Suchen

Glosse: Neulich im Rechenzentrum Magersucht

Autor / Redakteur: Reiner M. Frame / Nico Litzel

Entspannt saß ich in meinem Chefsessel und widmete mich meinen persönlichen Problemen. Das gestattete ich mir ausnahmsweise, hatte ich doch gerade die ganz dicken Hausaufgaben vorzeitig fertiggemacht: Mal eben 960 Laufwerke mit 140 Terabyte installiert, konfiguriert, partitioniert, formatiert und allokiert. Für die nächsten Konsolidierungsanstrengungen unserer Outsourcing-Kunden dürfte das eine Zeitlang reichen.

Illustration: Paul Blow
Illustration: Paul Blow
( Archiv: Vogel Business Media )

Mein Chef war zwar ein wenig blass um die Nase geworden, als ich ihm erzählte, dass die Jungs aus Boston schon 2.400 Disks mit einem Petabyte verkaufen, beruhigte sich aber schnell, als ich die mangelnden Steherqualitäten unseres Ständerbodens erwähnte. Die haben mit den beiden Zehnmeterschränken mit je 12 Tonnen Gewicht schon genug zu ächzen.

Apropos Konsolidierung. Wissen Sie wie man das kompariert? Versuchen Sie es mal mit Massiv, Super oder Hyper davor. Tja, wenn wir die Amis nicht hätten. In Deutschland brächte das keiner fertig. Das läse sich eher so: Mager, Magersucht, Bulimie.

Das Platzproblem: Thin Provisioning, FdH oder Deduplication?

Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Die massierten Vertreterbesuche der letzten Monate hatten nicht nur Luftnöte bei mir hervorgerufen, sondern eine uralte Klaustrophobie freigelegt. Mein Chef lachte nur, als ich ein größeres Büro wollte, und schlug mir ein kleineres vor, damit ich meine Urängste aktiv bekämpfen könne. Das war natürlich keine Option. Ich versuchte es deshalb mit angewandter Philosophie: Relativ betrachtet war nicht mein Büro zu klein, sondern ich zu groß.

Ich saß also da und dachte über schnell wirkende Methoden zur Konsolidierung meines Körpers nach, als es an meine Tür klopfte. „Herein, wenn’s weniger als zwei sind!“ „Thin Provisioning“, schallte es mir entgegen, kaum dass der dickliche, trotzdem auf Slimline gekleidete Vertreter die Türschwelle überschritten hatte.

Ich war ein wenig irritiert. War mein Platzproblem so deutlich zu sehen. „Dünne Versorgung“, fragte ich vorsichtig, „meinen Sie FdH?“ „Die Technik kenn ich nicht“, antwortete er. „Wir reduzieren ihren physischen Speicher, indem wir der Anwendung die maximale Speicherbereitschaft vortäuschen.“

„Sie reden mit einem herzensguten Menschen“, warnte ich ihn. „Das funktionierte 1996 schon nicht, und jetzt wollen Sie mir ein Cache-Verhalten aufschwatzen, das ich nicht einmal meinem ärgsten Feind gönnen würde? Raus, bevor ich mich vergesse!“

Manchmal habe ich vor mir selber Angst. Bevor ich die kriegen konnte, klopfte es schon wieder. Verglichen mit seinem Kollegen war der dem Hungertod nahe. „Diese Speicherdiät ist mir zu radikal“, versuchte ich ihn zu entmutigen. „Mit unserer Deduplication-Ganzkörperreduzierung könnten Sie auch so aussehen“, warb er für sein Produkt. „Wir verwenden die besten Algorithmen, und die Kur ist vollständig schmerzfrei.“

„Also, alles was doppelt und dreifach vorhanden ist, wird konsolidiert“, zeigte ich Sachkenntnis. „Vollkommen richtig“, lobte er mich. „Unser Reduktionsprodukt arbeitet auf Unikatsebene.“

„Und wenn in jeder Zelle dasselbe drin wäre?“, wollte ich es genau wissen. „Dann merken wir uns ein einziges Original und von den Kopien nur den Speichervektor. Mehr Reduzierung bietet keiner“, begeisterte er sich. Mir graute vor meiner Zukunft mit nur noch einer Fettzelle und Millionen Ortsvektoren. Höflich verabschiedete ich ihn und versprach, es mir zu überlegen.

Ach was: Bei uns zahlt der Kunde für MIPS!

Erstaunlich, wie wenig Ahnung Vertreter von ihren Kunden haben. Wollen einem Fastenkuren aufschwatzen, obwohl die Speicherpreise jährlich um 40 Prozent sinken. Trotzdem, ein sehr abwechslungsreicher Nachmittag. Jeder wollte mich vom Abspecken überzeugen, und keiner merkte, dass wir immer unter Volldampf stehen und auf kein Stück Infrastruktur verzichten können.

Ich kaufe eher zuviel Speicher, als dass ich den Teufel tun werde, Daten über mein teures Netzwerk hin und her zu schicken und meinen Mainframe auch nur eine Mikrosekunde lang Algorithmen rechnen lasse, damit ich weniger Platz verbrauche. Bei uns muss der Kunde für MIPS (Rechnen und Transportieren) und nicht für das Füllen billigsten Lagerraumes zahlen. Jede Mikrosekunde, in der zu wenig Speicher da ist, kostet meine Firma Geld.

Aus den unveröffentlichten Tagebüchern des Reiner M. Frame.

(ID:2007915)