Suchen

Konzernumbau: weniger Hardware, mehr Software Hewlett-Packard will raus aus dem PC-Geschäft

| Redakteur: Dr. Stefan Riedl

HP erfindet sich komplett neu. Die neue Marschroute lautet: Im Konzern gewinnt die Software-Sparte immens an Bedeutung, während gleichzeitig laut über den Ausstieg aus dem PC-Geschäft nachgedacht wird. Unter der Führung von Leo Apotheker beginnt nun ein tiefgreifender Umbau des Technologiekonzerns.

Bei Hewlett-Packard steht ein radikaler Konzernumbau an.
Bei Hewlett-Packard steht ein radikaler Konzernumbau an.

Leo Apotheker, der ehemalige SAP-Chef, der seit 2010 die Geschicke von Hewlett-Packard lenkt, hat einen radikalen Konzernumbau angestoßen. Erst vor kurzem wurden die Eckdaten der Pläne bekannt: Durch den Kauf der Software-Größe Autonomy ergibt sich ein neuer Schwerpunkt im Bereich von Meaning Based Computing (MBC). Hierbei geht es darum, Beziehungen zwischen verschiedenartigen Daten zu erfassen, um in einem zweiten Schritt relevante Zusammenhänge zu erkennen. Letztlich geht es in diesem Themenumfeld um die Bereitstellung und Organisation von Unternehmensdaten und deren Analyse, insbesondere dahingehend, dass versteckte Informationen aus unstrukturierten Daten extrahiert werden können. Medienberichten zufolge liegt der Preis bei rund zehn Milliarden US-Dollar.

Bye bye, PCs

Mehr Software muss aber nicht zwingend weniger Hardware heißen. HP geht wohl dennoch diesen Weg. Es werde geprüft, sich komplett oder teilweise von der PC-Sparte zu trennen. Dieses Segment sorgt bei Hewlett-Packard für etwa ein Drittel der Umsätze. Entschieden ist hier allerdings noch nichts Konkretes.

Dass man sich vom Geschäft rund um Konkurrenzprodukte zum iPhone und iPad verabschieden will, steht hingegen bereits fest. Wie das Unternehmen aus Palo Alto mitteilt, habe man mit eigenen Smartphones und Tablets die finanziellen Ziele verfehlt und werde daher das Engagement in den Bereichen Touchpad und WebOS-Phones einstellen.

Mit dem Tablet Touchpad sowie den Smartphones Pre³ und Veer hatte der Hersteller erst kürzlich sein Portfolio an WebOS-Geräten aktualisiert. Trotz Preissenkungen haben die Geräte HPs Absatzerwartungen offenbar nur unzureichend erfüllt.

Was aus dem Betriebssystem selbst wird, ist bislang unklar. HP will weitere Optionen für WebOS prüfen und kündigte etwas schwammig an, dass man ausloten werde, wie man den Wert der WebOS-Software optimieren könne. Laut Meinung von IDC habe die Ankündigung den „schon geringen Marktchancen von WebOS als mobiles Betriebssystem den Garaus gemacht“. Zwar könnte das Betriebssystem potenziell als Lizenz vergeben werden. Und Anbieter wie HTC, LG und Samsung werden sich tendenziell – nach dem Google-Kauf von Motorola Mobility – durchaus nach Android-Alternativen umsehen. Grundsätzlich wäre HP als Lizenzgeber also in Frage gekommen. Dass WebOS nun auf das Abstellgleis geschoben wurde, könne jedoch als „Todesstoß“ verstanden werden. Das iOS von Apple und Android von Google seien jetzt schon mit einem nicht mehr aufholbaren Vorsprung gesegnet. Niemand warte in so einer Situation auf ein besseres WebOS, so die Zwischeneinschätzung von IDC.

Das System stammt aus der erst 2010 vollzogenen Akquisition des PDA-Pioniers Palm. Damals mutmaßten Branchenkenner, dass es HP vor allem auf die multitasking-fähige Software abgesehen haben könnte, die dem Konzern eine Zukunft im Mobile-Segment sichern könne. Nun ist unklar, auf welchen Geräten WebOS künftig noch laufen soll. Bereits kurz nach der Ankündigung verwandelten sich HPs Tablets von einem 399-US-Dollar-Flop zu einem 99-US-Dollar-Schnäppchen. Die 16-Gigabyte-Version des einstigen Hoffnungsträgers sank im US-amerikanischen Online-Handel auf dieses Preisniveau. Auch in Deutschland hat der organisierte Ausverkauf begonnen. So sank der Preis des oben genannten Modells auf 99 Euro.

Zwang zur Rendite

Die Marktforscher von IDC haben sich Gedanken zu den aktuellen Entwicklungen beim HP-Konzern gemacht. Wafa Moussavi-Amin, der Geschäftsführer bei IDC Deutschland, findet: „Der Druck von Seiten der Wall Street und der Aktionäre zwang HP dazu, sich auf seine gewinnträchtigeren Sparten zu konzentrieren, und das notorisch margenschwache PC-Geschäft war hier eine besondere Zielscheibe, auch wenn es in den jüngsten Quartalsergebnissen 31 Prozent des HP-Gesamtumsatzes ausmachte“.

Moussavi-Amin kritisiert jedoch die Vorgehensweise, denn ohne klare Pläne oder einen Käufer laufe nun ein Countdown für rentable PC-Geschäfte ab. Der Wert der PC-Sparte sinke ab jetzt, so seine Einschätzung. Ohne Zukunftsperspektive sei die Sparte auf dem absteigenden Ast, denn das negative Kundenverhalten sei bereits abzusehen. Großunternehmen fordern „klare Produkt-Roadmaps, ein stabiles Image und eine langfristige Verfügbarkeit“. Solange diese Basics nicht gewährleistet sind, werden Kunden lieber beim Wettbewerb einkaufen.

Parallelen zu IBM

Für den Fall, dass bald ein Käufer gefunden wird, zieht der IDC-Geschäftsführer Parallelen zur Ausgliederung der PC-Sparte von IBM an den chinesischen Konzern Lenovo. Auch bei HP könnte mit dem künftigen Besitzer der PC-Sparte ausgehandelt werden, dass die Sparte „Technology Services“ weiterhin Support für diese Produkte leistet. Außerdem könnten langfristige Reseller-Vereinbarung HP in die Lage versetzen, die PCs auch nach einer eventuellen Ausgründung weiterhin verkaufen zu können. Dann wäre der Vorteil, alles aus einer Hand bieten zu können, gesichert.

Noch mehr Aspekte deuten darauf hin, dass HP ein neues Vorbild hat: Es wird nicht mehr Apple nachgeeifert, mit Versuchen, Käufer aus der Fangemeinde für iPhones und iPads für HP-Interpretationen dieser Geräte zu begeistern. Die Wahrheit ist: Bislang hat nur Apple eine „Fangemeinde“, die diesen Namen verdient. Vielmehr scheint HP nun „den IBM-Weg“ in Richtung Datenanalyse zu gehen.

Vorläufiges Fazit

Noch im März dieses Jahres kündigte Apotheker bei einem Treffen mit Analysten und Investoren in San Francisco an, den Konzern mehr in Richtung Cloud Computing zu steuern. Ein Abschied von der Hardware zeichnete sich aber keineswegs ab, da Konkurrenzprodukte zum iPad auf WebOS-Basis in Aussicht gestellt wurden. Es scheint daher so, als ob sich bei HP einige grundlegende Strategie-Entscheidungen sehr kurzfristig ergeben haben.

Insbesondere weil die Zukunft der wichtigen PC-Sparte noch nicht feststeht, kann noch nicht klar skizziert werden, wie Hewlett-Packard nach dem Umbau aussehen wird.

HPs bisherige Pläne müssen als Teil einer grundlegenden Umstrukturierung verstanden werden. Mehr oder weniger fest steht bislang, dass sich das Unternehmen künftig vorrangig auf Kunden im Unternehmens- und Behördenumfeld konzentrieren will. Denen wolle man ein Portfolio mit Drucklösungen, Software, Services, Server, Storage und Networking bieten. □

(ID:28750290)