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Auswirkungen der Natur- und Atomkatastrophe schlimmer als befürchtet Zunehmend Lieferengpässe für High-Tech aus Japan

| Redakteur: Harry Jacob

Anhaltende Probleme bei der Stromversorgung, schwere Nachbeben und die Beeinträchtigung der Luft- und Schifffahrt durch die Freisetzung von Radioaktivität führen dazu, dass es nun doch zu größeren Engpässen bei Lieferungen aus Japan kommt.

Nicht nur die Halbleiterfabriken im Erdbebengebiet haben Probleme – Strommangel und eingeschränkte Transportwege betreffen inzwischen fast die gesamte japanische Industrie.
Nicht nur die Halbleiterfabriken im Erdbebengebiet haben Probleme – Strommangel und eingeschränkte Transportwege betreffen inzwischen fast die gesamte japanische Industrie.
( Archiv: Vogel Business Media )

Die Auswirkungen der Katastrophe in Japan auf Produzenten und Händler von Elektronikgeräten verschärfen sich, meldet der IT-Branchenverband Bitkom nach einer stichprobenartigen Umfrage. „Die Nachwirkungen des Bebens, des Tsunamis und des Reaktor-Unglücks wirken sich immer stärker auf die weltweite Lieferkette im Hightech-Sektor aus“, sagte Bitkom-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer.

„Die ungewöhnlich starken Nachbeben und die weiterhin schwankende Stromversorgung in einigen Regionen des Landes stellen die Produzenten immer wieder vor Probleme.“ Nach Informationen der Unternehmen laufen die Reparaturarbeiten auf Hochtouren. Viele Werke beginnen wieder mit der Produktion, erreichen häufig aber noch nicht die volle Kapazität.

Die Halbleiterproduktion wird bei Beben der Stärke 5,0 oder höher automatisch gestoppt. Doch dieser Wert wird immer wieder durch Nachbeben überschritten. Vorigen Donnerstag erschütterte ein Beben der Stärke 6,1 die Erde in Japan, am Sonntag wurde ein Beben der Stärke 5,3 registriert. Nach der automatischen Abschaltung müssen die Anlagen erst wieder auf mögliche Schäden überprüft werden, bevor die Produktion erneut anlaufen kann.

Komponenten fehlen

In der Stichprobenumfrage wurden die Antworten großer Hersteller und Händler von Informations- und Kommunikationstechnik sowie Unterhaltungselektronik in Deutschland ausgewertet. Neben Endgeräten werden in Japan wichtige Vorprodukte, Bauteile oder Komponenten für die Hightech-Industrie wie Wafer, Chips oder Sensoren gefertigt.

Vier von fünf der befragten Unternehmen beziehen Waren oder Vorprodukte aus japanischer Produktion. 17 Prozent der Hersteller und Händler registrieren aktuell Lieferengpässe bei Geräten, Komponenten oder Bauteilen. 19 Prozent erwarten Einschränkungen in den kommenden Wochen und 29 Prozent in den kommenden Monaten. Nur ein Fünftel erwartet keinerlei Auswirkungen.

Preise steigen

Die Katastrophe in Japan hat auch Folgen für die Preise. 21 Prozent der Hersteller und Händler beobachten bereits Preissteigerungen bei Produkten, Komponenten oder Bauteilen. 21 Prozent rechnen mit Preissteigerungen in den kommenden Wochen, 17 Prozent in den kommenden Monaten. 19 Prozent erwarten keine Preissteigerungen und 10 Prozent sind unentschieden.

Unterdessen wird die Frage gestellt, ob aus Japan eingeführte Waren radioaktiv belastet sind und diese in den Handel kommen können. Diese Gefahr besteht aus Sicht des Bitkom zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. An den Flughäfen wird ein Großteil der Güter vom Zoll auf Radioaktivität überprüft.

Strahlung stoppt Schiffe

Warenlieferungen auf dem Seeweg sind mehrere Wochen unterwegs und dürften daher noch vor dem Reaktorunfall auf den Weg gebracht worden sein. Die deutschen Häfen und der Zoll kontrollieren die Schiffe auf eine Strahlenbelastung. Allerdings hat vorige Woche eine erste Reederei aus Hamburg ein Schiff auf dem Weg nach Tokio gestoppt, um zu verhindern, dass es in eine radioaktive Wolke kommt. Aufgrund der anhaltenden Probleme in Fukushima könnte dieser Fall in den kommenden Wochen und Monaten häufiger eintreten.

Bislang ist nicht geklärt, wie komplette Schiffe dekontaminiert werden könnten. Nur eines ist klar: ein strahlendes Schiff darf in keinen europäischen Hafen einlaufen. Die Reeder sind lieber vorsichtig – und die Transporte aus Japan damit einer weiteren Unsicherheit unterworfen.

Wie der Bitkom mitteilte, importierte Deutschland aus Japan im Jahr 2010 Hightech-Produkte im Wert von 3,4 Milliarden Euro. Davon entfallen 1,6 Milliarden Euro auf Vorprodukte (elektronische Bauelemente und Leiterplatten) sowie 1,8 Milliarden Euro auf fertige Geräte. Zu den Fertigprodukten zählen Consumer Electronic (Fernseher, Digitalkameras etc.) mit einem Importvolumen von 730 Millionen Euro, Informationstechnik (Computer, Drucker etc.) mit 670 Millionen Euro und Kommunikationstechnik (Handys, Smartphones und ähnliches) mit Importen im Wert von 430 Millionen Euro.

Alternativen gesucht

Gerade die fehlenden Vorprodukte haben wesentliche Auswirkungen auf die Produktion in Deutschland, nicht nur im IT- und TK-Sektor, sondern auch in der Auto-Industrie, im Maschinenbau und bei der Herstellung von Elektro-Geräten. Die betroffenen Hersteller suchen nun auf der Suche nach Lieferanten in anderen asiatischen Ländern, die baugleiche Komponenten liefern können.

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