Die Apple Watch ist die Demonstration von mehr IT-Design-Vorreiter Apple wird größer, uhriger und bargeldloser

Autor / Redakteur: Bernhard Schoon / Rainer Graefen

Da hätte sich die Gemeinde schon etwas schöneres, eleganteres, flotteres und anderes mehr erwartet. Unter Nichtbeachtung des Standard-Ratschlags "über Geschmack lässt sich nicht streiten", haben die geschmäcklerische Kritiker eine ziemliche Flut von Enttäuschung ins Internet gespült. Dabei hat Apple nur unsinnige Debatten über die Cloud über den Bezahlvorgang verkürzen wollen. Undank ist der Welten Lohn.

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Die Welt hat Apple am 9. September nicht erschüttert, sagen die Experten, die Auswirkungen auf das Finanzsystem könnten allerdings enorm sein.
Die Welt hat Apple am 9. September nicht erschüttert, sagen die Experten, die Auswirkungen auf das Finanzsystem könnten allerdings enorm sein.
( Apple)

Dass die Keynote von Apple im Flint Center for the Performing Arts in Cupertino stattfand, sollte wohl die die herausragende Bedeutung des Events signalisieren: Hier wurden 1984 der erste Macintosh und 1998 der erste iMac vorgestellt.

Und dieses Jahr? Nach dem legendären Satz "One more Thing" versuchte CEO Tim Cook an alte Traditionen und Erfolge anzuknüpfen. Es wurde ihm nicht gegönnt. In seiner Keynote stellte Apple-Chef Tim Cook zwei neue iPhones vor, die alle erwartet haben wollten, aber auch zwei Überraschungen. Das Bezahlsysten Apple Pay und die ominöse iWatch, die sich nun als Funkuhr Apple Watch vorstellte.

Déjà Vu

Kaum eine Veranstaltung wird im Vorfeld so hartnäckig ausgeschlachtet wie die Keynotes von Apple, wovon andere Hersteller nur träumen dürften. So hatte das als sehr gut informiert geltende Wall Street Journal ein oder zwei iPhones, eine Smartwatch und ein goldenes iPad erwartet. Knapp daneben.

Die New York Times wollte ebenso über eine Smartwatch gehört haben, die im Gegensatz zu den meist recht klobigen Modellen der Konkurrenz recht klein ausfallen sollte. Damit lag man weit daneben, denn die Apple Watch besticht nun wirklich nicht durch Zierlichkeit.

Die Smartwatch, zu bedienen über ihren Touchscreen und eine Krone an der rechten Seite, wird in zwei Größen, mit sechs Armbändern und in drei Modellreihen erhältlich sein: Als Apple Watch, Apple Watch Sport und Apple Watch Edition in 18 Karat Gold.

Stückwerk

Allerdings lässt selbst die goldene Apple Watch keine ungetrübte Freude aufkommen: Das Gerät ist um den Akku herum aufgebaut und wenn sich der Apple-Chef über die Laufzeit nicht auslässt, dann wird das schon seine Gründe haben.

Tim Cook ließ auch offen, was die Apple Watch ohne das iPhone kann, doch hinterließ seine Präsentation den Eindruck, dass das neue Gerät wohl kaum als autonome Smartwatch durchgehen könnte.

Wie es scheint, setzt die Apple Watch mindestens ein iPhone 5 voraus. Das iPhone und die Uhr werden über die stromsparende Funktechnik Bluetooth 4.0 Low Energy (LE) gekoppelt, die seit dem iPhone 4S verbaut wird.

Doppelt gemoppelt?

Die US-Preise beginnen bei 349 Dollar. Dafür gibt es eine Menge Funktionen für die Uhr, Kommunikation und Fitness sowie vier Sensoren an der Unterseite zur Pulsmessung. Bleibt die Frage, welchen zusätzlichen Nutzen der Anwender erhält, wenn er sich die klobige Uhr ans Handgelenk bindet.

Sie kann eigentlich nichts, was ein iPhone nicht auch kann, und für die Pulsmessung gibt es bereits elegantere Armbänder. Dennoch gehen die Marktforscher der britischen Juniper Research davon aus, dass sich der weltweite Handelsumsatz mit derartigen Wearables bis 2019 auf über 50 Milliarden Dollar steigert, vor allem mit hochwertigen Smartwatches und Datenbrillen.

Heute, so die Analysten weiter, seien sich die Konsumenten über den Nutzen dieser Endgeräte noch nicht so richtig im Klaren, zumal die Funktionalität zu stark an Smartphones angelehnt ist.

Es geht um den nächsten Umsatzbringer

Das Hauptgeschäft von Apple bestreiten bis auf Weiteres das iPhone und die Umsätze aus dem Appstore mit derzeit über 1,3 Millionen Apps. Wie erwartet, stellte Apple in Cupertino das iPhone 6 und iPhone 6 Plus vor. Die Display-Diagonalen betragen 4,7 und 5,5 Zoll statt der dürftigen 4 Zoll des gewohnten Formfaktors, da Marktforscher ermittelten, dass die gewonnene Fläche der individuellen Internet-Umtriebigkeit auf die Sprünge helfe.

Die beiden neuen Smartphones sind ab dem 17. September erhältlich und arbeiten mit dem Betriebssystem iOS 8, das Apple bereits im Juni während einer Entwicklerkonferenz gezeigt hatte. Die neuen iPhones sind keine wirkliche Überraschung. Seit 2007 präsentiert Apple jährlich im September die neuesten Smartphones.

Und jedes Jahr tauchen vor dem Event Baupläne, technische Daten oder Gerüchte über neue Bauteile auf, die im nächsten iPhone enthalten sein sollen. So erstaunt es auch recht wenig, dass die beiden Modelle aufs Haar den Fotos gleichen, die Insider vor dem offiziellen Launch erbeutet hatten.

Apple will die nächste Kreditkarte stellen ...

Die wirklich große Überraschung kam ganz unauffällig. Zwölf Milliarden Dollar, so Apple-Chef Tim Cook, geben die US-Amerikaner jeden Tag insgesamt aus. Ein respektabler Geldfluss, von dem sich Apple durch den neuen Bezahldienst Apple Pay einen Anteil sichern möchte, denn ab Mitte nächsten Jahres kann man auch mit einem iPhone zahlen.

Möglich machen dies das serienmäßige NFC, die Fingerabdruck-Technologie Touch ID, ein Chip namens Secure Element und das bekannte iOS-Feature Passbook. Die Daten der eigenen Kreditkarten werden dort eingegeben und fürs mobile Zahlen verwendet.

... und die Frontend-Bezahlung steuern

Schon Anfang des Jahres hatte das Wall Street Journal über Vorarbeiten zu einem mobilen Bezahlsystem berichtet. Da man bislang noch keine Produktionsgerüchte für die iWatch vernehmen konnte, wurde die Verfügbarkeit auf Mitte 2015 geschätzt, womit man ganz richtig lag. Trotzdem genug Zeit für Finanzunternehmen und Handelsketten, eine Infrastruktur mit NFC-Sensoren für Apple Pay nachzurüsten.

Auch das Medienunternehmen Bloomberg aus New York schrieb über Verhandlungen zwischen Apple und den Kreditkarten-Unternehmen Visa, Mastercard und American Express. Nach Aussage von Tim Cook haben die führenden US-Banken und Ketten nun definitiv ihre Kooperation angekündigt, sodass man demnächst bei McDonald's seine Hamburger mit dem iPhone zahlen kann.

Ein iPhone ist Pflicht

Apple Pay und die Apple Watch eignen sich nicht für jedermann, denn sie setzen beim Anwender ein iPhone voraus. Ein Trost für alle, die kein iPhone besitzen: Die Keynote von Tim Cook wurde von der Rockband U2 musikalisch begleitet. Das neue Album der Band, "Songs of Innocence", steht bis zum 13. Oktober in 119 Ländern kostenlos auf iTunes bereit.

Was fehlte in Cupertino? Die diesjährige Keynote verstieß gegen die Tradition, zusammen mit dem neuen iPhone auch neue iPods vorzustellen. Doch Ende Juni dieses Jahres hat Apple den neuen iPod Touch präsentiert, der nicht nur Musikdateien abspielt, sondern sich fast zum Mini-iPad entwickelt hat.

Das Gerät erfreut sich einer gewissen Beliebtheit bei Jugendlichen und Familien, wird aber auch gerne von App-Entwicklern statt des iPhone zum Betatesten neuer Apps verwendet. Die Verkaufszahlen der iPods weisen jedoch steil nach unten, und im Online-Store von Apple ist der iPod Classic, der gerne auch als mobiler Datenspeicher genutzt wurde, neuerdings nicht mehr zu finden.

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