Die Digitalisierung verspricht Unternehmen Klarheit über ihre Informationen, doch oft erleben sie das Gegenteil. Je mehr Datenquellen ein Unternehmen erschließt, je mehr Systeme es miteinander verbindet, desto weniger können Führungskräfte noch überblicken, was tatsächlich mit ihren Daten geschieht. Diese Fragmentierung ist nicht nur ein technisches Problem, sie ist ein Governance-Desaster.
KI-Agenten sind viel mehr als nur Automationsmaschinen für schnellere Prozesse – wenn man sie richtig einsetzt.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Unternehmen wissen oft nicht mehr, wo kritische Informationen liegen, wer darauf zugreift oder wie sensible Daten behandelt werden. In einer Zeit verschärfter Datenschutzgesetze und regulatorischer Anforderungen ist dies ein steigendes Compliance-Risiko. Die zentrale Frage für Führungskräfte lautet daher nicht mehr „Wie automatisieren wir schneller?“, sondern „Wie kriegen wir wieder Kontrolle über unsere Informationswelt zurück?“.
Das stille Problem: Datenblindheit in komplexen Organisationen
Fragmentierte Datensysteme sind das neue Normal. Unternehmen betreiben On-Premises-Infrastrukturen neben Cloud-Lösungen, während Legacy-Systeme parallel weiterlaufen. Jede Abteilung pflegt eigene Datensilos. Das Ergebnis: Eine Organisation verliert schrittweise den Überblick über ihre eigene Informationswelt. Diese Datenblindheit ist tückisch, weil sie lange Zeit unbemerkt bleibt. Solange Prozesse funktionieren, bemerkt niemand das Problem, bis eine Compliance-Prüfung, ein Audit oder eine Datenschutzverletzung die fehlende Transparenz offenlegt.
Die Herausforderungen sind konkret: Wer hat Zugriff auf welche Daten? Welche sensiblen Informationen befinden sich wo? Wie werden DSGVO-Anforderungen tatsächlich durchgesetzt? Auf diese Fragen können IT-Teams in vielen Organisationen keine verlässliche Antwort geben. Parallel dazu wächst die Menge der Daten unkontrolliert. Nicht weil alles wertvoll ist, sondern weil es einfach ist, Informationen zu speichern. Die Folge: ein Datenbestand, dessen Risiken niemand wirklich kennt.
Der klassische Lösungsansatz greift zu kurz
Traditionelle Data-Governance konzentriert sich auf Policy-Definition, formale Prozesse und manuelles Monitoring. Das funktioniert bis zu einer bestimmten Organisationsgröße, aber in modernen Unternehmen, die über hunderte von Datenquellen verfügen, scheitert dieser manuelle Ansatz an der Komplexität. Gleichzeitig wurden KI-Agenten bislang hauptsächlich als Effizienz-Tools verkauft: als Automationsmaschinen für schnellere Prozesse. Das ist eine zu enge Perspektive. Agenten können viel mehr, wenn man sie richtig einsetzt.
KI-Agenten als digitale Governance-Motoren
Autonome KI-Agenten können hier einen entscheidenden Unterschied bedeuten, aber nur, wenn man sie als Governance-Instrumente begreift, nicht primär als Kostensparer. Ein gut konfigurierter Agent kann mehrere Dinge gleichzeitig tun:
Kartografierung und Transparenz: Agenten können systematisch erfassen, welche Datenbestände existieren, wo sie liegen und in welchem Zustand sie sich befinden. Das schafft die fundamentale Transparenz, die vielen Organisationen heute fehlt. Sie können fragmentierte Systeme durchsuchen und ein vollständiges Inventar erstellen. Was manuell Jahre dauern würde.
Automatisierte Governance-Durchsetzung: Die Chance liegt darin, dass Agenten Richtlinien nicht nur verstehen, sondern aktiv durchsetzen können, über Systemgrenzen hinweg. Wenn ein Unternehmen definiert, dass personenbezogene Daten nach x Jahren gelöscht werden müssen, kann ein Agent diese Regel systemweit applizieren. Das ist nicht optional, sondern garantiert.
Nachvollziehbarkeit und Audit-Readiness: Jede Entscheidung, die ein Agent trifft, kann protokolliert und später nachvollzogen werden. Das schafft die Dokumentation, die für Compliance-Audits entscheidend ist. Behörden und Prüfer können genau sehen, wie Daten behandelt wurden und dass Richtlinien eingehalten wurden.
Proaktive Risiken-Erkennung: Agenten können kontinuierlich Anomalien identifizieren: unerwartete Zugriffe, Policy-Verletzungen oder umklassifizierte sensible Daten.
Wie kontrollierte Intelligenz in der Praxis funktioniert
Der Schlüssel ist ein Policy-bewusstes Design. Ein Agent, der autonom arbeitet, aber nie die menschliche Kontrolle verliert, funktioniert nach drei Prinzipien:
1. Policy als Basis, nicht als Nebengedanke. Bevor ein Agent etwas tut, müssen die Governance-Regeln definiert sein. Das ist umgekehrt wie bei klassischen IT-Projekten; hier beginnt Governance im Designprozess, nicht als Nachbesserung.
2. Human-in-the-Loop für kritische Entscheidungen. Nicht alles sollte der Agent selbstständig entscheiden. Bei sensiblen oder komplexen Szenarien muss der Mensch noch die Kontrolle haben. Das Ziel ist intelligente Eskalation: Agenten bewältigen Routine, Menschen treffen schwierige Entscheidungen.
3. Vollständige Transparenz jeder Aktion. Jeder Schritt, den ein Agent setzt, muss nachverfolgbar sein. Das bedeutet: detaillierte Logs, klare Entscheidungsprotokolle und die Fähigkeit, jeden Prozess zu replayen und zu verstehen.
Vier praktische Schritte zur Kontrolle
Der Weg zur kontrollierten Intelligenz folgt einer logischen Abfolge:
1. Status quo erfassen: mit agentengestützten Tools kann eine Organisation ihr komplettes Daten-Universum kartografieren. Was existiert? Wo? In welcher Form? Das ist die Basis für alles Weitere.
2. Risiken identifizieren und Regeln definieren: Basierend auf dem Überblick können Governance-Experimente Compliance-Lücken, redundante Daten und Risiken identifizieren. Parallel dazu werden die Governance-Regeln scharf definiert.
3. Automatisierte Durchsetzung starten: Agenten beginnen, diese Regeln systemweit durchzusetzen. Das reduziert manuelle Last drastisch und garantiert Konsistenz.
4. Kontinuierliches Monitoring und Anpassung: Ein Agent ist ein lernendes System. Mit jeder Iteration kann das Governance-Framework verfeinert werden, basierend auf realen Daten und Erkenntnissen.
Die neue Rolle der Menschen
Mit fortgeschrittener KI verschieben sich Prioritäten dramatisch. Mitarbeitende sind nicht mehr Aufgabenausführende, sie werden zu Governance-Schiedsrichtern. Sie definieren Regeln, treffen Ausnahmefallentscheidungen und sorgen dafür, dass Agenten im Sinne des Unternehmens handeln. Das erfordert neue Kompetenzen: tieferes Verständnis für Datenschutz, Compliance und strategisches Denken.
Fazit: Kontrollverlust ist nicht unvermeidlich
Die Fragmentierung von Datenlandschaften ist real, aber sie ist nicht unvermeidlich. Unternehmen, die KI-Agenten konsequent als Governance-Instrumente einführen, können ihre Kontrolle zurückgewinnen. Das ist nicht glamourös, aber es ist fundamental. Eine Organisation, die weiß, wo ihre Daten liegen, wer darauf zugreift und dass alle Regeln eingehalten werden, hat einen strategischen Vorteil. Sie kann schneller auf Compliance-Anforderungen reagieren, Risiken proaktiv mindern und ihre Mitarbeitenden auf Aufgaben konzentrieren, die echten Wert schaffen.
Die Zukunft gehört nicht denen, die am schnellsten automatisieren, sondern denen, die am besten kontrollieren. KI-Agenten machen das möglich. Der erste Schritt ist, diese Technologie nicht als Effizienz-Tool zu denken, sondern als Werkzeug zur Wiederherstellung von Governance und Transparenz.
Narasimha Goli, Chief Technology Officer und Chief Product Officer bei Iron Mountain.
(Bild: Iron Mountain)
* Der Autor: Narasimha Goli ist Chief Technology and Product Officer bei Iron Mountain. In dieser Funktion treibt er das Umsatzwachstum durch eine Produkt- und Technologiestrategie voran, die erstklassige Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen Engineering, Produktentwicklung, digitale Transformation, Informationsmanagement, Content Governance und Kundensupport bereitstellt.
Goli blickt auf 25 Jahre erfolgreiche Technologietransformationen in verschiedenen Branchen zurück. Er verfügt über umfassende Erfahrung im Aufbau und Management von SaaS-Anwendungen auf diversen Plattformen und in der Leitung digitaler Transformationen mithilfe von KI/ML-Technologien in zahlreichen Branchen.
Stand: 08.12.2025
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Goli ist stolz darauf, interdisziplinäre Teams in komplexen Umgebungen zu führen und Innovationskulturen für große, globale Unternehmen zu fördern. Dabei engagiert er sich für Diversität, Inklusion und die Entwicklung von Führungskräften. Zuvor bekleidete er Führungspositionen bei FCM, LLC und Nielsen und war zu Beginn seiner Karriere als Softwareentwickler tätig. Goli besitzt einen Master-Abschluss in Unternehmensführung und ein vielseitiges Patentportfolio in Informatik sowie einen Bachelor-Abschluss in Mathematik, Physik und Chemie von der Andhra University.
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