Aktueller Fachkräftemangel

Wege aus der Abwärtsspirale

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Imageprobleme: Diffuse Vorstellungen führen letztlich zu falschen Bildern.
Imageprobleme: Diffuse Vorstellungen führen letztlich zu falschen Bildern.
(Bild: © M.Dörr & M.Frommherz - stock.adobe.com)

Die Ursachen

1. Informatik: Schlechtes Image

Ohne Informationstechnik würde es PCs, Tablets und Smartphones sowie Spielekonsolen nicht geben. Selbst das Navi im Auto oder die Media-Systeme im schicken City-Cruiser wären immer noch reine Fiktion. Trotzdem gilt ein Job als Informatiker aus Sicht vieler Heranwachsender nicht unbedingt als Traumberuf.

Eine derartige Feststellung darf nicht falsch interpretiert werden. Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist – so zumindest eine Emnid-Umfrage – die Bedeutung dieses Berufsfeldes durchaus bewusst. Bekannt ist auch, welche Karriere- und Jobchancen sich bieten. Trotzdem sind von den vielen Befragte, welche die Wichtigkeit der IT-Branche kennen, nur wenige in der Lage, sich eine Beschäftigung als IT-Experte vorzustellen.

Warum ist die Sichtweise so differenziert? Ein Teil der Erklärung liegt im Image, dass die Informatik hat. IT-lern eilt der Ruf einer gewissen „Nerdigkeit“ voraus. Abgedunkelte Räume und Riesenbildschirme – ein Klischee, das eigentlich schon lange überholt ist. Es braucht einfach länger, bis die alten Vorstellungen aus den Köpfen verschwinden.

Darüber hinaus gerät die Branche auch zunehmend in Verruf. Dies liegt vor allem an den vielen Datenskandalen um die IT-Riesen aus den USA. So fand das Schweizer Forschungsinstitut Media Tenor auf Basis der Auswertung vieler Fachbeiträge in Zeitungen und Fernsehsendungen heraus, dass sich das Vertrauen in die Branche seit 2015 stetig schlechter entwickelt.

Abseits des Images müssen Arbeitgeber für eine Balance zwischen Beruf und Freizeit sorgen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Flexibilität bei den Arbeitszeiten,
  • Möglichkeit des Home Office,
  • Boni wie Kostenübernahme für Kitas und so weiter.

2. Demographie: Weniger potenzielle Arbeitskräfte

Dass viele „Digital Natives“ die Bedeutung der IT kennen, aber nicht als Informatiker arbeiten wollen, wäre halb so schlimm, wenn der „Human Ressource Pool“ ausreichend groß wäre. Aber: In den vergangenen Jahren hat die Bevölkerungsentwicklung einen Wandel erlebt. Früher folgte die Altersdemografie einer Pyramide. Eine breite Basis trug die Spitze aus Senioren.

Inzwischen hat sich dieses Bild dramatisch verändert. Die Basis – also die Altersgruppen der Kinder und Jugendlichen – wird zunehmend schmaler. Auf der anderen Seite nimmt die obere Hälfte mit älteren Menschen stetig zu. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass gesamtgesellschaftlich weniger Arbeitskräfte und damit auch weniger junge IT-Experten zur Verfügung stehen.

Je nachdem, wie sich dieser Trend fortsetzt, wird auch der Fachkräftemangel weiter an Fahrt aufnehmen. Aktuelle Berechnungen gehen davon aus, dass die Erwerbsbevölkerung in Deutschland zwischen 2018 und 2050 von 62,2 Millionen auf 56,1 Millionen zurückgeht.

Das Problem: Scheiden IT-Experten aus dem Berufsleben aus, hinterlassen sie nicht einfach freie Stellen. Know-how und Erfahrung sind immaterielle Ressourcen, welche den Firmen verlorengehen. Besonders dramatisch fallen die Effekte aus, wenn bis zum Ausscheiden kein Nachfolger gefunden wird, an den das Know-how weitergereicht wird.

3. Schlechte Work-Life-Balance

Dieser Punkt ist in jedem Fall hausgemacht. Unternehmen, die ihren IT-lern immer größere Arbeitsbelastungen zumuten, dürfen sich über Frustration, gesundheitliche Probleme und Fehler nicht wundern. Wirklich dramatisch wird die Situation dann, wenn IT-Experten aus der Situation eigene Schlüsse ziehen.

Fühlt sich jemand im Job nicht mehr wertgeschätzt und wird „auf Verschleiß“ gefahren, sind erst die innere Kündigung und später der echte Abschied vorprogrammiert. IT-Fachkräfte, die diesen Schritt wagen, hinterlassen eine Lücke. Angesichts der Situation am Arbeitsmarkt bleibt diese Entwicklung nicht ohne Folgen. Das verbliebene Team muss die Lücke füllen, was den Druck auf die restlichen IT-ler spürbar erhöht und die Situation am Ende nur noch weiter verschärft.

4. Mangelnde Qualifikation der Bewerber

Dass der Mangel an Fachkräften in der IT-Branche nicht herbeigeredet, sondern real ist, untermauert eine Analyse des Branchenverbandes Bitkom. Demnach belief sich 2018 die Zahl der freien Stellen für IT-Experten auf über 80.000 – mit stark steigender Tendenz. Gegenüber dem Vorjahr war die Zahl um knapp 50 Prozent gestiegen.

Für diese Misere gibt es mehrere Gründe:

Auf der einen Seite fordern Bewerber von den Unternehmen inzwischen häufig sehr hohe Gehälter.

Aber auch an der Qualifikation scheitert das Besetzen offener Stellen. Wie die Analyse ergab, lag für knapp 40 Prozent der Unternehmen genau hierin eines der Kernprobleme. Leider lässt die Umfrage des Verbands offen, worin sich die mangelnde Qualifikation im Detail ausdrückt.

In der IT sind die Aufgaben inzwischen so breit gefächert, dass zunehmend spezifischere Qualifikationen gefragt sind. Ein Software-Entwickler für Python/Java wird nicht das gleiche Know-how haben, um plötzlich alle Kniffe mit Ajax zu beherrschen. Mangelnde Qualifikation ist daher als Ursache für den Fachkräftemangel mit Vorsicht zu genießen. Es besteht die Gefahr, dass Unternehmen die Messlatte einfach zu hoch legen.

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