Transformative Vorteile überwiegen die Komplexität Die Multi-Cloud ist nichts für schwache Nerven

Autor / Redakteur: Umashankar Lakshmipathy* / Elke Witmer-Goßner

Cloud Computing konnte in den vergangenen Jahren ein starkes Wachstum erzielen – und dies sowohl im Hinblick auf den Umfang der Nutzung als auch auf die Beliebtheit bei Unternehmen, Regierungen, Behörden und sogar Einzelanwendern.

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Ein Unternehmen, das sich mit einer fundierten Strategie auf Multi-Cloud einlässt, wird feststellen, dass der Nutzen die Komplexität deutlich überwiegt.
Ein Unternehmen, das sich mit einer fundierten Strategie auf Multi-Cloud einlässt, wird feststellen, dass der Nutzen die Komplexität deutlich überwiegt.
(Bild: ©Jeanette Dietl - stock.adobe.com)

Tatsächlich kann man die Technologie als das Fundament der digitalen Transformation, die aktuell weltweit stattfindet, bezeichnen. Mittlerweile gibt es verschiedene Cloud-Modelle für unterschiedliche Anforderungen; diese reichen von On-Premises-Lösungen über Private und Public Clouds bis hin zu hybriden Modellen. Die Evolution einer Multi-Cloud-Umgebung ist der unvermeidliche nächste Schritt.

So belegt der 2020 Global Networking Trends Report von Cisco, dass Multi-Clouds immer beliebter werden. 29 Prozent der befragten IT-Führungskräfte gaben an, innerhalb der kommenden zwei Jahre eine Kombination aus Netzwerkkapazitäten in On-Premises-, Hybrid- und Multi-Cloud-Umgebungen nutzen zu wollen. Bereits jetzt nutzen laut dem 2020 State of the Cloud Report 93 Prozent der Organisationen mehr als eine Cloud.

Der gängigste Multi-Cloud-Ansatz in Unternehmen ist eine Mischung aus mehreren Public und Private Clouds – dieser Trend zeigt, dass Firmen sich zunehmend wohler damit fühlen, selbst sensible und kritische Daten in die Cloud zu verlagern. Die aktuelle COVID-19-Pandemie befeuert diese Entwicklung zusätzlich und schafft die notwendigen Voraussetzungen für einen Wendepunkt. So prognostiziert beispielsweise Gartner, dass 2021 mehr als die Hälfte der globalen Unternehmen, die bereits die Cloud nutzen, eine „All-in-Cloud“-Strategie einführen werden. Dies gilt insbesondere für Organisationen in Europa, die bei der Einführung von Cloud-Technologien bisher hinter denen in Nordamerika und Asien zurückgeblieben sind.

Steigender Einsatz der Multi-Cloud

Cloud hat mehrere Bedeutungen und Ebenen – von Software über Plattformen bis hin zu Infrastrukturanwendungen. Kunden erhalten eine breite Palette an möglichen Kombinationen und Einsatzmodellen. Jeder Cloud Service Provider bietet verschiedene Cloud-Services und Spezialisierungen an: So haben sich beispielsweise Amazon Web Services (AWS) und IBM als Marktführer im Segment Infrastructure-as-a-Service etabliert, Salesforce und Microsoft hingegen führen den Markt für Software-as-a-Service an. Darüber hinaus hat sich AWS auf Serverless Computing sowie ein besonders breites Angebot spezialisiert, während die Stärken von Googles Cloud-Angebot bei Features in Sachen Daten, künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML) liegen.

Im Januar 2020 betrug der Marktanteil von AWS bei 33 Prozent – obwohl das Unternehmen erst seit 2006 in diesem Bereich tätig ist, liegt es damit deutlich vor Microsoft und Google. Microsoft konnte in den vergangenen Jahren an Dynamik gewinnen und ist bei den meisten Kunden die offensichtliche Wahl. Der Beweggrund liegt oftmals in bereits bestehenden Beziehungen sowie der Notwendigkeit, alle Tools zur Produktivitätssteigerung und Unternehmens-Software an einem Ort zu bündeln.

Eine Multi-Cloud-Strategie ermöglicht es Unternehmen, die Stärken der einzelnen Cloud-Plattformen zu nutzen und sie entsprechend den Anforderungen ihrer Anwendungen, ihrer Workloads und des Geschäfts zu kombinieren und anzupassen. Großunternehmen stellen oftmals fest, dass ein Cloud-Service für einen bestimmten Geschäftsprozess geeignet ist, für andere jedoch weniger oder gar nicht – sie benötigen also verschiedene Cloud-Services für unterschiedliche Prozesse. Und auch multinationale Organisationen sehen sich oftmals mit der Herausforderung konfrontiert, dass ein Cloud-Service, der für eine geografische Region optimal ist, eventuell für einen anderen Markt nicht passend ist.

Skalierbarkeit und Flexibilität

Kleine bis mittelständische Unternehmen und/oder regionale Organisationen tendieren zum Einsatz einer Single-Cloud-Strategie, um die Potenziale der Skalierbarkeit sowie die wirtschaftliche Effizienz auszuschöpfen. Große und/oder multinationale Unternehmen hingegen entscheiden sich jedoch häufig für eine Multi-Cloud-Strategie – die Verteilung der Workloads auf verschiedene Clouds reduziert etwa das Risiko einer Anbieterbindung. Mithilfe des Multi-Cloud-Ansatzes steigern diese Firmen ihre Wettbewerbsfähigkeit sowie die kommerzielle Effizienz, gleichzeitig nutzen sie die Vorteile von Geschäfts- oder Anwendungsfunktionen, Best-of-Breed-Features wie .NET-Applikationen auf Azure oder Daten/Analytik auf Google.

Auch aus wirtschaftlicher Sicht bietet eine Multi-Cloud-Strategie maximale Flexibilität: Unternehmen profitieren von den sich ändernden Preisen verschiedener Plattformen, anstatt sich mit einer geringeren Leistung und/oder höheren Preisen eines einzelnen Cloud-Dienstes zufriedengeben zu müssen. Anforderungen an Regularien und die Geschäftskontinuität beeinflussen ebenfalls die Multi-Cloud-Strategie einer Organisation, denn die Wiederherstellbarkeit von Daten und Services wäre beim Ausfall eines einzelnen Cloud-Anbieters signifikant beeinträchtigt. Ein solcher Einsatz geht jedoch mit einer sorgfältigen Planung und einem entsprechenden Aufbau der Anwendungen und der Infrastruktur einher.

Pro und Contra abwägen

Die größte Herausforderung bei Multi-Cloud-Einführungen umfasst die Sicherstellung von Unternehmensstandards über Multi-Cloud-Implementierungen hinweg sowie die End-to-End-Serviceverfügbarkeit und das Leistungsmanagement. Darüber hinaus müssen Firmen ihre technologischen Fähigkeiten auf- und ausbauen, um ebendiese Hürden zu adressieren und die Organisation nachhaltig wettbewerbsfähig aufzustellen.

In jeder Multi-Cloud-Umgebung muss ein Unternehmen mehrere Anwendungen und Daten über verschiedene Plattformen mit unterschiedlichen Infrastrukturen und Kompatibilitätsdialekten verwalten – dies wiederum schafft Raum für Verwirrung und Konflikte. Bei der Verteilung von Workloads, Anwendungen und Assets über mehrere Plattformen hinweg leidet darüber hinaus auch die IT-Security. Das mag zwar kontraintuitiv klingen, aber der Einsatz mehrerer Cloud-Plattformen macht die Verwaltung der Sicherheit über mehrere Plattformen und Anwendungen hinweg äußerst komplex. Dies bedeutet, dass IT-Teams mehr Zeit für die Planung und Sicherung von Daten aufwenden müssen, die über mehrere Standorte und Plattformen verteilt sind. Doch sobald dieser Prozess etabliert ist, bietet er einen besseren Schutz. Die Komplexität und der Aufwand für die Verwaltung mehrerer Cloud-Umgebungen können sich in manchen Fällen als teurer erweisen als die Kosteneinsparungen durch die Angebote verschiedener Service Provider.

Ein Team aus hochqualifizierten Cloud-Sicherheitsexperten ist für die Konfiguration, Sicherung und Verwaltung verschiedener Cloud-Plattformen unerlässlich. Der Kampf um die spärlich gesäten Top-Talente erhöht die Komplexität des Multi-Cloud-Ansatzes allerdings zusätzlich. Es gibt zwar All-in-One-Managementsysteme, aber für die erfolgreiche Implementierung und den Betrieb eines Multi-Cloud-Ansatzes ist eine Kombination aus Tools und Strategien erforderlich. Die Sicherstellung eines zentralisierten und geplanten Ansatzes für die Verwaltung des IT-Betriebs ist ein guter Anfang; im nächsten Schritt kann die Auswahl der richtigen Cloud-Management-Plattform auf Grundlage der sich entwickelnden Unternehmensanforderungen die Komplexität reduzieren.

Höherer Aufwand, aber auch größerer Nutzen

Firmen investieren in Cloud-Orchestrierungs- und -Managementlösungen, um diese Herausforderungen zu bewältigen sowie Unternehmensstandards über Multi-Cloud-Bereitstellungen hinweg zu schützen. Die Rolle der IT-Organisation in diesen Szenarien verlagert sich auf den zentralen Aufbau einer DevSecOps-Grundlage und den Einsatz von Telemetrielösungen. Diese setzen auf Big Data und KI/ML-Funktionen, um ein Service-Mesh für ein End-to-End-Performance-Management aufzubauen. Der Fokus der IT-Organisation verlagert sich dann vom Aufbau und Betrieb der Umgebungen auf die Etablierung einer orchestrierten, sicheren Grundlage für SRE-Funktionen sowie auf die Befähigung von Anwendungsentwicklern/Business-Communitys zur Förderung von Self-Service.

Umashankar Lakshmipathy, Infosys Ltd.
Umashankar Lakshmipathy, Infosys Ltd.
(Bild: Infosys)

Wie bei jedem Ansatz helfen ausführliche Tests mit simulierten Workloads für Security und Management vor der Inbetriebnahme dabei, den Bedarf und die Eignung zu verstehen. Sicherlich ist ein Multi-Cloud-Ansatz nichts für schwache Nerven. Wenn ein Unternehmen die Überzeugung, die Strategie und die Tools hat, sich auf Multi-Cloud einzulassen, überwiegt der Nutzen die Komplexität aber deutlich. In vielen Fällen kann es den Unterschied zwischen Führung und Überleben bedeuten.

*Der Autor: Umashankar Lakshmipathy ist Senior Vice President and Regional Head – EMEA Cloud, Infrastructure and Security Services bei Infosys Limited.

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