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IT-Systeme auf eine unbekannte Zukunft auslegen Überlegungen zur Krisenkonzeption

Ein Kommentar von Thomas Bär 4 min Lesedauer

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Aktuell wird die Welt offensichtlich nicht müde, eine Krise nach der anderen zu erschaffen. Eine Herausforderung folgt auf die nächste, und als IT-Verantwortlicher wird es zunehmend schwieriger, die richtige Weichenstellung für die Zukunft zu wählen. Gestiegene Energiekosten, Klimawandel, Fachkräftemangel, Rezession und Inflation sowie stockende Lieferketten fordern ihren Tribut – wie reagieren?

In Zeiten von Klimawandel, Krieg und drastisch steigenden Energiekosten gilt es mehr denn je, die IT-Landschaft auf schwierige Zeiten vorzubereiten.(Bild:  © Sergey Nivens - stock.adobe.com)
In Zeiten von Klimawandel, Krieg und drastisch steigenden Energiekosten gilt es mehr denn je, die IT-Landschaft auf schwierige Zeiten vorzubereiten.
(Bild: © Sergey Nivens - stock.adobe.com)

IT-Administrator und IT-Systemverantwortliche sind typischerweise Berufe, die keine besondere politische Haltung erfordern – ob man sich nun als ökologisch verantwortlicher Mensch zeigt oder dem Thema Klimaveränderung eher meinungslos begegnet: Es gibt eine spür- und messbare Entwicklung in den letzten Jahren. Die Außentemperaturen sind gestiegen und, sofern keine Baumaßnahmen neue Systeme mit sich brachten, hatten Klimaanlagen, die die Rechenzentren oder Serverräume kühlten, mehr zu tun. Mehr Kühlleistung geht bei gleichzeitig gestiegenen Energiekosten mit höheren Kosten für den Serverbetrieb einher.

Diese Kette gilt es noch ein wenig weiterzudenken: Deutschland vollzieht als Industrienation aktuell den Ausstieg aus der Kernenergie. Gleichzeitig soll, mit Blick auf das Erreichen der Klimaziele, die Verstromung von Braun- und Steinkohle ebenfalls ihr Ende finden. Regenerative Energiequellen sollen den Energiemix immer stärker anführen und langfristig die Energiepreise senken. Die einzige noch verfügbare Bedarfsstromerzeugung sollte über die Verstromung von Gas gelingen.

Unglücklicherweise ist aber in Folge der kriegerischen Handlungen Russlands der Preis für Gas angestiegen, da das Land als Lieferant ausfällt. Auf der anderen Seite des Rheins sorgen niedrige Pegelstände in den Flüssen für eine Unterversorgung bei der Kühlung der französischen Atomkraftwerke – diese waren ebenfalls als „Einspringer“ für den deutschen Energieausstieg, zumindest indirekt, eingeplant.

In Zentraleuropa sind wir eine äußerst stabile Energieversorgung gewöhnt, und die beteiligten Firmen werden sicherlich alles Erdenkliche unternehmen, um diese Stabilität auch in Zukunft aufrechtzuerhalten. Insbesondere jedoch in der Transferphase hin zu regenerativen Energiequellen steigt das Risiko von kleineren oder größeren Blackouts unweigerlich an, bis eine mehrfache Überversorgung hergestellt ist. Das sind leider Rahmenbedingungen, auf die ein IT-Leiter kaum direkten Einfluss hat. Jedoch sollten die Überbrückungszeiten der USV-Systeme in den nächsten Jahren großzügiger bemessen sein, als es in den vergangenen zwei Jahrzehnten üblich war.

Mitunter muss vielleicht auch viel radikaler gedacht werden, wie die Flutkatastrophe im Ahrtal bewies. Ein unterirdisches Rechenzentrum benötigt sicherlich weniger Kühlleistung, da die kalte Umgebung ihr übriges tut, jedoch können sintflutartige Regenfälle auf gänzlich ausgetrocknete Böden auch dort zu lokalen Überschwemmungen führen, wo es sich bisher keiner vorstellen konnte. Keller sind damit für Rechenzentren nur bedingt gute Lokationen.

Was ist eine Vorhersage wert?

IT-Profis betreiben zwar mitunter ein Orakel in Form eines Datenbanksystems, jedoch befragen sie dieses wohl kaum zu den Vorhersagen, wie sich Rahmenbedingungen verändern könnten. Selbst die nunmehr allgegenwärtigen KI-Chat-Helferlein dürften sich mit der Ausformulierung der Zukunft schwertun. Gönnen Sie sich selbst einmal den Blick in die jüngere Vergangenheit und suchen Sie Marktvorhersagen der Experten, Analysten oder Marktkenner aus den Tagen vor der Coronakrise und vor dem Krieg auf dem Gebiet der Ukraine.

Viele der Prophezeiungen blieben aus, und ganze Märkte entwickelten sich anders. Ganz unverkennbar: An Krisen und Herausforderungen mangelt es nun wirklich nicht. Entscheider und Verantwortliche im IT-Bereich sind nunmehr gefordert, noch mehr Abhängigkeiten gleichzeitig auf „dem Schirm“ zu haben, als sie es bisher schon getan haben. Ein Blick auf die bisherigen Empfehlungen der vergangenen Jahrzehnte kann helfen – muss es aber nicht.

Hohe Energiekosten können und sollten beispielsweise einen Anreiz darstellen, um den Energieverbrauch für IT-spezifische Aufgabenstellungen zu senken. Möglicherweise sind ja auch die Angebote der Cloud-Dienstleister eine echte Alternative. Auch hier mangelt es nicht an guten Ideen. Jedoch dürften die meisten IT-Abteilungen nicht in der Lage sein, die Abwärme aus dem Rechenzentrum beziehungsweise aus dem Serverraum als Grundlage für die Heizung zu verwenden. Solche Techniken bieten aber große Hosting-Anbieter, die sich auf diese Aufgaben spezialisiert haben.

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Eine gezielte Erhöhung der Temperatur im eigenen Rechenzentrum könnte aber den Energieverbrauch um einige Prozente senken – schätzungsweise ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Stabilität des Betriebs und die Lebenserwartung der Systeme. Ein gezieltes Zusammenlegen von virtuellen Workloads auf wenige Host-Maschinen könnte möglicherweise einen ganzen Server obsolet machen. Ein Server, der überhaupt nicht läuft, benötigt weder Strom, noch muss er gekühlt werden.

Ist denn wirklich alles anders?

Losgelöst von den Überlegungen zur Energieeinsparung, um das Betriebsergebnis zu verbessern und/oder die Umwelt zu schonen: IT-Leiter haben seit vielen Jahren bereits ein Rüstzeug an die Hand bekommen, um sich auf plötzliche Veränderungen besser einzustellen. Je nach Reifegrad der IT-Abteilung gibt es bereits ein Notfallhandbuch, in dem auf verschiedene Szenarien eingegangen wird. Eine unzuverlässige Energie- oder Materialversorgung muss aber möglicherweise noch als zusätzliches Kapitel in dieses Notfallhandbuch eingearbeitet werden.

Der BSI-Standard 200-4 beschreibt detailliert, was IT-Verantwortliche in Bezug auf BCM zu erledigen haben.(Bild:  Thomas Bär - BSI)
Der BSI-Standard 200-4 beschreibt detailliert, was IT-Verantwortliche in Bezug auf BCM zu erledigen haben.
(Bild: Thomas Bär - BSI)

Wer noch kein Notfallhandbuch besitzt, hat nun einen guten Grund mehr, sich mit diesem Thema intensiver auseinanderzusetzen. Eine ausreichende gute Dokumentation der eigenen IT-Landschaft ist das notwendige Fundament für dieses Buch. Umrahmt wird das Notfallhandbuch von einem ganzen Prozess: Business Continuity Management (BCM).

Das Ziel von BCM ist es, sicherzustellen, dass ein Unternehmen in der Lage ist, seine kritischen Geschäftsprozesse und -funktionen in einem akzeptablen Zeitrahmen wiederherzustellen, nachdem eine Störung oder Krise aufgetreten ist. Dazu gehören, mit Blick auf die IT, die Sicherung von Daten und Systemen, die Einrichtung von Backup-Systemen und -Standorten sowie die Schulung von Mitarbeitern in Notfall- und Wiederherstellungsszenarien.

Ein Ergebnis des BCM ist die Erstellung eines Business Continuity Plans (BCP). Hierbei handelt es sich um ein mehr oder weniger umfangreiches Dokument. Es enthält eine detaillierte Anleitung, wie ein Unternehmen auf eine Störung oder Krise reagieren sollte, um die Geschäftskontinuität aufrechtzuerhalten.

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