Gastkommentar

Industrie 4.0 – Was vom Hype übrig bleibt

| Autor / Redakteur: Dr. Holger Schmidt* / Rainer Graefen

Dr. Holger Schmidt: 2008 startete er sein Blog "Netzökonom", das zu den meistgelesenen Publikationen der digitalen Wirtschaft in Deutschland gehört.
Dr. Holger Schmidt: 2008 startete er sein Blog "Netzökonom", das zu den meistgelesenen Publikationen der digitalen Wirtschaft in Deutschland gehört. (Bild: Dr. Holger Schmidt)

44 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben im vergangenen Jahr keine oder nur begrenzte Fortschritte bei ihren Projekte zum Thema Industrie 4.0 gemacht, schreibt McKinsey als Fazit über die Studie „Industry 4.0 after the initial hype“, für die 300 Entscheider aus der Industrie in Deutschland, USA und Japan befragt wurden.

Die Berater hätten auch positiv formulieren können, dass 56 Prozent gute oder sogar substantielle Fortschritte erzielt haben, womit Deutschland besser als die USA und sogar deutlich besser als Japan abschneidet. Aber die Sichtweise ist eigentlich egal, denn die entscheidende Frage muss heißen: Was bringt Industrie 4.0, wenn das Ziel der Projekte nur 10 Prozent geringere Kosten oder 10 Prozent höherer Umsatz bedeuten?

Mit derart geringen Ambitionen hilft Industrie 4.0 beim Mammutprojekt der Digitalen Transformation nicht weiter, zumal die deutschen großen Industrieunternehmen immer noch als Einzelkämpfer für auftreten, um ihren eigenen Vorteil zu suchen, ohne industrieweite Synergien zu erzielen.

In Deutschland werden die Vorteile der Digitalisierung stärker in einer erhöhten Effizienz als in einer Änderung des Geschäftsmodells gesehen. Genau hier liegt der Effekt der einseitigen Industrie-4.0-Kampagne, die als Digitalisierung der Fabriken lediglich auf Effizienzsteigerungen abzielt, aber spätestens dann im Desaster endet, wenn das perfekt produzierte, aber nicht digitalisierte Produkt nicht mehr nachgefragt wird.

Nokia und Kodak lassen grüßen. Denn die digitale Transformation hat größere ökonomische und soziale Implikationen als jede bisherige industrielle Revolution, so dass die Antwort nicht nur in einer Optimierung der Produktion liegen kann. Der Ausgangspunkt der vierten industriellen Revolution sind erstmals nicht die Produzenten, sondern die Konsumenten. Nur zehn Jahre hat es gedauert, bis eine Milliarde Menschen das Internet nutzten, ein Smartphone besaßen, in einem sozialen Netzwerk aktiv waren oder Daten in der Cloud ablegten.

Die Technik löste alte Verbindungen zwischen Verbrauchern und Unternehmen in oft fragmentierten Märkten auf, weil Digital-Firmen mit dem Plattform-Modell viele Wünsche der Verbraucher wie der Kauf eines Buches oder die Buchung einer Reise günstiger und/oder schneller erfüllten. Diese Plattformen haben den Kontakt zu Kunden in kurzer Zeit an sich gezogen und können ihn nun ohne weitere Kosten auf immer mehr Produkte ausweiten. Wer aber den Kundenkontakt verloren hat, gewinnt wenig, wenn er sein Produkt effizienter herstellt, was im Industrie-4.0-Konzept unterstellt wird. Vielmehr muss die nun beginnende Digitalisierung der Maschinen, der Autos, der Städte und Häuser mit der gleichen Ausrichtung am Kunden beginnen wie die erste Hälfte der Digitalisierung.

In vielen Unternehmen wurde inzwischen auch erkannt, dass die Digitale Transformation eigentlich an anderen Stellen als in der Produktion ansetzen muss. Die meisten Unternehmen hätten nennenswerte Fortschritte erst dann erzielt, als sie den „Industrie-4.0-Schirm“ verlassen und sich auf spezifische Anwendungen konzentriert haben. Um das Ziel zu erreichen, haben die meisten Unternehmen das Industrie-4-0-Label ganz abgelegt, um die erste Enttäuschung hinter sich zu lassen und sich auf die Elemente zu konzentrieren, die wirklich wertvoll waren, hat die Umfrage ergeben.

Inzwischen seien einige Illusionen über die Wunderkräfte der digitalen Revolution in den Fabriken verflogen. Unsicherheit bestehe vor allem im Produzierenden Gewerbe über die Frage, wie Industrie 4.0 tatsächlich auf den (Fabrik-)Boden zu bringen sei. Dort ist die Erfolgsquote daher auch geringer als bei den naturgemäß optimistischen Technologieanbietern, die ihr Portfolio um Industrie-4.0-Komponenten erweitert haben und versuchen, es den eher zögernden Produzenten zu verkaufen.

Amerikaner investieren mehr als die Deutschen

17 Prozent ihres Forschungsetats investieren die Amerikaner in I40-Projekte, 13 Prozent sind es in Deutschland und nur 10 Prozent in Japan. Deutlich sind auch hier die Unterschiede zwischen Technologieanbietern, die 16 Prozent ausgeben, und Produzenten, die sich mit 12 Prozent beschränken.

Allerdings scheint die Studie einen klaren Zusammenhang zwischen Investitionen und Erfolg zu ergeben: Produzenten ohne Fortschritte bei ihren I40-Projekten hatten im Durchschnitt nur 8 Prozent ihres Forschungsbudgets investiert, während die Unternehmen mit guten oder substantiellen Fortschritten mit 18 Prozent deutlich mehr Aufwand betrieben haben.

Plattformen und Konsortien sind wichtig

Angekommen ist die Erkenntnis, dass die Zusammenarbeit auf Plattformen oder Industriekonsortien der Schlüssel für den Erfolg von I40 ist, weil sich niemand mit sich selbst sinnvoll vernetzen kann. Allerdings sind die US-Unternehmen mit dieser Erkenntnis viel weiter vorgedrungen als ihre Wettbewerber aus Deutschland oder Japan.

Die höchsten Prioritäten haben die Unternehmen in Smart Energy Production (Technologieanbieter) und Real Time Supply Chain Optimization (Produzenten) gelegt. Aber die größten Fortschritte wurden in jeweils anderen Bereichen erzielt: Die Anbieter haben die Realtime Supply Chain Optimierung am besten hinbekommen, während die Produzenten vor allem bei digitalen Qualitätsmanagement erfolgreich waren.

Grundsätzlich hat sich die Einstellung gegenüber Industrie 4.0 in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr nicht wesentlich geändert. 67 Prozent der Befragten in Deutschland sehen das Potenzial unverändert; 19 Prozent sind optimistischer als im Vorjahr, 14 Prozent pessimistischer. Industrie 4.0 werde ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, gab genau die Hälfte der Befragten an. 37 Prozent erwarten keine Einflüsse, 13 Prozent gehen von einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit aus.

Wie in vielen anderen Studien bereits festgestellt, können sich die deutschen Unternehmen weniger als ihre Wettbewerber aus den USA oder Japan vorstellen, dass mit der Digitalisierung neue Konkurrenten in ihren Markt eindringen könnten. (Originalquelle: Netzökonom)

*Der Autor

Dr. Holger Schmidt schreibt als Chefkorrespondent mit Schwerpunkt digitale Wirtschaft für das Magazin „FOCUS“ und der ist Autor des Blogs „Netzökonom“. Neben Medienwandel und Social Media liegen seine Schwerpunkte auf den Themen Industrie 4.0 und der digitalen Transformation traditioneller Branchen.

Kommentare werden geladen....

Was meinen Sie zu diesem Thema?

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 43953924 / Branchen/Mittelstand/Enterprise)