Titelstory IBM

IBMs Weg in die digitale Zukunft

| Autor / Redakteur: Wilfried Platten / Sarah Nollau

Der Umsatz des Hersteller-Urgesteins IBM geht zurück.
Der Umsatz des Hersteller-Urgesteins IBM geht zurück. (Bild: IBM)

Der einstige Branchen-Primus hat die „Cognitive Era“ als neues Mantra ausgerufen, aber die mit den neuen Geschäftsfeldern erzielten Erlöse können die Rückgänge im traditionellen Geschäft (noch) nicht kompensieren. Deshalb kämpft IBM seit vielen Quartalen mit rückläufigen Umsätzen. Kann Watson als Synonym für die neue Zeit IBM wieder zu alter Glorie führen?

Manchmal ist es gar nicht so einfach, Pionier, Urgestein und einstiger Marktführer einer Branche zu sein. Wenn man sich die aktuellen Kennzahlen von IBM ansieht, steigt über viele Quartale nur ein Wert kontinuierlich: die Dividende. Das mag langfristig orientierte Anleger freuen, aber wohl auch nur kurzfristig. Analysten sind dagegen enttäuscht von sinkenden Umsatzerlösen und mageren Gewinnen. Nach zwanzig konsekutiven Quartalsenttäuschungen ist der Umsatz unter die Schwelle von 20 Milliarden Dollar gerutscht. Und der Überschuss fiel im zweiten Quartal 2017 gegenüber dem Vorjahreswert um sieben Prozent auf 2,3 Milliarden Dollar (also rund zwei Milliarden Euro).

IBMs verbliebenes Portfolio

Das ist nicht verwunderlich, schaut man sich beispielsweise an, was vom einst so imposanten Hardware-Portfolio übriggeblieben ist: Power-Server, Highend-Storage und der ebenso unvermeidliche wie scheinbar unsterbliche Mainframe. Der wurde gerade in neuer Evolutionsstufe als z14 vorgestellt. Aber darauf kommen wir noch.

Alles andere wurde verkauft, meist an Lenovo als ebenso willigem wie solventem Abnehmer – zuletzt die komplette x86-Server-Sparte. Alles, was nach Intel klingt, ist also aus dem Haus gefegt. Aber all diese Umsätze fehlen natürlich.

Fressen Cloud Computing, Digitalisierung und das Internet der Dinge ausgerechnet den ehemaligen Leuchtturm, Trendsetter, Ex-Dominator und nicht zuletzt Mega-Profiteur der IT-Welt? Fast könnte man es meinen, wäre da nicht…

Im letzten Geschäftsjahr machte IBM rund 82 Milliarden Dollar Umsatz, davon sollen immerhin schon 43 Prozent mit neuen Geschäftsfeldern wie Analytics, Cloud oder Cognitive erwirtschaftet worden sein – wie immer man das auch zuordnen mag. Hardware und Betriebssysteme brachen dagegen im letzten Quartal um 10,4 Prozent ein.

Martina Koederitz, Vorsitzende der Geschäftsführung bei IBM Deutschland
Martina Koederitz, Vorsitzende der Geschäftsführung bei IBM Deutschland (Bild: Stephan Sahm)

Für Deutschland-Chefin Martina Koederitz ist klar: „Wir müssen aufmerksam sein, neue Marktentwicklungen frühzeitig antizipieren und bereit sein, uns schnell zu verändern. Heute verändert sich alles viel schneller als früher, ist weniger vorhersehbar, und dem müssen sich alle anpassen. Manche Dinge passieren auch, ohne dass wir gefragt werden.“

Ergänzendes zum Thema
 
VMware und die IBM-Cloud

Andererseits ist da auch eine über einhundert Jahre alte Historie, die Fluch und Segen zugleich ist. Denn die breite installierte Basis (Segen) zwingt zu Rücksichtnahmen (Fluch) auf bestehende Kunden und Legacy-Systeme. Startups dagegen können, von Altlasten unbehelligt, quasi auf der grünen Wiese loslegen.

Mainframe-Kryptografie

Beginnen wir deshalb mit dem ältesten IBM-Schlachtross, besagtem Mainframe. Als jung-dynamischer z14 will er ausgerechnet in volatil-unruhigen Cloud-Umgebungen nochmal ganz groß rauskommen. Als Angelpunkt hat IBM das Thema Sicherheit ausgemacht. Das Zauberwort heißt Verschlüsselung. Mit seinem Kryptografie-Coprozessor kann der z14 mehr als zwölf Milliarden verschlüsselte Transaktionen pro Tag ausführen und so „den schützenden kryptographischen Schirm seiner extrem leistungsstarken Verschlüsselungstechnologie und des Schlüsselschutzes über Daten, Datenbanken, Netzwerke, externe Geräte, Cloud-Services oder Anwendungen öffnen“, wie IBM selbst in selten poetischer Anwandlung verkündet.

Die Sicherheitsmaßnahmen reichen so weit, dass die für die Verschlüsselung notwendigen Schlüssel so in einer „manipulationssensiblen“ Hardware geschützt sind, dass die strengen Anforderungen der Federal Information Processing Standards (FIPS), Level 4 erfüllt werden. Das macht die Z-Verschlüsselungs-Technologie geeignet zum Schutz von Blockchain-Rechenzentren. Die Brücke zur neuen Welt ist damit geschlagen, und für Systemhäuser wie Cancom, Profi oder SVA ist auf absehbare Zeit das Mainframe-Geschäft ein ebenso lukratives, wie zuverlässig planbares Zuckerbrot. Trotzdem ist und bleibt es ein Nischenthema.

Storage-Spectrum

Ganz anders die Power- und vor allem die Storage-Systeme. Damit ist, gerade für den IT-Channel, viel Staat zu machen und Geld zu verdienen. Während die Server-Absätze im volatilen Auf und Ab des Markts schwanken, gibt es bei den Storage-Systemen lediglich eine Richtung - nach oben. Speziell die Spectrum-Familie ist – so das Feedback aus dem Channel – mit ihren Virtualisierungsfähigkeiten bei den Kunden beliebt und gefragt. Teil des Storage-Angebots sind auch die „High Performance Services“ von Big Blue. Das sind hybride „Stand-alone-Cluster“ in der IBM-Cloud, die speziell auf Analytics-, Big-Data- und HPC-Anwendungen ausgelegt sind. Die Power-Server erleben ihr Hoch aktuell im SAP-Umfeld, insbesondere bei anspruchsvollen Hana-Installationen. Wie beim Mainframe gibt es auch hier ein klares IBM-Bekenntnis zur Zukunft dieser Hardware-Klasse. Die nächste Chip-Generation nimmt im Labor bereits Gestalt an.

Die erwähnte IBM-Cloud hört nicht mehr auf den Namen Softlayer, sondern heißt jetzt Bluemix. Im Kontext der konkurrierenden Hyperscaler Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud spielt IBM allerdings nicht die erste Geige. AWS ist als unangefochtene Nummer eins die logische Wahl für alle, die mit dem Marktführer auf Nummer sicher gehen wollen. Azure profitiert vom „natürlichen Einfallstor“ Office365 und Google ist dabei, die vergleichsweise schwache physische Präsenz außerhalb der USA zu erhöhen. So wurde in München jüngst die Cloud-Region „europe-west3“ gestartet.

Das Bluemix-Angebot umfasst IaaS-Lösungskomponenten wie Bare-Metal- und virtuelle Server, SAN/NAS und Managementservices. Außerdem hat IBM eine eigene Schnittstelle (API) zu den Watson-Angeboten, die sich dadurch jetzt auch über Bluemix nutzen, und in Cloud-Anwendungen integrieren lassen.

Damit sind wir bei den für die IBM-Zukunftsfantasien wichtigsten Themen Analytics und Cognitive, für die Watson das begriffliche Dach bietet. Und nicht zu vergessen das Mega-Thema Security als Querschnittstechnologie, ohne die all die schönen neuen smarten Anwendungen in der Cloud oder dem Internet of Things zwar denkbar, aber nicht praktikabel sind. Auch dafür soll Watson die richtigen Antworten und adäquaten Lösungen bieten.

Studenten in die Cloud holen

Dazu braucht es natürlich die Unterstützung von externer Forschung und Entwicklung. An den deutschen Universitäten will IBM deshalb kräftiger Gas geben, was Präsenz und Förderung angeht: „Wir tun das bereits und haben entsprechende Programme dafür“, so Koederitz. „Aber wir haben hier noch – wie man so schön sagt – room for improvement. Wir kommen von einem fokussierten Ansatz und wollen uns jetzt etwas breiter aufstellen. Das wird auch dadurch vereinfacht, dass wir den Studentinnen und Studenten mit IBM Bluemix eine Cloud-Plattform zur Verfügung stellen und die Bereitstellung von Hardware und Software entfällt.“

Ergänzend wird gerade ein eigenes Programm umgesetzt, um auch die Entwickler verstärkt ins Boot zu holen, die an den Software-Lösungen der Zukunft basteln: „In Berlin haben wir mit dem Startup Developer Program ein eigenes Team für die Zusammenarbeit mit der Developer Community. Hier sind wir vor allem auch an dem neuen Entwickler-Typus interessiert, der sich beispielsweise mit der App-Entwicklung beschäftigt“, erklärt Koederitz.

Unis hin, Entwickler her, auch bei den Zukunftsthemen geht nichts ohne den Channel. Auf der Distributionsseite ist IBM in Deutschland erstaunlich einseitig aufgestellt. Rund 70 Prozent der indirekten Software- und sogar 90 Prozent der Hardware-Umsätze laufen über die jetzt vereinten Tech Data und Avnet TS. Im Interview konzediert Martina Koederitz, dass dies nicht die optimale Lösung ist. Wenn einstige Konkurrenten plötzlich unter einem gemeinsamen Dach agieren, muss die Distributions-Struktur überdacht werden.

Fokus bei Partnern

Aber auch die Partner-Struktur bietet Raum für neue Mitspieler. Aktuell arbeitet IBM mit rund 4.000 Partnern zusammen, davon besitzen 130 den Gold-Status und zehn sind Platinum-Partner. „Natürlich sind wir interessiert, neue innovative Partner in unser Ökosystem einzubringen“, so Koederitz. Gefragt sind vor allem Kompetenzen in den neuen Geschäftsfeldern Analytics, Cloud und Security: „Die Herausforderung bei den Partnern ist die Veränderung der erforderlichen Fähigkeiten. Es gibt eine viel stärkere Lösungsfokussierung, sowohl bei der Konzentration auf die neuen Themen als auch bei der Spezialisierung auf eine bestimmte Branche.“

* Diesen Beitrag haben wir von unserem Schwesterportal IT-Business übernommen.

Kommentare werden geladen....

Was meinen Sie zu diesem Thema?

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44938703 / Branchen/Mittelstand/Enterprise)