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Interview mit Thomas Failer, Data Migration International „Prüfer suchen nicht nach Rohdaten“

Redakteur: Dr. Jürgen Ehneß

Data Migration International aus dem schweizerischen Kreuzlingen trennt historische von operationalen Daten. Im Interview erläutert CEO Thomas Failer die Notwendigkeit dieses Prozesses und verrät, dass er Partnerunternehmen jeder Größenordnung sucht.

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Thomas Failer von Data Migration International spricht „nicht von Archivierung, sondern Historisierung“ – aus gutem Grund.
Thomas Failer von Data Migration International spricht „nicht von Archivierung, sondern Historisierung“ – aus gutem Grund.
(Bild: © Thomas Bethge - stock.adobe.com)

Storage-Insider: Data Migration International ist 1996 als SAP-Beratungsunternehmen entstanden. Ihr Fokus hat sich über die Jahre grundlegend geändert. Wie kam es dazu?

Thomas Failer, Data Migration International: Sie haben recht. Wir haben uns vom Beratungsunternehmen zu einem Software-Haus weiterentwickelt. Die Betonung liegt dabei auf Weiterentwicklung. Denn wir haben in unserer Beratungstätigkeit erkannt, dass die Problematik, zu der wir beraten haben, für alle Unternehmen besteht. Alle Unternehmen haben das Problem, dass sie eine Lösung für Daten und Dokumente finden müssen, die sie im operativen Betrieb nicht mehr benötigen, die sie aber aus rechtlichen wie geschäftlichen Gründen weiter in ihrem ursprünglichen Geschäftskontext vorhalten müssen und wollen. Dieser Bestand an Altinformationen lässt die Systeme immer weiter anwachsen, macht die Wartung immer komplexer und aufwändiger und geht zu Lasten der Performanz. Und mit jedem Generationenwechsel der Unternehmens-Software und -systeme verschärft sich das Problem, wird aus dem Bestand Ballast.

In der Regel betreiben die Unternehmen ihre Altsysteme deshalb für viele Jahre, teilweise für Jahrzehnte, weiter – allen operativen Kosten und Risiken hinsichtlich IT- und Rechtssicherheit zum Trotz. SAP-Kunden kennen das Problem schon aus der Zeit des Umstiegs von R/2 auf R/3, zu dem wir in den 1990er-Jahren beraten haben. Ihnen stellt sich das Problem aber erneut und in verschärfter Form bei der anstehenden Migration auf SAP S/4HANA. Aber eben nicht nur SAP-Kunden, sondern allen Unternehmen. So geht Cap Gemini davon aus, dass die Unternehmen rund die Hälfte ihrer Systeme gerne abschalten würden. Hätten sie eine Lösung für ihre Altinformationen, könnten sie es auch tun. Das würde Kosten sparen und Mittel im IT-Budget freisetzen, die dringend für die anstehenden Investitionen in Innovationen und die digitale Transformation benötigt werden. Zudem würde die IT dadurch ein Maß an Agilität erreichen, das die Managementebene von ihr erwartet. Viele Branchen stehen aktuell unter einem enormen Transformationsdruck, strukturieren um, kaufen Unternehmen und stoßen Geschäftsbereiche und Tochtergesellschaften ab. Diese Gemengelage ist es, die uns zum Software-Anbieter hat werden lassen.

Inwiefern ist es für Unternehmen sinnvoll, die historischen von den operationalen Daten zu trennen?

Failer: Diese Trennung reduziert Komplexität und Kosten. Zudem erhöht sie die Agilität der IT insgesamt und die Performanz der Systeme im Besonderen. Wir trennen Informationen, also Daten und Dokumente, die im operativen Betrieb nicht mehr gebraucht werden, vom restlichen Bestand, der im Übrigen in der Regel viel kleiner ist. Gleichzeitig bewahren wir diese Informationen zusammen mit dem ursprünglichen Geschäftskontext auf. Das ist wichtig, denn externe und interne Prüfer suchen nicht nach Rohdaten, sondern nach Rechnungen, Lohnzetteln und anderen Belegen. Deshalb sprechen wir nicht von Archivierung, sondern Historisierung. Im Übrigen können wir diese Historisierung zum Beispiel auch von bereits archivierten SAP-Daten vornehmen. Dadurch sorgen wir dafür, dass die historischen Daten stets zu 100 Prozent und rechtssicher im Zugriff bleiben.

Weniger operative Informationen in den Produktivsystemen halten diese schlank und performant. Altsysteme lassen sich komplett stilllegen, was die operativen Kosten gegenüber deren Weiterbetrieb in der Regel um 80 Prozent senkt. Das gilt sowohl bei Harmonisierungs- und Konsolidierungsprojekten als auch bei der Integration von Drittsystemen zum Beispiel im Rahmen von Firmenzukäufen. Darüber hinaus erlaubt eine solche Separierung die massive Reduktion der Menge an Daten und Dokumenten, die in die neuen Systeme überspielt werden müssen. Das senkt den Zeit- und Kostenaufwand im Rahmen von Migrationen nach unseren Erfahrungen um die Hälfte.

Zudem sorgt die Separierung für mehr Rechtssicherheit hinsichtlich neuer gesetzlicher Regelungen wie der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO), weil darin unter anderem die Möglichkeit zur gezielten Löschung einzelner Datensätze vorgeschrieben ist. Diese Möglichkeit besteht aber technisch in vielen Altsystemen überhaupt nicht. Zu guter Letzt erlaubt diese Separierung erhebliche Einsparungen bei den Betriebskosten der neuen Systeme wie SAP S/4HANA, wenn die operativen von den historischen Informationen regelmäßig und kontinuierlich voneinander getrennt werden.

Der Gesprächspartner: Thomas Failer, Group CEO bei Data Migration International.
Der Gesprächspartner: Thomas Failer, Group CEO bei Data Migration International.
(Bild: Data Migration International)

Welche Motivation oder welchen Druck haben die Anwenderunternehmen, die Ihre Lösung einsetzen?

Failer: Hier gibt es zwei große Motivationsbereiche, die sich gegenseitig beeinflussen und verstärken: den Markt und die Technik. Mehrere technische Durchbrüche, zum Bespiel bei den mittlerweile fast grenzenlos verfügbaren Rechen- und Speicherressourcen sowie den Übertragungsbandbreiten, konvergieren gerade. Cloud, Big Data, das Internet der Dinge und bald 5G setzen alle Industrie- und Wirtschaftszweige unter Druck. Sie müssen sich digital transformieren und neue Prozesse wie Geschäftsmodelle entwickeln, um weiterhin wettbewerbsfähig zu sein.

Dieser Druck wird umso größer, je mehr Newcomer es im Markt gibt, die traditionelle Marken und Branchengrößen erfolgreich herausfordern. Die gerade für Deutschland so wichtige Automobilbranche ist hierfür ein perfektes Beispiel. Und nicht nur die Hersteller, sondern auch die Zulieferer sind davon betroffen. Sie strukturieren um, fusionieren, kaufen und verkaufen Unternehmen und Unternehmensteile. Nicht nur die Technik, sondern auch der Markt erfordern also eine ungleich agilere IT als früher.

SAP HANA und SAP S/4HANA sind die spezifische Antwort aus Walldorf auf diese Konvergenz und Technologiesprünge, die SAP mit seiner neuen Software-Generation selbst ein weiteres Stück vorantreibt. Mit dieser neuen Software-Generation können die Anwenderunternehmen die Herausforderung der digitalen Transformation annehmen und meistern. Allerdings bedeutet deren Einführung im Allgemeinen einen erheblichen finanziellen, personellen und organisatorischen Aufwand, den wir mit unserer Software zu senken helfen.

Wie hat sich die Software JiVS seit der ersten Version 2005 weiterentwickelt?

Failer: Kurz gesagt, haben wir unsere Lösung von einer komponentenbasierten Software zu einer Plattform weiterentwickelt, bei der die früheren Einzellösungen als Funktionalitäten bereitgestellt werden. Eine dieser Funktionalitäten ist zum Beispiel Retention Management. Sie erlaubt das lückenlose Management des gesamten Lebenszyklus von historischen Informationen, von der Überführung auf unsere Plattform bis hin zur endgültigen Löschung.

Dieser Plattformgedanke spiegelt sich schon im Namen unserer Lösung wider: „JiVS IMP“, wobei IMP für „Information Management Platform“ steht. JiVS leitet sich übrigens von „Java“ und „Viewing System“ ab. Das bedeutet zum einen, dass unsere Plattform komplett in Java programmiert wurde, also systemunabhängig ist. Dank dieser modernen und systemunabhängigen Programmiersprache sorgen wir für die Zukunftsfähigkeit und Sicherheit unserer Plattform und geben unseren Kunden darüber hinaus die freie Wahl bei der Implementierung. Zum anderen aber bedeutet der Name, dass die historischen Informationen dank unserer Plattform zu 100 Prozent revisions- und damit rechtssicher im Lesezugriff bleiben.

Neu ist zudem, dass wir mit JiVS IMP Integrationen sowohl im Frontend als auch Backend insbesondere mit SAP S/4HANA und SAP C/4HANA anbieten. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Denn hier geht es um Automatisierung, eine wesentliche Voraussetzung für die digitale Transformation und ein essenzieller Bestandteil davon. Wir automatisieren nicht nur die 100-prozentige Überführung der Daten und Dokumente aus den Altsystemen auf unsere Plattform. Vielmehr arbeiten wir auch an der automatisierten Anpassung der Strukturen von Daten und Geschäftsobjekten zur regelmäßigen Historisierung von operativ nicht mehr benötigten Informationen. Schließlich bedeutet Agilität auf Unternehmens- und Applikationsebene unter anderem die flexible Anpassung auf Geschäftsobjektebene.

Nach welchem Prinzip funktioniert JiVS IMP?

Failer: JiVS IMP funktioniert nach dem Prinzip, nämlich 100 Prozent der Altinformationen zu übernehmen und zu historisieren, danach die operativ benötigten von den historischen Daten und Dokumenten zu separieren und anschließend für die Transformation und Migration in die Zielsysteme zur Verfügung zu stellen.

Das senkt Kosten und Komplexität, erhöht Agilität und Innovationskraft. Das sind unabdingbare Voraussetzungen dafür, in der datengesteuerten Ökonomie zu bestehen. Unternehmen brauchen agile Applikationen und Systeme, gleichzeitig aber stabile Informationen. Wir sorgen mit JiVS IMP für die Stabilität auf der Ebene der historischen Daten und Dokumente. Aber auch dafür, dass diese Informationen korrekt sind und optimiert werden können. Dafür bieten wir in JiVS IMP etwas, das wir „Data Staging Area“ nennen. Hier lässt sich der aus den Altsystemen stammende Informationsbestand bereinigen, indem zum Beispiel Dubletten entfernt werden, mit Daten aus anderen Quellen anreichern und für die spätere Nutzung im Rahmen von Big-Data-Szenarien optimieren. Denn nur korrekte und optimal aufbereitete Informationen liefern eine bessere und zuverlässigere Grundlage für unternehmerische Entscheidungen als bisher und erlauben eine effektive Qualitätssicherung der bestehenden wie neuen Prozesse, Produkte und Services.

Wie häufig und wie eng arbeiten Sie mit Partnerunternehmen zusammen?

Failer: Lassen Sie es mich geradeheraus sagen: Wir suchen Partner. Rund 50.000 SAP-Kunden weltweit stehen zurzeit vor der Herausforderung, einen effizienten und effektiven Weg zur Migration auf die neue Software-Generation aus Walldorf zu finden. Mit welchem Aufwand die SAP-Bestandskunden dabei rechnen, können sie allein daran ablesen, dass SAP gerade die normale Wartung für verschiedene Kernanwendungen bis Ende 2027 verlängert hat und bis Ende 2030 eine Extended Maintenance anbietet. SAP erkennt damit den Status quo in vielen Anwenderunternehmen an. Das ist wichtig, zu verstehen, denn diese Verlängerung bedeutet im Umkehrschluss gerade nicht, dass sich die Anwenderunternehmen zurücklehnen und mit den nötigen Arbeiten und Vorarbeiten Zeit lassen können, im Gegenteil. Die Herausforderung der Legacy-Informationen zu meistern, besteht folglich trotz dieser Wartungsverlängerung unverändert weiter. Die Chance, die in dieser Fristverlängerung liegt, besteht allerdings darin, die Migration in mehrere Phasen zu unterteilen. Zum Beispiel können die Kunden zunächst mit der Harmonisierung und Konsolidierung ihrer Bestandssysteme beginnen und erst von einem neuen zentralen sowie schlanken System aus den Umstieg auf die neue Software-Generation vornehmen.

Außerdem hat diese Verlängerung keinen Einfluss auf den Marktdruck, den ich bereits skizziert habe und dem die Unternehmen unterliegen. Umstrukturierungen sowie Zu- und Verkäufe werden auch in den kommenden Jahren auf der Tagesordnung stehen. Berge von Altinformationen in Bestandssystemen stellen hier einen gewaltigen Hemmschuh dar. Das betrifft natürlich nicht nur SAP-Kunden, sondern prinzipiell alle Unternehmen.

In beiden Fällen aber besteht eine riesiges Marktpotenzial für Partner. Deren Größe spielt für uns keine Rolle. Vielmehr kommt es auf deren Kundenbeziehungen und Branchenexpertise an. Wenn diese vorhanden sind, dann sollten sie uns kontaktieren. Denn nur gemeinsam können wir dieses Potenzial erschließen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Failer!

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