ISF-Feldstudie

Vom Silicon Valley siegen lernen?

| Redakteur: Jürgen Schreier

Doch diese strukturellen Faktoren allein erklären nach Einschätzung der ISF-Forscher nicht die disruptive Dynamik, die vom Silicon Valley ausgeht. Entscheidend sei vielmehr, dass die Akteure im Silicon Valley ein spezifisches Verständnis von Digitalisierung praktizieren, das weit über die technische Vernetzung von Geräten oder die Automatisierung von Tätigkeiten hinausgeht.

Der Grund besteht laut Studie darin, dass die Mehrzahl der Unternehmen in der Bay Area mit dem Internet groß geworden sei und viel früher als der Rest der Weltwirtschaft begriffen habe, dass mit dem Web nicht einfach nur eine neue digitale Technologie entstanden ist, sondern ein globaler Informationsraum und eine neue gesellschaftliche Handlungsebene.

Sind alle Menschheitsprobleme mit Technologie lösbar?

Die Radikalität, mit der Google & Co. versuchen, die Potenziale des Informationsraums in der Welt zum Tragen zu bringen, verändere nicht nur die Ökonomie und Wettbewerbsstrukturen grundlegend. Sie habe auch weitreichende Konsequenzen für die Arbeitswelt und die Gesellschaft als Ganzes: Arbeitstage ohne Anfang und Ende, eine extreme Leistungskultur und der massive strukturelle Qualifikations- und Beschäftigungswandel sind, wie die Studienautoren zeigen, nur einige der "Begleiterscheinungen".

Diese Seite blieb in den Produktpräsentationen und Visionen der Tech-Firmen und ihrer "Evangelisten" oftmals ausgespart. Insbesondere bei den Feldstudien im Jahr 2015 überraschte die Forscher aus München die extreme, bisweilen naive Technologiegläubigkeit im Silicon Valley: So schien es kaum ein Problem auf der Welt zu geben - von Hungersnöten über Naturkatastrophen bis hin zur Sterblichkeit -, das nicht durch Technologie und technischen Fortschritt lösbar wäre.

Die "Abgehängten" schlagen zurück

Welchen sozialen Sprengstoff eine Wirtschaftsweise birgt, die auf "schöpferische Zerstörung" ausgelegt ist, wurde seitens der Eliten im Silicon Valley - von wenigen hellsichtigen Zeitgenossen abgesehen - kaum reflektiert. Die Studienautoren führen dazu ein plastisches Beispiel an: Wenn Firmen wie Google, Apple oder Tesla mit Hochdruck am autonomen Fahren arbeiten, wirft dies existenzielle Fragen für die 3,5 Millionen Lastwagenfahrer in den USA auf. Kommt es zum Durchbruch, droht eine der stärksten Berufsgruppen "wegrationalisiert" zu werden. Nicht zuletzt der Wahlsieg von Donald Trump habe deutlich gemacht, dass sich insbesondere bei Mittel- und Niedrigqualifizierten die Ängste mehren, "abgehängt" zu werden - mit entsprechenden Folgen für die amerikanische "Politikkultur".

Allerdings zeichnet sich mittlerweile ein Stimmungswechsel ab, wie die ISF-Forscher bei ihrem Aufenthalt im Mai 2017 feststellten. So wirkten die Gesprächspartner "ungewohnt" nachdenklich. Statt großer Euphorie, ganz nah am "next big thing" dran zu sein und damit die Welt grundlegend zu verändern, habe man vielfach Ernüchterung und pragmatischere Einschätzungen angetroffen.

Die digitale Ungleichheit ist im "Valley" angekommen

Anlass für diesen Stimmungswandel könnte sein, dass die "Schattenseiten" der disruptiven Wirtschaftsweise jetzt auch im Silicon Valley selbst ganz offenkundig zu Tage treten und möglicherweise die Entwicklung des Innovationsclusters bremsen: So mache unter anderem der Mangel an bezahlbarem Wohnraum das Leben vor Ort selbst für gut bezahlte IT-Fachleute fast unmöglich. Zudem wachse durch die die zunehmende Lohnspreizung die Ungleichheit zwischen den verschiedenen Beschäftigtengruppen kontinuierlich an.

Work-Life-Balance: Für viele Tekkies im Silicon Valley ist das ein Fremdwort.
Work-Life-Balance: Für viele Tekkies im Silicon Valley ist das ein Fremdwort. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Die Münchner Wissenschaftler kommen deshalb zu dem Schluss: Statt das Silicon Valley zu kopieren, braucht es einen eigenständigen europäischen Entwicklungsweg, der die Bereitschaft zu einer grundlegenden Neueinstellung mit einer konsequenten Orientierung auf soziale Stabilität verbindet.

Der Forschungsreport "Silicon Valley: Vorreiter im digitalen Umbruch" steht unter http://digit-dl-projekt.de/ als Download zur Verfügung.

* Diesen Beitrag haben wir von unserem Partnerportal Industry of Things übernommen.

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