Ein Tsunami an Tech-Schrott

Die wirklichen Kosten der digitalen Evolution

| Autor / Redakteur: Astrid Wynne* / Ulrike Ostler

Elektronik in immer kürzeren Abständen wegwerfen? Das entspricht weder dem Zeitgeist noch den tetsächlichen Anforderungen an die Nachhaltigkeit. Denn die Ausmaße an Elektroschrott und verschwendeter Energie sind gigantisch.
Elektronik in immer kürzeren Abständen wegwerfen? Das entspricht weder dem Zeitgeist noch den tetsächlichen Anforderungen an die Nachhaltigkeit. Denn die Ausmaße an Elektroschrott und verschwendeter Energie sind gigantisch. (Bild: gemeinfrei: andreas N auf Pixabay)

Unsere sich ständig entwickelnde virtuelle Welt ist energiehungrig, so viel wissen wir seit Jahrzehnten. Etwas neuer im Gespräch ist die Form, die diese Energie annimmt – die Energie, die es braucht, um Hardware herzustellen und sie zu aktualisieren.

Da so viele der Hyperscaler wie Google und Microsoft erneuerbare Energiequellen in ihren Rechenzentren installieren, liegt der Fokus nun auf der in der Hardware „enthaltenen“ Energie. Die so genannten „Scope-3-Emissionen“ beziehen sich auf die Energie beim Abbau von Rohstoffen, Herstellungsverfahren und Verkehr, die alle stark von fossilen Brennstoffen abhängig sind.

Aber: Wir verbessern vielleicht die Effizienz der Energie, auf der unsere Geräte laufen, und wir verlieren immer noch zu viel, wenn es um die Hardware geht, die Energie „konsumiert“. Das gilt insbesondere angesichts der Häufigkeit, mit der wir sie aktualisieren.

Eine wachsende Tendenz im Energieverbrauch

Die Herstellung einer Tonne Laptop verursacht potenziell zehn Tonnen CO2, was Auswirkungen auf die globale Erwärmung hat. Dies ist nur ein Beispiel für die zahlreichen Elektrogeräte, die jedes Jahr hergestellt werden. Für jedes dieser Geräte gibt es die verborgene Energie, die bei der Datenübertragung und der Herstellung der dafür notwendigen Hardware anfällt.

Laut einem aktuellen Bericht des Think Tanks „The Shift Project“ ist der Anteil der digitalen Technologien an den globalen Treibhausgasemissionen von 2,5 Prozent im Jahr 2013 auf 3,7 Prozent gestiegen. Es wird prognostiziert, dass dieser Anteil mit einer Rate von 4 Prozent pro Jahr weiter steigen wird, was weit über den bisherigen Erwartungen liegt.

Für 2015 wurde erwartet, dass Digitaltechnik bis 2025 etwas mehr als 3 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs ausmacht, was etwas über dem der globalen Flugzeuge liegen würde. Gegenwärtig lauten die Prognosen, dass dieser Wert bis 2025 bei rund 5,5 Prozent liegen wird, was mehr der globalen Lkw-Flotte entspricht.

Wenn es unkontrolliert bleibt, schätzt das Weltwirtschaftsforum (WEF), dass die CO2-Emissionen aus der Produktion und Nutzung von Elektronik 14 Prozent der globalen Emissionen erreichen werden – die Hälfte vom gesamten globalen Verkehrssektor heute.

Ein Tsunami von Elektronikschrott

Sind diese Statistiken schon erschreckend, wirkt die Verschwendung durch die digitale Revolution geradezu beängstigend. Nach Angaben des Weltwirtschaftsforums (WEF) entsprechen die jährlich produzierten 50 Millionen Tonnen Elektroschrott dem Gegengewicht aller jemals gebauten Verkehrsflugzeuge.

Der WEF vergleicht dies mit dem Gewicht von 125.000 Jumbo-Jets, was den Londoner Flughafen Heathrow bis zu sechs Monate in Anspruch nehmen würde, um seine Start- und Landebahnen zu räumen. Bis 2050 könnte das Volumen des Elektroschrotts 120 Millionen Tonnen pro Jahr betragen, so das Worst-Case-Szenario der Universität der Vereinten Nationen in Wien.

Der Weg ins Nirgendwo

Mit dem Wachstum von Elektronikschrott wächst auch unser Appetit auf neue Elektronik. Ein Bericht schätzt, dass der globale Markt für Unterhaltungselektronik mit einer Wachstumsrate von 6 Prozent pro Jahr wächst. Bis 2024 dürfte er 1,7 Billionen US-Dollar wert sein.

Gleichzeitig wird der Elektronikmarkt immer energie- und materialintensiver. Der Energie-Footprint der ITK steigt laut The Shift Project um 9 Prozent pro Jahr. Andere Experten gehen davon aus, dass einige der zur Herstellung von Mobiltelefonen benötigten Edelmetalle bei aktuellen Nutzungsraten innerhalb von hundert Jahren erschöpft sein werden.

Der derzeitige Ansatz, endlos neue Produkte zu kaufen und unerwünschte Elektronik zu horten oder wegzuwerfen, ist sehr verschwenderisch. Allein der Materialwert wird auf 62,5 Milliarden US-Dollar (55 Milliarden Euro) geschätzt; das ist dreimal so viel wie die jährliche Produktion der weltweiten Silberbergwerke. Angesichts der immer knapper werdenden Rohstoffe und des zunehmenden Elektroschrotts müssen wir einen Weg finden, den Kreis zu schließen.

Lösungsvorschläge

Gegenwärtig gibt es eine Vielzahl von Ideen, wie die Gesellschaft die Ressourcen im digitalen Sektor besser nutzen kann. Eine davon ist die Verlängerung des Zeitraums zwischen den Aktualisierungen der Geräte, die bei Bedarf repariert und nicht vollständig ersetzt werden.

Ein weiterer ist die „Kaskadierung“ von Produkten eines Benutzers, der sie nicht mehr benötigt, zu einem anderen mit geringeren digitalen Anforderungen. Beide werden den Techbuyer-Kunden bekannt sein, die diesen Ansatz in der Enterprise-IT schon seit einiger Zeit verfolgen.

Ein weiterer Vorschlag ist, dass die Verbraucher zu mehr Cloud-basierten Lösungen für Anwendungen und Storage übergehen. Mit weniger Funktionalität sollten die Geräte weniger material- und energieintensiv in der Herstellung sein. Obwohl dies vernünftig erscheint, könnte es lange dauern, bis wir dort ankommen.

Intelligente Entscheidungen

Zum einen geht es bei Elektrogeräten genauso sehr um Mode wie um Substanz. Zum anderen erschwert die Vielzahl konkurrierender und sich überschneidender Anwendungen auf dem Markt die Rationalisierung eines einzigen Systems für alle Anwender.

Nicht zuletzt führt die Reduktion der Kapazität von Konsumgeräten zu noch mehr Druck auf das Rechenzentrum. An der Spitze der nachhaltigen Energie muss der Sektor nun auch bei der Materialnutzung innovativ sein.

Intelligente Entscheidungen über die optimale Nutzung von Ressourcen, die Wiederverwendung, die Umverteilung, die Aufarbeitung und letztlich das Recycling werden für die kontinuierliche Entwicklung der digitalen Welt von wesentlicher Bedeutung sein, wenn wir Materialien dauerhaft einsetzen wollen.

*Die Autorin: Astrid Wynne ist Sustainability Manager bei Techbuyer.

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