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HP Strategie-Update – HP besetigt die Verwirrungen am Markt Erfolgreiche Transition im Service-Bereich setzt Kräfte für HPs Aufholjagd frei

Autor / Redakteur: Jürgen Brettel und Andreas Zilch / Rainer Graefen

Bei HP ist noch mit einigen Rochaden zu rechnen. Andreas Zilch und Jürgen Brettel versuchen in diesem Beitrag die strategischen Optionen des größten IT-Unternehmens der Welt einzukreisen.

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Andreas Zilch, Member of the Board und Lead Advisor der Experton Group
Andreas Zilch, Member of the Board und Lead Advisor der Experton Group
( Archiv: Vogel Business Media )

HP sieht die geplanten Aktivitäten als Baustein der Gesamtstrategie des Unternehmens, sich mehr auf das Firmenkundengeschäft (Enterprise Business) auszurichten. Nicht zuletzt durch entsprechende Software Akquisitionen (Mercury, …) und die Ausweitung des Service-Geschäftes (u.a. durch EDS) verfolgt HP diese Linie schon seit mehreren Jahren durchaus erfolgreich.

Nun ist man offensichtlich zu der Erkenntnis gekommen, dass das PC-Geschäft nicht mehr zu dieser Strategie passt. Die präferierte Zielrichtung zur „Neuausrichtung“ der PSG (mit einem Gesamtvolumen von ca. 41 Mrd. US $ Umsatz p.a.) ist ganz klar eine Ausgliederung mittels eines Börsenganges.

PSG ausgründen und allein auf den Markt schicken

Damit würde ein neues, unabhängiges, aber immer noch sehr großes Unternehmen entstehen, das durchaus am Markt gute Chancen hätte. Die erste aktuelle Frage ist – nach der offiziellen Ankündigung – die Umsetzungsgeschwindigkeit?

Der Druck ist immens, da Kunden und Partner stark verunsichert sind, die Vorbereitung eines Börsenganges braucht aber eine gewisse Zeit. Die zweite Frage ist, ob der Börsengang erfolgreich verläuft, d.h. ob alle angebotenen Aktien vom Markt angenommen werden und insbesondere zu welchem Preis?

Für die Software-Akquisition Autonomy ist HP bereit, das 10-fache des Jahresumsatzes zu zahlen, der Multiplikator für die PSG wird deutlich darunter liegen. Da die Experton Group kein Finanzanalystenhaus ist, wollen wir an dieser Stelle nur eine relativ grobe Abschätzung geben.

Kasse machen ...

Der Börsenwert der PSG dürfte aus heutiger Sicht zwischen dem 0,4 bis 0,8-fachen des Jahresumsatzes liegen (Vergleich mit Dell: Umsatz 61,5 Mrd. US-Dollar, Marktkapitalisierung 27,1 Mrd US-Dollar, Revenue Multiple: 0,44).

Dies würde für HP Einnahmen in Höhe von 16 Mrd.US-Dollar bis höchstens 32 Mrd. US-Dollar bedeuten und die Cash-Positionen entsprechend stärken. Immer vorausgesetzt, dass ein 100 Prozentiger Börsengang geplant ist und alle angebotenen Aktien platziert werden können.

Daran schließt sich sofort die Frage an, was HP mit diesem Geld unternehmen möchte? Eine mit der aktuellen PSG Marge (ca. 2 Mrd. Operating Profit der PSG würden bei einem Ertrag aus dem Börsengang von 20 Mrd. US-Dollar eine Verzinsung von 10 Prozent bedeuten) vergleichbare Verzinsung ist am Kapitalmarkt nur schwer zu erzielen.

... und Firmen einkaufen gehen

Also wird HP wohl vorhaben, dieses Geld in Akquisitionen anzulegen, die eine höhere Marge erzielen. Nach der aktuell vorherrschenden Doktrin dürften dies wohl Software-Unternehmen sein. Dass HP dabei – wie immer wieder gerüchteweise kolportiert wird, SAP (Marktkapitalisierung ca. 61 Mrd US-Dollar) im Ziel hat, halten wir dabei nicht für unmöglich, aber immerhin für außerordentlich unwahrscheinlich.

HP möchte mit den Software-Akquisitionen „den Stack nach oben erweitern“. Der Abstand zwischen dem heutigen, zumeist Infrastruktur-nahen Portfolio und ERP erscheint aber etwas groß. Naheliegender sind dann doch z.B. DB- und Middleware-Anbieter.

weiter mit: IBM ist 200 Akquisitionen voraus

IBM ist 200 Akquisitionen voraus

Andererseits muss sich HP – um nicht noch mehr Zeit gegenüber IBM zu verlieren – durchaus Gedanken über größere Akquisitionen machen. IBM hat das PC-Geschäft vor fünf Jahren abgestoßen und seither über 200 Software-Unternehmen akquiriert und integriert, zumeist in den vorher definierten Kernbereichen.

Für HP kommen sicher mehrere Kandidaten in Frage. Anhand der vorher genannten Überlegungen dürfte aber insbesondere Symantec (Markkapitalisierung ca. 12,5 Mrd. US-Dollar) ein interessanter Kandidat sein.

Es ist kaum bekannt, aber Symantec zählt mit einem Jahresumsatz von über 6,2 Mrd. US-Dollar zu den größten Software-Anbietern weltweit, weist einen Nettoprofit von 0,6 Mrd US-Dollar aus, also eine Marge von rund 10 Prozent, und hat in den letzten Jahren selbst aggressiv akquiriert.

Dies wäre sicher keine schlechte Idee, das „PSG-Geld“ hier anzulegen, aktuell handelt es sich aber dabei nur um eine reine Spekulation. Aus Sicht der Experton Group liegt HP bei der aktuellen Strategie insbesondere bei zwei Annahmen falsch:

Wert und Einfluss des Client Business

Man kann der Meinung sein, dass es sich beim Client Business um ein reines Commodity-Geschäft handelt, bei dem alles austauschbar ist und damit kein Wettbewerbsvorteil zu erzielen ist. Folgende Dinge sprechen dagegen:

  • Die Diskrepanz zwischen Consumer Clients und Business Clients ist mittlerweile immens. Consumer Clients haben einen Innovationszyklus von 4 bis 6 Monaten, im Business Bereich ist wesentlich mehr Kontinuität gefragt. Daher sind durchaus unterschiedliche Geschäftsmodelle gefragt, was aber auch einen Vorteil für auf den Business Bereich konzentrierte Anbieter sein kann.
  • Innovationen kommen auch in Zukunft primär aus dem Consumer-Segment, die Adaption für das Business-Segment kann aber durchaus aufwändig sein, wie aktuelle Erfahrungen mit dem iPad beweisen.
  • HP ist weltweit einer der führenden Anbieter von Managed Desktop Services dies ist für viele Kunden auch mit den Produkten verknüpft.
  • Das aktuell wertvollste Unternehmen der Welt heißt Apple. Von dieser Firma kommen die Imageträchtigsten und zukunftsweisendsten Produkte im Client Bereich. Das zeigt, dass mit dem richtigen Geschäftsmodell im Client-Bereich Geld zu verdienen und Werte zu steigern sind.
  • Die Consumerization der ICT wird weiter fortschreiten und HP klinkt sich mit diesem Schritt aus diesem Bereich aus. Hierdurch riskiert HP aus strategischer Sicht auch, den Device-Kontakt zur jungen Generation zu verlieren, die nun in die Unternehmen kommt und in wenigen Jahren dort an entscheidenden Stellen sitzen wird.

Wert und Zukunft des Software Business

HP (und andere) sind offensichtlich der Meinung, dass die aktuell sehr hohen Margen im Software-Bereich für sehr lange Zeit Bestand haben werden. Die Experton Group ist davon überzeugt, dass diese Margen in den nächsten Jahren (insbesondere durch Cloud Services und SaaS) in den meisten Disziplinen stark unter Druck kommen werden. Aus Sicht der Experton Group investiert HP also in ein Segment, in dem die Margen tendenziell zurückgehen.

weiter mit: Zwei unangenehme Fragen

Zum Schluss bleiben noch zwei unangenehme Fragen, denen sich HP stellen muss:

  • Wenn die Strategie so klar auf das Enterprise Business ausgerichtet ist, wie passt dann die IPG (Imaging & Printing Group, ca. 26 Mrd US-Dollar Umsatz) mit einem hohen Consumer-Anteil in diese Strategie?
  • Hatte die Palm/WebOS-Akquisition doch einen tieferen Sinn, oder war dies nur ein 1,2 Mrd US-Dollar Irrtum? HP sieht weiterhin den positiven Wert der WebOS-Software und arbeitet an der Positionierung. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.

Darüber hinaus wollen wir noch anmerken, dass die bisherige Transition von HP, insbesondere auch im schwierigen Service-Bereich, durchaus als Erfolg bezeichnet werden kann. Gerade im Bereich „Managed Desktop Services“ treibt HP die Industriealisierung und damit Kostensenkung voran und ist auch in den diesbezüglichen Zukunftsthemen wie ClientVirtualisierung und Client_of_the_Future/Bring_your_own_Client gut positioniert.

Insgesamt befindet sich HP aus Sicht der Experton Group schon heute auf Augenhöhe mit IBM. Umso schwerer fällt es uns, den aktuellen Aktionismus zu verstehen und positiv zu bewerten. Die genannten Überlegungen sind sicher grundsätzlich interessant, insbesondere auch für Investoren und Aktionäre.

Aus Kundensicht ist aber besonders wichtig, dass HP weiter ein solider und verlässlicher Geschäftspartner ist. Es ist zu wünschen, dass die aktuellen Aktivitäten hierauf keinen negativen Einfluss haben.

HP generiert jährlich etwa 10 Mrd US-Dollar Net Profit. Das Enterprise Segment erzielt hierbei etwa 15 Prozent Operating Profit, nicht weit entfernt von IBM mit etwa 17 Prozent. Das PSG-Segment erreicht gut 5 Prozent und ist damit auf Augenhöhe mit DELL. Das IPG-Segment zeigt kein Wachstum, aber ist mit 17 Prozent eine Cash Cow. HP steht also keineswegs schlecht da und kann sich mit seinen Wettbewerbern messen.

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