Eine Umfrage des Branchenverbands Bitkom hat ergeben, dass rund 84 Prozent der Unternehmen russische und belarussische IT-Fachkräfte einstellen würden. Für eine erleichterte Einwanderung schlägt der Verband ein Sofortprogramm mit der Bezeichnung „#greencard22“ vor.
Es fehlen Fachkräfte: Wie wäre es mit Mitarbeitern aus der Ukraine, Belarus oder Russland?
Mehr als 100.000 IT-Fachkräfte haben in den vergangenen Monaten Russland und Belarus verlassen, viele weitere könnten folgen. Wie Bitkom Research ermittelt hat, besteht in der Digitalwirtschaft eine große Offenheit, diese IT-Expertinnen und -Experten einzustellen.
So sagen in einer Blitzumfrage des Branchenverbands 84 Prozent der Unternehmen, sie seien grundsätzlich dazu bereit, wenn die IT-Profis die gesuchte Qualifikation mitbrächten und vorab eine behördliche Sicherheitsüberprüfung bestanden hätten.
41 Prozent dieser Unternehmen würden die IT-Fachkräfte auch dann einstellen, wenn sie kein Deutsch sprechen.
Bei 42 Prozent hängt die Anforderung an die Sprachkenntnisse vom jeweiligen Einsatzbereich ab.
17 Prozent der Unternehmen würden IT-Fachkräfte aus Russland oder Belarus nur einstellen, wenn sie die deutsche Sprache beherrschten.
Ergänzendes zum Thema
Hinweis zur Methodik der Umfrage
Grundlage der Angaben ist eine Online-Befragung des Bitkom in der 28. Kalenderwoche, an der 139 Unternehmen, vorwiegend aus der Digitalwirtschaft, teilgenommen haben. Somit sei die Umfrage nicht repräsentativ, liefere aber belastbare Trendaussagen, heißt es vom Bitkom.
Die teilnehmenden Unternehmen haben im Durchschnitt 87 freie Stellen für IT-Expertinnen und -Experten. Bitkom geht davon aus, dass der gesamtwirtschaftliche Bedarf an IT-Fachkräften mittlerweile wieder über 100.000 liegt.
Anfang 2022 war die Zahl freier Stellen für IT-Fachkräfte in Deutschland branchenübergreifend bereits auf 96.000 gestiegen. „Der IT-Fachkräftemangel betrifft nicht nur die Digitalwirtschaft – er betrifft alle Branchen und zudem Staat und Verwaltung, Schulen und Wissenschaft. Es wäre für alle Seiten ein Gewinn, wenn wir das exzellente IT-Know-how aus Russland und Belarus abziehen und es schaffen, möglichst viele IT-Profis nach Deutschland zu holen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.
Erleichterte Einwanderung
Bitkom schlägt in diesem Zusammenhang #greencard22 vor, mit dem russische und belarussische IT-Expertinnen und -Experten schnell und unbürokratisch angeworben und vollständig und dauerhaft in Arbeitsmarkt und Gesellschaft integriert werden könnten. „Voraussetzung für eine erfolgreiche Einwanderung müssen das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und eine behördliche Sicherheitsüberprüfung sein“, betont Berg. „Viele IT-Fachkräfte in Russland und Belarus teilen unsere freiheitlichen und pluralistischen Werte. Ihnen wollen wir eine Perspektive bieten.“
Zum Einsatz könnten IT-Fachkräfte aus Russland und Belarus in faktisch allen Kompetenzbereichen kommen. So würden die befragten Unternehmen sie insbesondere im Bereich Software-Entwicklung (81 Prozent) oder als Software-Architektinnen und -Architekten (66 Prozent) einstellen. Auch Cloud Engineers (48 Prozent), Data Scientists (46 Prozent), UX-Designerinnen und -Designer (43 Prozent) sind gesucht, ebenso IT-Anwendungsbetreuerinnen und -betreuer (42 Prozent) und KI-Profis (35 Prozent).
Über das von Bitkom geforderte Sofortprogramm sollten IT-Fachkräfte aus Russland und Belarus innerhalb einer Woche eine Aufenthaltserlaubnis erhalten, sofern ihnen ein Jobangebot vorliegt und sie eine behördliche Sicherheitsüberprüfung durchlaufen haben. Zudem sollten das Visa-Verfahren zur Arbeitsplatzsuche und das Berufsanerkennungsverfahren beschleunigt werden. Die Antragsverfahren sollten komplett digitalisiert werden, und es sollten verbindliche Bearbeitungsfristen gesetzt werden.
16 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen würden jedoch keine IT-Fachkräfte aus Russland und Belarus einstellen. Ausschlaggebend sind hier insbesondere Sicherheitsbedenken, die von jedem zweiten Unternehmen genannt werden, das keine IT-Fachkräfte aus diesen Ländern einstellen würde.
Die Bedeutung des Ukraine-Kriegs für den deutschen IT-Fachkräftemarkt
Jörn Petereit, COO bei Cloudflight und Mitglied im Vorstand des Bitkom, erläutert, warum der Krieg in der Ukraine überhaupt auf den Markt für IT-Expert:innen und Software-Entwickler:innen hat. Zum einen wandern sie aus oder eben auch nicht. Wo steckt das Problem?
Ukrainische IT-Fachkräfte genießen hierzulande einen hervorragenden Ruf, gelten als hochqualifiziert und sind daher am Markt entsprechend begehrt. Die Spezialist:innen leisten mit ihrer tiefgehenden IT-Expertise einen wertvollen Beitrag, um die digitale Transformation von Industrie und Gesellschaft in den Griff zu bekommen. So avancierte die Ukraine in den Jahren vor dem Krieg zu einem wichtigen Software-Entwicklungspartner für deutsche und europäische Unternehmen.
Stand: 08.12.2025
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Jörn Petereit ist ein ausgewiesener Technologie-Experte mit langjähriger Erfahrung in der digitalen Transformation. Vor seiner Zeit bei Cloudflight war er als Vice President IoT/M2M bei der Deutschen Bahn für die Umsetzung geschäftsübergreifender Digitalisierungsprojekte verantwortlich und hatte Führungspositionen in nationalen und internationalen Unternehmen inne.
(Bild: Cloudflight)
Der Krieg konterkariert diesen positiven Trend nun in hohem Maße: Zwar befinden sich Millionen von Menschen aus der Ukraine derzeit auf der Flucht. Dabei handelt es sich jedoch überwiegend um Frauen, Kinder, Jugendliche und nicht mehr wehrfähige Männer über 60. Für Männer zwischen 18 und 60 Jahren hingegen ist die Ausreise mit nur wenigen Ausnahmen verboten. Da genau dieses Profil auf einen hohen Anteil der Software-Entwickler:innen zutrifft, stehen diese nun dem ausländischen IT-Markt bis auf weiteres nicht mehr oder nur über Remote-Verbindungen zur Verfügung.
Die Anerkennung
Dazu kommt: Das Berufsanerkennungsverfahren in Deutschland aus Ländern wie der Ukraine dauert mehrere Monate und muss zudem verpflichtend vor der Visa-Antragstellung erfolgen. Dies erschwert und verzögert eine schnelle Einreise und Beschäftigungsaufnahme erheblich.
Eine weitere Herausforderung: Russland und Belarus sind als Aggressoren des Kriegs mit Sanktionen belegt und fallen daher über Jahre als Nearshoring-Standorte im Software-Entwicklungsmarkt weg. Dies verschärft den Fachkräftemangel zusätzlich.
Daher müssen sich Unternehmen, die in der Vergangenheit auf Software-Entwickler:innen aus den betroffenen Ländern gesetzt haben, auf gravierende Einschränkungen einstellen, und es ist mit erheblichen Engpässen bei der Durchführung von Digitalisierungsprojekten sowie im Betrieb von Software-Lösungen zu rechnen.
Schon heute findet ein substanzieller Teil der Wertschöpfung von DACH-Unternehmen Technologie- und Software-basiert statt. Vor diesem Hintergrund drohen sich die Engpässe auf dem IT-Fachkräftemarkt und die resultierenden Probleme in den Unternehmen zu einem beträchtlichen Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland auszuwachsen.
Ein internationales Problem
Nach Angaben des Korn Ferry Institute wird der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in der Technologiebranche bis 2030 weltweit 4,3 Millionen Arbeitskräfte und einen nicht realisierten Output von 449,70 Milliarden Dollar erreichen.
Die Vereinigten Staaten müssen damit rechnen, dass ihnen bis 2030 aufgrund des Fachkräftemangels in diesem Sektor 162,25 Milliarden US-Dollar entgehen.
China könnten aufgrund desselben Problems bis 2030 Einnahmen in Höhe von 44,45 Milliarden US-Dollar versagt bleiben.
Der Technologiemarkt im Vereinigten Königreich ist mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Bis 2030 wird Großbritannien aufgrund des Fachkräftemangels fast 9 Prozent des potenziellen Umsatzes des TMT-Sektors (Technologie, Medien und Telekommunikation) nicht realisieren können.
Laut dem Bericht von Swedish IT&Telecom Industries wird es in Schweden bis 2024 voraussichtlich 70.000 unbesetzte Stellen im Technologiesektor geben.
Laut einer Studie, die Anfang vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, suchen 66 Prozent der offenen Stellen in Finnland Fachleute für Software-Entwicklung, und mindestens 95 Prozent der IT-Unternehmen haben zumindest geplant, Mitarbeiter aus dem Ausland einzustellen.
Anheuern aus dem Baltikum
Pekka Nebelung, COO des finnischen Unternehmens Jobilla, erläutert die Situation: „Die Nachfrage nach IT-Spezialisten aus dem Baltikum steigt ständig. Deutsche oder skandinavische Unternehmen sind daran interessiert, Leute aus dem Baltikum einzustellen, denn hier sind die IT-Standards sehr hoch, so dass es möglich ist, sehr qualifizierte Leute einzustellen.“
Soprana Personnel International, ein Unternehmen, das sich auf Personalbeschaffung und -vermittlung spezialisiert hat, hat festgestellt, dass sich in den vergangenen Monaten die Anfragen von skandinavischen und deutschen Unternehmen in Litauen und Lettland nach IT-Spezialisten um mehr als 35 Prozent erhöht hat.
Diana Blažaitienė, Geschäftsführerin von Soprana Personnel International, erläutert: „Unternehmen kommen zu uns, weil sie in ihren eigenen Ländern keine Fachkräfte finden, die ihren Anforderungen entsprechen, und weil ähnlich qualifizierte Fachkräfte dort höhere Gehälter verlangen.“