mit Beratungsleistungen und technischem Know-How zur Seite steht.

Zur Dell EMC Infrastructure Solutions-Gruppe gehören zudem der Cloud-Anbieter Virtustream sowie der Sicherheitsspezialist RSA. Diese sollen jedoch als eigenständige Marken weitergeführt werden. Gleiches gilt für Pivotal, Secureworks und VMware, die künftig unabhängig vom Mutterkonzern operieren sollen. Der als Kronjuwel geltende Virtualisierungsmarktführer wird als einzige Tochter weiterhin an der Börse geführt.

Gleiches Ziel, gegensätzliche Strategien

Mit dem erweiterten Angebot an Speicherdiensten sieht sich Dell Technologies besser aufgestellt, um vor allem dem Mitbewerber HPE Paroli bieten zu können. Um mit der anziehenden Nachfrage Schritt zu halten, die mit dem Wechsel auf cloudorientierte Business-Landschaften einhergeht, haben beide Unternehmen in der jüngsten Vergangenheit ordentliche Restrukturierungen vorgenommen. Allerdings sind die Strategien, die ihnen im Rennen die Pole-Position sichern sollen, vollkommen unterschiedlich.

So kündigte HPE Anfang des Monats an, sein Softwaregeschäft auslagern zu wollen. Im Rahmen der 8,8 Milliarden US-Dollar schweren Fusion mit dem britischen Hersteller Micro Focus, gliedert das Unternehmen Assets aus, die nicht zum künftigen Kerngeschäft zählen. Unter anderem handelt es sich dabei um Big-Data-, Enterprise-Security-, Application-Delivery-, Information- und IT-Operations-Management-Anwendungen. HPE sieht die Transaktion als einen entscheidenden Schritt auf dem Weg an, sich zu einem schneller wachsenden, profitableren und Cash-Flow-starken Unternehmen zu entwickeln.

Dell hingegen setzte auf die Übernahme des Speichergiganten EMC und verleibte sich damit auch die Töchter VMware, Virtustream, RSA und Pivotal ein. Der Fokus liegt auch bei Dell Technologies darauf, "schnell und flexibel" zu bleiben.

Von Vorteil sei dabei, nicht an der Börse gelistet zu sein. Dadurch müsse man nicht länger quartalsweise denken, sondern in Dekaden, und könne unabhängig vom Druck der Aktionäre operieren sowie auf lange Sicht investieren. Ergebnis sei, dass sich vollständig an Kundenbedürfnissen orientierte Lösungen und neue Technologien rund um das Internet der Dinge, die Cloud, Cybersecurity oder Predictive Analytics frei entwickeln ließen.

Die Zukunft heißt „Hybrid“

Dell Technologies und HPE verbindet eine weitere Gemeinsamkeit: Beide Unternehmen verfolgen eine hybride IT-Strategie. Dies kommt nicht von ungefähr, denn viele Kunden schrecken weiterhin davor zurück, ihre sensiblen Daten in öffentliche Clouds zu verlagern. Dies gilt gerade für diejenigen, die in der Finanzbranche oder dem Gesundheitswesen zu Hause sind, aber auch für Regierungseinrichtungen und Behörden. Nach wie vor bevorzugen sie ihre Informationen auf eigenen Servern und Speichern vorzuhalten, anstelle sie in fremde Hände zu geben.

Die von Gartner prognostizierten Wachstumsraten spiegeln dieses Bild wieder. 2018 soll der mit Rechenzentrumslösungen einschließlich Servern, Storage- und Netzwerkkomponenten voraussichtlich erzielbare Umsatz bei 156 Milliarden US-Dollar weltweit liegen – 2013 verbuchten die Hersteller 119 Milliarden US-Dollar. Die Wachstumsrate bei öffentlichen Cloud-Diensten beziffert das Analystenhaus in diesem Zeitraum mit 22 Prozent beziehungsweise 60 Milliarden US-Dollar.

Noch rasanter soll sich mit jedoch der Markt für private Cloud-Dienste entwickeln. Obwohl der erwartete Umsatz mit 45 Milliarden US-Dollar geringer ausfällt, entspricht dies einer Steigerung in Höhe von 32 Prozent. Da sowohl bei internen als auch hybriden Cloud-Lösungen noch kein Marktführer ausgemacht werden kann, wittern die traditionellen Hersteller daher hier ihre Chance.

Dicht auf den Fersen von HPE, Cisco und Microsoft

Gemäß eines kürzlich von der Synergy Research Group veröffentlichten Berichts holt Dell auf dem Weg, sich die Krone in den Segmenten Hardware für die private und die öffentliche Cloud sowie Cloud-Infrastruktur-Software aufzusetzen, kräftig auf.

So gelangt es Dell Technologies im zweiten Quartal 2016 bereits sich in Sachen Private-Cloud-Hardware auf Platz zwei zu schieben - hinter HPE und vor Cisco.

Auch bei einer übergreifenden Betrachtung des gesamten Cloud-Hardware-Marktes werden die Abstände knapper - hier verzeichnet HPE einen Anteil von 15 Prozent, gefolgt von Cisco mit 14 Prozent und Dell EMC mit 13 Prozent. Bei Software-Lösungen für Cloud-Infrastrukturen rangiert die Dell Technologies Tochter VMware direkt hinter dem Marktführer Microsoft.

Durch die nun unter dem Dach Dell Technologies vereinten Kräfte verändern das Marktbild.
Durch die nun unter dem Dach Dell Technologies vereinten Kräfte verändern das Marktbild. (Bild: Synergie Research Group)

Die Schlacht ist eröffnet

Ob sich die Übernahme von EMC tatsächlich als Super-Coup erweist, wird sich erst in der Zukunft zeigen. Zwar gab sich Michael Dell beim Abschluss der Übernahme nach Texaner-Manier überzeugt, dass dies ein historischer Moment für Dell und EMC sei. "Mit unserer Supply Chain, unserer Größe und unserem Go-to-market fühlen wir uns auf den neuen und klassischen Gebieten der IT gut positioniert", führte er am Stichtag aus. Dies schaffe auch die Grundlage dafür, in der Konsolidierungsphase im Server- und Storage-Geschäft, zu gewinnen.

Doch so leicht lassen sich die Mitbewerber nicht aus dem Ruder bringen. Zwar räumten sie ebenfalls ein, dass es sich bei der Fusion um eine historische Transaktion handele. Versuchen aber zeitgleich, die stets mit Integrationsprozessen verbundene Unsicherheit bei Kunden, Partnern und dem Channel für sich zu nutzen.

Lenovo beispielsweise äußerte, dass Rechenzentrumsbetreiber durch den Zusammenschluss nunmehr vor schwierigen Entscheidungen stehen würden. Zum einen, weil nicht klar wäre, wie sie nun die Vorteile von Cloud-Computing und IT-Lösungen der nächsten Generation für bei ihnen anstehende Transformationsprozesse ausschöpfen könnten. Zum anderen, ob die anstehende Integration zwei komplexer Produkt-Portfolios nicht die Umstellung ihrer bestehenden Infrastruktur erschweren würde. Und so bot sich das Unternehmen im gleichen Atemzug als starke Alternative an, "um Kunden durch diese stürmische Zeit zu begleiten".

Der Schlagabtausch läuft

Auch HPE oder IBM reagierten, wenngleich auf unterschiedliche Weise. So lud HPE hunderte Partner von Dell-EMC kürzlich zu seiner Discover-Konferenz in Las Vegas ein, um ihnen im Rahmen von Meetings, Produktpräsentationen und Abendveranstaltungen das hauseigene Angebot vorzustellen. Mit dem Ziel, sie für dessen Vertrieb zu gewinnen.

Doch Dell Technologies lässt sich die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen und konterte bei der vom 12. bis zum 14. September in Boston stattgefundenen Partnerkonferenz des Unternehmens mit einer Guerilla-Marketingaktion. Große Ballons mit Dell-EMC-Logo und Botschaften wie "#1 in external storage", "#1 in cloud infrastructure" und"#1 in all-flash-storage", verschafften dem Unternehmen die gewünschte Aufmerksamkeit.

IBM hingegen stellte jüngst ein "Flash In"-Programm vor, dass Unternehmen eine leichte Speichermigration unter anderem von Dell/EMC- hin zu IBM Storage-Lösungen ermöglichen soll. Fazit: Lasst die Spiele beginnen.

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