Schuldfrage lösbar

Mathematische Modelle sollen Rechtsicherheit beim autonomen Fahren garantieren

| Autor / Redakteur: Sebastian Gerstl / Rainer Graefen

Verfahrene Situation: Das blaue Auto in der Mitte kann in einer solchen Lage nichts tun, um Sicherheit zu garantieren oder bei einem Fehler anderer einen Unfall zu vermeiden. Ein von Mobileye vorgeschlagenes mathematisches Modell soll etwa in solchen verzwickten Lagen die Haftungsfrage sicherstellen.
Verfahrene Situation: Das blaue Auto in der Mitte kann in einer solchen Lage nichts tun, um Sicherheit zu garantieren oder bei einem Fehler anderer einen Unfall zu vermeiden. Ein von Mobileye vorgeschlagenes mathematisches Modell soll etwa in solchen verzwickten Lagen die Haftungsfrage sicherstellen. (Bild: Mobileye / Intel)

Wer haftet für einen Schaden, wenn ein selbstfahrendes Auto in einen Unfall verwickelt wird? Mobileye hat ein mathematisches Modell entwickelt, das diese Frage beantworten soll. Demnach könnte ein autonomes Fahrzeug von der Schuld an einem Unfall ausgenommen sein, solange es „klare Regeln für Fehler“ befolgt. Einige Analysten sehen diese Aussage sehr kritisch.

Es gibt Situationen im Straßenverkehr, da scheint ein Unfall unvermeidlich: Etwa, wenn das Fahrzeug von anderen Verkehrsteilnehmern regelrecht eingekesselt ist und der Vordermann plötzlich scharf bremsen muss. Wer soll in einem solchen Fall haften, wie kann eine rechtliche Sicherheit bestehen? Wie kann man garantieren, dass ein solcher Unfall zwischen autonomen Fahrzeugen gar nicht erst entstehen kann?

Professor Amnon Shashua, CEO von Mobileye und Senior Vice President bei Intel, hat nun hierzu eine Lösung vorgeschlagen: Auf dem World Knowledge Forum im südkoreanischen Seoul präsentierte er ein mathematisches Modell, das die Sicherheit von autonomen Fahrzeugen sicherstellen soll.

In einem Summary Paper beschreiben Shashua und sein Team eine formale, mathematische Formel, um "sicherzustellen, dass ein selbstfahrendes Fahrzeug verantwortungsbewusst fährt und keine Unfälle verursacht:" Ziel sei es, zusammen mit der herstellenden Automobilindustrie auf dieser Basis einen Standard zu erarbeiten, der anhand dieses Modells ein autonomes Fahrzeug von der Schuld an einem Unfall freistellen kann, solange es sich an eine vorab festgelegte Anzahl von "klaren Regeln für Fehler" hält.

Dieses mathematische Modell soll gewissermaßen die Basis für die Steuerungssoftware von selbstfahrenden Fahrzeugen bilden. Diese Grundlage legt klare Verhaltensweisen in bestimmten Situationen fest. Die autonomen Autos wären fest an dieses Modell gebunden. Somit könnten sie, so Shahsua, gar nicht erst eine Entscheidung treffen, die sie zum Verursacher eines Unfalls macht – und damit die Schuldfrage bei einem Unfall klar regeln.

Dem CEO von Mobileye zufolge sei ein solches Modell die sinnvollste und sicherste Methode, um für autonome Fahrzeuge mögliche Unfälle im Vorfeld zu vermeiden. Denn müssten in jeder einzelnen Situation während der gesamten Fahrt immer erst Unmengen an Informationen ausgewertet werden, könnte aus der daraus resultierenden Verzögerung bis zur Entscheidung des Fahrzeugs bereits ein Unfall resultieren.

Statt dessen müsste jeder Fahrtbefehl nur mit den vordefinierten mathematischen Regeln abgeglichen werden. Ein solches Modell könne laut dem von Mobileye veröffentlichen Paper Ingenieuren "die Entwicklung eines effizienten Validierungsverfahrens [für autonome Fahrzeuge] ermöglichen, [...] ohne dass aufwändige Straßen- und Simulationstests erforderlich sind. Die Software könnte jede Entscheidung auf Grundlage des mathematischen Modells schnellstmöglich evaluieren und entsprechend eine "sichere" Entscheidung treffen.

Natürlich könnten anhand von Systemausfällen dennoch Unfälle resultieren. Daher schlägt Shashua vor, sich nicht allein auf das mathematische Modell zu verlassen. Drei unabhängige zusätzliche Sicherheitssysteme, basierend auf Kameras, hochauflösenden Karten und Radar bzw. LIDAR-Systemen, sollten daher das System ergänzen und so Sicherheit gewährleisten.

Intel, das das israelische Unternehmen Mobileye im März diesen Jahres übernommen hatte, kündigte dieses Summary Paper in einer Pressemitteilung als "einen Weg für die autonome Fahrindustrie, um die Sicherheit autonomer Fahrzeuge zu beweisen" an. Dies rief auch einige kritische Stimmen auf den Plan. So zitiert die amerikanische Fachzeitschrift EE Times beispielsweise Mike Demler, Senior Analyst der Halbleitermarktexperten von der Linley Group, mit den Worten: "In welchem Universum ist es eine gute Idee, wenn eine Branche selbst definiert, was die Definition von Sicherheit für ihre Produkte ist?"

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