Die Anwendung ist kognitiv, die Plattform cloudy, Teil 1

Wohin steuert IBM?

| Autor / Redakteur: Dietmar Müller / Rainer Graefen

Bluemix Garage bietet die DevOps-Tools nd APIs für die Cloud. Über Blumix erhalten Entwickler gar Zugriff auf den ersten arbeitenden Nano-Chip von IBM, mit fünf Qbits.
Bildergalerie: 2 Bilder
Bluemix Garage bietet die DevOps-Tools nd APIs für die Cloud. Über Blumix erhalten Entwickler gar Zugriff auf den ersten arbeitenden Nano-Chip von IBM, mit fünf Qbits. (Bild: IBM)

Der Computerkonzern IBM blickt auf eine über 100jährige Geschichte zurück. Nun hat sich "Big Blue" ein weiteres Mal neu erfunden und setzt alles auf "Cognitive Computing". Dafür wurde eine völlig neue Strategie entwickelt und Töchter hinzugekauft. Was aber wird aus den früheren Standbeinen, etwa der Hardware? Und mehr denn je stellt sich die Frage: Womit genau will "Big Blue" künftig Geld verdienen?

Die Frage nach dem Geldverdienen ist berechtigt; seit vielen Quartalen sind die Umsätze rückläufig. Die in dieser Woche veröffentlichten Zahlen lassen jedoch aufhorchen und machen laut Handelsblatt "Hoffnung auf ein Ende der jahrelangen Durststrecke". Was also tut sich?

Um diese Frage zu klären, lohnt sich ein Blick in den jüngsten Annual Reportder IBM-Chefin Virginia M. Rometty von Ende Februar, in der sie den Investoren ihren Kurs erklärt.

Eingangs legt sie dar, dass die IT-Industrie sich grundlegend gewandelt hat – und IBM diesen Wandel nicht nur mitmachen, sondern vielmehr anführen müsse. Man könne nicht mehr länger eine Hardware plus Service-Company sein, vielmehr müsse man die „kognitive Ära“ bewusst angehen und mitgestalten: "IBM entwickelt sich zu einer Firma, die auf kognitive Lösungen und eine Cloud-Plattform setzt", so Rometty.

Cognitive Business

Vor rund zwei Jahren habe das Management-Team von IBM den Plan gefasst, den Konzern grundlegend zu erneuern. Im Zuge dessen habe man unprofitable Geschäftszweige abgestoßen und gleichzeitig voll auf Analytics, Cloud, Mobile, Social und Security gesetzt. Diese fünf Punkte sind in den Augen Romettys die tragenden Säulen der digitalen Transformation und hätten im vergangenen Jahr 35 Prozent zum Gesamtumsatz beigetragen – nachdem man fünf Milliarden Dollar Aufbauhilfe ausgegeben hat.

Einen Schritt weiter gehe man nun mit "Watson", einem "intelligenten System", dessen europäische Zentrale für das Internet der Dinge (Internet of Things; IoT) sich in den High Light Towers in München befindet. Watson bietet über eine Cloud-Plattform oder falls gewünscht auch On Premise Cognitive-Computing-Anwendungen an.

Kognitive – also: lernende - Systeme bedienen sich eines breiten Spektrums bereits etablierter IT-Anwendungen und Einsatzbereiche: Sie reichen von Datenanalysen, natürlicher Sprachverarbeitung bis hin zu traditionellem Machine Learning.

Für Rometty ist diese Entwicklung ein fundamentaler Wandel in der Geschichte der digitalen Datenverarbeitung, ein Umbruch vergleichbar mit dem Übergang von Tabelliermaschinen zu programmierbaren Computern, der vor rund 60 Jahren begann.

Watson lernt

Watson ist ein solches kognitives System. Es wurde so konzipiert, dass es Daten, egal woher sie kommen und in welcher Form sie vorliegen, verarbeiten kann. Watson ist in der Lage, Millionen von Textdokumenten in Sekunden zu lesen und zu verstehen.

Watson folgt dabei dem Prinzip, das auch dem menschlichen Denken entspricht: aus Fehlern und Erfolgen lernen; Rückschlüsse ziehen; Daten interpretieren, um Muster und Verbindungen zu erkennen und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Obwohl es so gut passte: "Watson" hat seine Bezeichnung nicht von dem Assistenten der Romanfigur Sherlock Holms, sondern Von Thomas J. Watson, einem der ersten IBM-Präsidenten.
Obwohl es so gut passte: "Watson" hat seine Bezeichnung nicht von dem Assistenten der Romanfigur Sherlock Holms, sondern Von Thomas J. Watson, einem der ersten IBM-Präsidenten. (Bild: © Popova Olga - Fotolia)

Beispiel für eine Anwendung gefällig? Die Versicherungskammer Bayern (VKB) will mit Hilfe von Watson zügiger auf den Ärger ihrer Kunden reagieren. Das System ist nach mehreren Monaten Training aktuell in der Lage, Unmutsäußerungen in Kundenschreiben zu erkennen und nach verschiedenen, vorgegebenen Kategorien zu sortieren.

Hierfür analysiert Watson die Sätze in den Anschreiben und sorgt für eine automatische Zuordnung an den jeweils richtigen Sachbearbeiter. Der Einsatz von Watson im Beschwerde-Management soll jedoch erst den Anfang machen: Die VKB plant Watson die Analyse und richtige Zuordnung von Angebotswünschen sowie die medizinische Dokumentation zu übergeben.

Cloud Computing

Wer Watson sagt, muss auch Cloud sagen. Kognitive Technologien sind weiträumig ohne eine Cloud-Plattform, auf der sie geliefert werden, gar nicht denkbar, so Rometty in ihrem Annual Report. Auf der Plattform stehen nicht zuletzt API-Bibliotheken bereit, an die potentielle Entwicklungspartner an Watson andocken können.

Aktuell mache man aber vorrangig Profit mit hybriden Clouds für Enterprise-Kunden – kein Wunder, sei dieses Marktsegment doch das am stärksten wachsende im gesamten Cloud-Spektrum. Hier komme IBM seine jahrzehntelange Erfahrung mit Mainframes, Schnittstellen und Security zugute. 2015 seien zehn der über 70 Service-Deals mit einem Volumen von über 100 Millionen Dollar auf Hybrid Clouds entfallen.

Einige der wichtigsten Bausteine von IBMs Cloud-Strategie sind laut Rometty:

  • Die Plattform "IBM Bluemix" für die Entwicklung von Web- und Mobile Apps
  • "IBM Softlayer" als Basis der Infrastructure-as-a-Service-Plattform, mit 46 Cloud-Rechenzentren weltweit (Stand Februar 2016)
  • Die "IBM QRadar Security Intelligence Platform" für Collaboration, App Exchange und APIs aus dem Bereich der IT-Sicherheit und
  • natürlich die Watson-Plattform

Nicht vergessen darf man IBMs Middleware. Man habe seit 14 Jahren Erfahrung mit der Integration von Services – was ja das Herz aller hybriden Clouds sei, so die IBM-Chefin.

Bluemix Garage bietet die DevOps-Tools nd APIs für die Cloud. Über Blumix erhalten Entwickler gar Zugriff auf den ersten arbeitenden Nano-Chip von IBM, mit fünf Qbits.
Bluemix Garage bietet die DevOps-Tools nd APIs für die Cloud. Über Blumix erhalten Entwickler gar Zugriff auf den ersten arbeitenden Nano-Chip von IBM, mit fünf Qbits. (Bild: IBM)

Jüngste Übernahmen

IBM hat in seiner über hundertjährigen Geschichte unzählige Unternehmen übernommen. Die Akquisitionen der vergangenen Monate überraschen aber auf den ersten Blick. Auf den zweiten und im Lichte des Cognitive Computing betrachtet sind sie sinnvolle Zukäufe:

Im Februar dieses Jahres kündigte der Konzern an, Krankenhäuser und Pharmazieunternehmen zielgenauer mit seiner Watson-Analytics-Technologie beliefern zu wollen. Dafür werde man Truven Health Analytics aus Ann Arbor, Michigan, kaufen.

Das Unternehmen bietet Daten, Analyse-Tools, Benchmark-Informationen und Services für Unternehmen des Gesundheitswesens an. Die Kunden rekrutieren sich unter anderem aus Krankenhäusern, Pharmaunternehmen, Anbietern von medizinischem Equipment und Regierungsbehörden.

Mit Truven erhält IBM Einsicht in Kostenstrukturen, Abläufe, typische Beschwerdemuster oder Qualitätszustände in Kliniken. Mit Hilfe der Watson-Technologie will IBM daraus neue Erkenntnisse gewinnen, die dann wieder an Kliniken und Unternehmen im Gesundheitswesen verkauft werden sollen.

Gesundheit!

Eine Partnerschaft ebenfalls im Health-Sektor sorgte zu Beginn des Jahres für Aufsehen: Auf der CES kündigte IBM zusammen mit Medtronic an, die Watson-Analytics-Technologie als Backend für eine Diabetws-App einzusetzen und so theoretisch weltweit 400 Millionen betroffene Menschen als Kunden zu gewinnen. Die App sammelt Daten der von Medtronic vermarkteten Insulin-Pumpen und Glukose-Monitoren. Diese lassen sich so auswerten, dass klar wird, wann der Blutzuckerspiegel einen kritischen Level unterschreitet.

Zuvor waren mit Phytel, Explorys und Merge Healthcare bereits drei weitere Unternehmen aus dem Gesundheitssektor eingekauft worden. Keine Frage: Auch IBM hat erkannt, dass die Menschen in der westlichen und damit zahlungskräftigen Hemisphäre immer älter werden – und für ihre Gesundheit viel Geld auszugeben bereit sind. Eine IBM Watson Health genannte Sparte soll diesen Markt adressieren.

Geradezu konventionell macht sich dagegen die geplante Übernahme von Resilient Systems aus, die im Frühjahr auf der RSA-Conference in San Francisco bekanntgegeben wurde. Neben Lösungen für Security Incident Management kaufte man so auch den bekannten Sicherheitsexperten Bruce Schneier ein. Mit der IT-Sicherheit lässt sich immer Geld verdienen.

Wenige Fragezeichen erzeugten auch die Kaufverträge für den Erwerb der Digitalagenturen ecx.io und Aperto. Beide werden Teil von IBM Interactive Experience (IBM iX) und bringen Kunden wie Jaguars Landrover, Citi, Airbus, Volkswagen und Siemens ein. All diese Konzerne müssen ins digitale Zeitalter überführt werden. IBM würde das gerne für sie erledigen.

Der zweite Teil erscheint am 9. August 2016

Kommentare werden geladen....

Was meinen Sie zu diesem Thema?

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44186089 / Branchen/Mittelstand/Enterprise)