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Software-defined Mainframe Lz Labs geht dem Mainframe per Container an den Kragen

| Autor / Redakteur: lic.rer.publ. Ariane Rüdiger / Rainer Graefen

Immer wieder gab und gibt es Versuche, sich mit Hilfe von Software-Migrations-Tools vom Mainframe mit seinen zahlreichen essentiellen Business-Anwendungen zu verabschieden. Der jüngste Versuch kommt aus der Schweiz und heißt Lz Labs.

Auf dieser Hardware, einem Quader von unter 15 Zentimeter Breite, Länge und Höhe, laufen die vom Mainframe migrierten Anwendungen.
Auf dieser Hardware, einem Quader von unter 15 Zentimeter Breite, Länge und Höhe, laufen die vom Mainframe migrierten Anwendungen.
(Bild: Lz Labs)

Der Kuchen ist groß und vielversprechend: Vier Billionen an Investitionen stecken laut Lz Labs, einem Startup aus der Schweiz, in Mainframes und Legacy-Software, 71 Prozent aller Fortune-500-Unternehmen sind für ihren Betriebsablauf essentiell davon abhängig. Die Anwendungen, die dort laufen, sind wichtig fürs Geschäft.

Häufig sind es die Kundendatenbanken und andere Schlüsselinformationen oder die elementaren Transaktionssysteme. Darin liegt ein gewaltiges Risiko, denn oft wurden diese Applikationen im Lauf vieler Jahre mehrfach geändert, setzen sich aus unterschiedlichen Codeschichten sogar unterschiedlicher Programmiersprachen zusammen und sind schlicht nicht mehr zu entflechten.

Das ist der wichtigste Grund, warum sich Mainframes einer hohen Verbreitung bei den Unternehmen erfreuen und warum rund zwei Drittel der Unternehmen laut Lz Labs sogar eine Ausweitung der Mainframe-Nutzung planen – hier entstehen um die Mainframe-abhängigen Kernanwendungen noch immer weitere, neue Applikationen.

Kein Wunder, dass immer wieder neue Firmen versuchen, die IBM-Burg zu stürmen, indem sie Technologien entwickeln, um diese Programme auf anderen Plattformen lauffähig zu machen, ohne in die Kernlogik einzugreifen und damit ihr Funktionieren möglicherweise zu gefährden. Bisher hat IBM allerdings alle derartigen Angriffe auf die eigene Marktdominanz erfolgreich zurückgeschlagen – notfalls, indem Big Blue Anbieter, dem Geschäft mit den Boliden gefährlich hätten werden können, schlicht vom Markt kaufte.

Schweizer Newcomer verpflanzt Mainframe-Applikationen in Container

Mit der 2011 gegründeten Lz Labs aus der Schweiz ist wieder einmal ein Newcomer angetreten, dies zu ändern. Privat finanziert, ist Lz Labs unabhängig vom Kapitalmarkt und beabsichtigt nach Angaben des Managements, selbständig zu bleiben. Chairman Thilo Rockmann und seine mittlerweile 60 Mitstreiter arbeiten vorwiegend im Schweizer Wallisellen bei Zürich.

Mittlerweile probieren zwei Handvoll Pilotkkunden aus der Schweiz den „Software Defined Mainframe“ aus, um sich von ihren Mainframes irgendwann zu verabschieden zu können, zumindest aber möglichst viel Software davon zu entfernen. Rückmann: „Die Anwender haben die horrenden Mainframe-Preise satt.“ Sie wollten auf moderne Architekturen – natürlich in erster Linie die Cloud – umsteigen. Davon versprächen sie sich vor allem mehr Flexibilität und Einsparungen. Wer die Tester sind, kann Rockmann derzeit noch nicht sagen, es sind aber Vertreter klassischer IT-lastiger Branchen, etwa Finanzwesen, darunter.

Koop mit Red Hat und Microsoft

Enge Kooperationen unterhält LZ Labs mit Red Hat und Microsoft. Als Alternative zum Mainframe sind für Lz Labs Standardrechner unter Red Hat Enterprise Linux oder aber Microsoft Azure erste Wahl. Es wäre durchaus vorstellbar, irgendwann auch AWS zu unterstützen, genieße aber derzeit nicht die oberste Priorität. Rockmann: „Uns scheint es, dass Microsoft mit allen seinen Leistungen und Angeboten eher auf das Enterprise-Segment zielt als AWS, und das ist auch unser Markt.“

Der Clou der neuen Lösung sei es, so Rockmann, dass die Kernlogik der uralten Cobol- oder PL1-Anwendungen nicht verändert werden müsse. Dies sei um so wichtiger, als häufig noch nicht einmal mehr bekannt sei, was alles in einer lauffähigen Version (Executable) verborgen sei, beispielsweise, weil alle, die sich damit beschäftigt haben, bereits nicht mehr im Unternehmen sind.

Verändert werden von der Lösung, die sich aus mehreren Tools, darunter ein proprietäres Containerformat, zusammensetzt, lediglich die Schicht, in der sich die Schnittstellen zu anderen Anwendungen und zum Betriebssystem beziehungsweise die betreffenden Aufrufe befinden. Die auf Linux-Systemen erforderlichen Schnittstellen und Aufrufe werden von dem neuen Containerformat bereitgestellt, in dem die ihrer Schnittstellen entkleideten Applikationen landen, wenn sie vom Mainframe aufs Linux-System wandern. Perspektivisch kann man sich auch die enge Zusammenarbeit mit einem Lieferanten von Standard-Containerformaten vorstellen, so werfe das Unternehmen einen genauen Blick auf die Docker-Technologie.

Schrittweise Migration mit mehreren Tools

Die Lz-Labs-Anwendung besteht aus mehreren Tools, die eine Migration vom Mainframe auf Linux-Systeme unter RHEL schrittweise erlauben. Das erste Tool packt eine Mainframe-Anwendung mit den zu ihr gehörenden Daten ein. Das zweite Tool nimmt sie auf dem Linux-Server in Empfang, packt sie aus, füllt sie in den passenden Container und versieht sie mit den richtigen Call-Formaten zum Aufruf der Linux-Seite.

Zehn Beta-Kunden von Lz Labs befinden: Es wird Zeit für etwas Neues und migrieren Mainframe-Anwendungen mithilfe von Containern.
Zehn Beta-Kunden von Lz Labs befinden: Es wird Zeit für etwas Neues und migrieren Mainframe-Anwendungen mithilfe von Containern.
(Bild: Robert Kneschke/Fotolia.com)

Das dritte Tool befindet sich im Container selbst und nimmt mit seinen Schnittstellen die Calls der eingefüllten und im zweiten Schritt dafür präparierten Anwendungsschicht in Empfang. Migriert werden auf diese Weise nur Anwendungen, die auf IBM z-Systems laufen, nicht aber Software für die „AS/400"-Systeme von IBM.

Migriert werden kann auch noch nicht jede Lösung. Realisiert sind Migrationsroutinen für Kernlösungen, „DB2“ und „CICS“-Transaktionen beispielsweise. „Das Problem ist, dass die meisten Anwendungen über viele kleine Subelemente mit Spezialfunktionen verfügen, die jeweils einzeln bearbeitet werden müssen“, sagt Rockmann.

Probleme und erste Kunden

Viele Anwendungen seien sogar gemischt codiert und seit vielen Jahren nicht mehr neu kompiliert worden. Dazu kämen Werkzeuge in Windows-Optik, mit denen sich die Mainframe-Anwendungen bei ihrer Arbeit auf der Linux-Plattform überwachen und steuern lassen.

Die zehn Beta-Kunden nutzen einen kompletten Softwarestapel, der auf einer proprietären Hardware, einer Art Mikro-Server, läuft. Im Echteinsatz kann als Hardware jeder Linux-Server dienen. „Wir wissen jetzt, dass sich Applikationen tatsächlich mit unserem Verfahren erfolgreich migrieren lassen“, sagt Rockmann.

Fertig soll sein Produkt allerdings erst im kommenden Jahr sein. Auf der Cebit zeige man sich bereits in diesem frühen Stadium, weil die IT-Messe sich 2016 das Partnerland Schweiz gewählt hat. Das marktfähige Produkt soll „hoffentlich noch 2016“ (Rockmann) fertig werden. Man darf gespannt sein, wie IBM mit dieser neuen Bedrohung seiner angestammten Marktmacht umgeht.

* Ariane Rüdiger ist freie Autorin und lebt in München.

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Über den Autor

lic.rer.publ. Ariane Rüdiger

lic.rer.publ. Ariane Rüdiger

Freie Journalistin, Redaktionsbüro Rüdiger