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Gefahren von Big Data, der Digitalisierung und Industrie 4.0, Teil 3 Ruhe sanft - die Gedanken sind frei

Autor / Redakteur: Joachim Jakobs / Rainer Graefen

Stand bislang das technisch Machbare im Vordergrund dieser Kolumne, werfen wir heute einen Blick auf die Realität. Von der Informationssammelwut von Behörden, dem Geschäft mit Daten und neuen Ideen, die darauf abzielen, sich Eintritt in die Gedankenwelt des Menschen zu verschaffen.

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Für unsere Gedanken interessieren sich Geheimdienste, Strafverfolger und Arbeitgeber, aber auch beispielsweise Kriminelle und Terroristen.
Für unsere Gedanken interessieren sich Geheimdienste, Strafverfolger und Arbeitgeber, aber auch beispielsweise Kriminelle und Terroristen.
(Bild: © agsandrew - Fotolia.com)

Mit dem „Total Information Awareness Program“ (T.I.A) wollten die US-Geheimdienste nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 den vollständigen Überblick über kommerzielle Aktivitäten und die private Kommunikation der US-Bürger gewinnen.

Gemäß der New York Times sollten die EDV-Dossiers jede nur denkbare Information enthalten, die der Regierung über jeden Einzelnen vorliegt: angefangen von der Geburtsurkunde über Dokumente wie Reisepass, Führerschein, Scheidungsunterlagen, Krankenakten bis hin zu Überwachungsvideos und letztlich der Sterbeurkunde.

Hierfür wurden angeblich bereits im Jahr 2002 Architekturen entwickelt, die bestehende Datenbanken zentral in einem gigantischen virtuellen System zusammenführen sollen.

Die US-Streitkräfte beanspruchen entsprechend ihrer Militärdoktrin „Joint Vision 2020“ eine „Full-spectrum Dominance“: Nicht nur zu Wasser, zu Lande und in der Luft, sondern auch im Weltraum – und im Cyberspace – wollen die Vereinigten Staaten die Vorherrschaft. Das T.I.A-Programm wurde als wesentlich angesehen, um sich diese zu sichern.

Alles sammeln, was sich sammeln lässt

Im März 2013, ein Vierteljahr bevor Edward Snowden den Geheimdienstskandal öffentlich machte, soll Ira Hunt, damals Chief Technology Officer der Central Intelligence Agency (CIA), einer Schwesterorganisation der NSA, erklärt haben: „Mehr ist immer besser (…) da sich Punkte die man nicht hat, nicht verknüpfen lassen. Daher versuchen wir grundsätzlich alles zu sammeln, was wir sammeln können und behalten es für immer.“

Der Verschlüsselungsexperte Bruce Schneier bestätigt: „Bald wird alles was wir tun, on- und offline, aufgenommen und für immer gespeichert. Die einzig verbleibende Frage ist, wer Zugang zu all den Infos hat.“

Wenn der CTO der CIA dies schon vor zwei Jahren in der Zeitung erklärte, gehörte die Praxis unter den Diensten wohl bereits zum damaligen Zeitpunkt zum Allgemeingut. So ist zu unterstellen, dass Putin dem US-Präsidenten in dessen Fähigkeiten nicht nachstehen will. Gleiches gilt wohl für die Chinesen, die Briten und die Franzosen.

Im Dezember 2014 wurde vom Schweizer Nationalrat ein Nachrichtendienstgesetz (NDG) beraten.

Die Schweizer Wochenzeitung fürchtet, der Geheimdienst solle „entfesselt“ werden. Stichworte dazu: „Kabelaufklärung“ – auch die Inhalte! – und „Einsatz von Überwachungsgeräten an nicht öffentlichen Orten“ (was vermutlich Wanzen in Wohnungen bedeutet).

Investitionen in Cyberspionage nehmen zu

Und offenbar gibt es neben den Schweizern noch weitere, die Geschmack am Jagen und Sammeln gefunden haben. Nach Snowdens Enthüllungen sollen sich die Investitionen in Cyberspionage verdreifacht haben. Wir dürfen also getrost annehmen, dass jeder Geheimdienst auf diesem Globus danach trachtet, die Datensammelei der Amerikaner möglichst gut zu imitieren.

Derweil streben die Vereinigten Staaten schon lang nach Höherem: Der Britischen Tageszeitung Independent vertraute Ira Hunt an: „Es liegt in sehr greifbarer Nähe, dass wir in der Lage sind, jede von Menschen erzeugte Information zu verarbeiten.“

Gefahr SIM-Karte

Wichtig dürften den Spionen dabei die SIM-Karten sein. Bruce Schneier glaubt, dass es ihnen dabei um „alle“ geht. Das würde bedeuten, dass die USA jedes Gespräch weltweit belauschen können, bei dem zumindest ein Handy genutzt wird. Und es steht nicht nur der Zugriff auf Inhalte im Mittelpunkt, sondern auch auf Informationen, wer alles so mitspricht – oder eben nur Sendepause hat.

Aber: Jegliche von Menschen erzeugte Information verarbeiten zu können – ist das nicht vielleicht doch ein wenig übertrieben? Für Schneier jedenfalls scheint das plausibel zu sein. Er sagt: „Wir wissen nicht exakt, was gesammelt wird, aber es darf als gesichert unterstellt werden, dass alles gesammelt wird.

Computer generieren Transaktionsdaten als Abfallprodukt ihrer Rechnerei. Und da so ziemlich alles, was wir mittlerweile tun, mithilfe von Computern geschieht, produzieren wir mit allem, was wir machen, personenbezogene Daten."

Des Weiteren erklärt er: "Die NSA versucht sämtliche dieser Daten zu sammeln. Sie sollten dabei an alles denken: Surfen, Einkaufen, Chatten, Kontakte zu Freunden. Denken Sie ans Telefonieren und wo Sie sich dabei aufhalten. Ebenso daran, was nicht mithilfe von Bargeld abgewickelt wird, und so weiter, und so weiter. Wir wissen, dass alles von der NSA gesammelt und in Datenbanken wie PRISM gespeichert wird.“

Behörden erhalten technische Unterstützung

Gesammelt wird von Behörden mit technischer Unterstützung – etwa von SAP. Die Walldorfer verkaufen die Software dem vom US-Wirtschaftsmagazin als "CIA-finanzierte Data-Mining-Dampfwalze“ bezeichneten Unternehmen Palantir und gründen gleich noch eine neue Firma mit deren früheren Agenten.

Genauso ist Deutschland aktiver Spieler beim Datenhandel und tritt dabei als Käufer oder auch als Verkäufer von Informationen auf. Und die Polizei hierzulande lässt sich Informationen zusätzlich sogar mehrfach stehlen, weil ihre Systeme so löchrig sind wie Schweizer Käse. Die NSA soll gar Opfer ihrer eigenen Schädlinge geworden sein.

Die Datenhändler wiederum lassen sich ihrerseits die Beute gegen eine Gebühr abluchsen und so geraten die Daten von 200 Millionen US-Amerikanern mit bis zu 1.500 Detailinformationen in die Hand von Kriminellen. Weshalb US- Abgeordnete die Datenhändler heftig kritisieren.

Damit das Chaos aber ja nicht kleiner wird, werden Deutsche Behörden ausdrücklich von der Pflicht entbunden, ihre Datensicherheit regelmäßig nachzuweisen. Zusätzlich wird Deutschland vorgeworfen, sich für die Schwächung des Datenschutzes in Europa stark zu machen.

Ok Google. "Welchen Job soll ich annehmen?"

Die Allgegenwärtigkeit personenbezogener Informationen führt dazu, dass sich das Verhalten der jeweiligen Zielpersonen vorhersagen lässt: Google will einem Bericht der Financial Times aus dem Jahr 2007 zufolge "unser Leben künftig obendrein mitorganisieren“ – und uns beispielsweise Antworten auf Fragen wie „was soll ich morgen tun?“ oder „welchen Job soll ich annehmen?“ geben.

Nun, wenn Google uns solche Empfehlungen geben kann, kann die Suchmaschine wohl auch voraussehen, mit welcher Wahrscheinlichkeit wir dieser Empfehlung folgen werden. Und: Mit wem teilen sie ihre Erkenntnisse? Wer haftet für etwaige Fehler in der Prognose?

Diese Absicht hatte der frühere Google-Chef Eric Schmidt 2007 bekundet; 2009 hat die NSA das Ziel ausgegeben, mit dem Programm AQUAINT (Advanced Question Answering for Intelligence – Fortgeschrittene Fragen und Antworten für Geheimdienste) unsere Gedanken „vorhersagen“ zu können.

Was denken Menschen?

Der Journalist und Geheimdienstexperte James Bamford erklärte es 2009 so: „Mit dem gesamten Internet und Tausenden von Datenbanken für ein Gehirn wird das Gerät in der Lage sein, nahezu augenblicklich komplexe Fragen von Geheimdienstanalysten zu beantworten.

Da mehr und mehr Daten durch Telefonate, Kreditkartenabrechnungen, soziale Netze wie Facebook und Myspace, GPS-Spuren, Handy-Standorte, Internet-Recherchen, Amazon-Bucheinkäufe und sogar elektronische Mautabrechnungen zur Verfügung stehen, könnte es eines Tages möglich sein, nicht nur zu wissen, wo sich Menschen aufhalten und was sie dabei tun. Sondern auch was und wie sie denken.“

Auch hier geht es wieder um die Sprache. Einmal um das gesprochene Wort: Selbst wenn sich die Gesprächspartner in einer fremden Sprache unterhalten, wollen die NSA-Linguisten die Inhalte verstehen – daher soll die Maschine bei mangelnder Sprachqualität die fehlenden Worte ergänzen.

2009 ging es darum, fehlende Satzteile zu erahnen – dazu soll ein Hochenergie-Elektroenzephalografiegerät (EEG) verwandt worden sein. Es gibt darüber hinaus Ideen, solche EEG-Kurven von Flugreisenden zu erfassen. Im Anschluss können sie auch schon wie im vergangenen Herbst geschehen, als Binärcode (in Form von Nullen und Einsen) rund um den Globus übertragen werden.

Ein anderes Problem: Die Menschen lügen – viele der Täuschungsversuche seien aber – so Bamford – fast unmerklich und deshalb schwer zu erkennen. Permanent aufmerksame Sensoren und unbestechliche statistische Algorithmen könnten hier helfen.

Aufschlussreich sollen etwa „kurze“ Gesichtsausdrücke sein. Genauso soll es sich mit der Sprache verhalten – wer die Zeitformen der Verben wechselt, könnte womöglich die Unwahrheit sagen. Die NSA wollte wissen, was „x“ über „y“ „denkt“, so Bamford unter Berufung auf eine Wissenschaftlerin, die ihre Stelle bei der NSA mittlerweile – aus ethischen Gründen – aufgegeben haben soll.

Smartphones zeichnen Gangmuster auf

Soweit zur Technik des vergangenen Jahrzehnts. Jetzt zur Zukunft: Das intelligente Telefon enthält einen sehr sensiblen Beschleunigungssensor – und das Wireless Sensor Data Mining Lab der Fordham Universität glaubt, dass ein Mensch allein an seinem Gang erkannt werden kann, wenn der Beobachter Zugriff auf die Daten dieses Sensors hat.

Um den zu erhalten, ist nach Erkenntnis von Symantec lediglich ein Scanner in Form eines Raspberry-Pi-Minicomputers mit Bluetooth-Schnittstelle notwendig. Kosten: 75 US-Dollar. Überwachungskameras sind nur noch für die Zielpersonen notwendig, die kein Telefon bei sich tragen.

Der mittlerweile pensionierte Ira Hunt „mag“ die Vorstellung des Menschen als „wandelnder Sensorplattform“.

Eine solche ist Anshu Jain, Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank. Er trägt ein iArmband von Fitbit. Dieses misst nicht nur die Herzfrequenz, die Atmung, die Körper- und die Umgebungstemperatur, sondern auch psychogalvanische Reaktionen. Damit wird die Herabsetzung des elektrischen Hautwiderstands bezeichnet, sobald durch stärkere psychische Erregung die Sekretion der Schweißdrüsen gefördert wird. Diese Reaktionen werden auch von Lügendetektoren gemessen, um zwischen wahr und unwahr zu unterscheiden.

Wearable-Daten vor Gericht?

Derzeit hat das Geldhaus einige Gerichtsverfahren am Hals. Gut möglich, dass Jain in diesem Zuge von einem Richter gefragt wird: „Verstößt die Deutsche Bank gegen geltendes Recht?“ Dabei wird es ihm weniger um den Inhalt von Jains Worten gehen – der ergibt sich ohnehin aus der Akte, der Summe seiner elektronisch verfügbaren Dokumente. Interessant wird vor allem sein, Jains Gesichtsausdrücke, die Verwendung der Zeitformen und seine galvanischen Reaktionen beim Antworten zu beobachten.

Die Interessenten von derlei Informationen stehen schon Schlange vor unserem Oberstübchen: Geheimdienste, Strafverfolger, Arbeitgeber, Arbeits- und Finanzamt, Datenhändler, Wettbewerber, (Kranken-)Versicherungen, Kriminelle und Terroristen. Wobei die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

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