Rettung in letzter Not

Datadirect Networks will Vermögenswerte von Tintri übernehmen

| Autor / Redakteur: Tina Billo / Rainer Graefen

Seit dem Börsengang vor gut einem Jahr befindet sich Tintri im freien Fall. Die Einreichung des Insolvenzantrags in Kombination mit der jetzt unterzeichneten Absichtserklärung mit DataDirect Networks soll für Schadenseindämmung bei Gläubigern und Kunden sorgen.
Seit dem Börsengang vor gut einem Jahr befindet sich Tintri im freien Fall. Die Einreichung des Insolvenzantrags in Kombination mit der jetzt unterzeichneten Absichtserklärung mit DataDirect Networks soll für Schadenseindämmung bei Gläubigern und Kunden sorgen. (Bild: gemeinfrei Pexels / Pixabay / CC0)

Das Wasser steht Tintri seit März mehr als nur bis zum Hals. Jetzt überschlagen sich die Dinge. Zunächst flatterte dem Unternehmen die Mitteilung der NASDAQ ins Haus, dass die Aktien am 12. Juli aus dem Handel genommen werden. Gestern stellte der Hersteller einen Insolvenzantrag nach Chapter 11. Dann folgte direkt die nächste Nachricht: Datadirect Networks beabsichtige, die Vermögenswerte zu kaufen.

Ginge es darum, einen Preis für das beste in der Speicherbranche spielende Drama zu gewinnen, hätte der Storage-Hersteller Tintri sicherlich gute Chancen, die Siegestrophäe nach Hause zu bringen. Denn seit einigen Monaten spitzt sich die Lage für das Unternehmen immer weiter zu. So mussten in der vergangenen Woche erneut über 200 Mitarbeiter gehen und die 40 letzten "Mohikaner" das Geschäft soweit überhaupt noch möglich am Laufen halten.

Zuletzt stellte sich eigentlich nur noch die Frage, ob sich in letzter Minute eventuell doch noch ein Kaufinteressent finden lässt oder der Konkurs unausweichlich ist. Nun kommt offensichtlich beides zusammen.

„Unverbindliche Absichtserklärung“

Welche Tinte zunächst getrocknet ist – die unter dem an das zuständige Gericht in Delaware gestellten Insolvenzantrag nach Chapter 11 oder die in der mit Datadirect Networks (DDN) abgeschlossenen Absichtserklärung über den Erwerb aller verbleibenden Vermögenswerte – ist inzwischen klar. Denn wie aus den nun veröffentlichten Papieren hervorgeht, gab der Tintri-Vorstand bereits am 6. Juli grünes Licht für die Konkursanmeldung.

Kunden kann der Zeitablauf jedoch gleich sein, bedeutet doch der im Raum stehende Aufkauf der Vermögenswerte seitens DDN für sie erst einmal einen kleinen Hoffnungsschimmer. Sollte es zu einem Abschluss kommen, hieße das nämlich, dass sie ihre Lösungen weiter betreiben könnten und diese auch künftig weitergeführt würden. Zudem wäre der nach Angaben von Ex-Tintri-Mitarbeitern zwischenzeitlich eingestellte Support wieder gewährleistet.

Vermögenswerte: 76,25 Millionen $, Schulden: 168 Millionen $

Zu spät kommen die eingeleiteten Schritte hingegen wohl für Europa, denn hier sind die Lichter bereits am 29. Juni ausgegangen. Der Hinweis darauf, dass die Erlöse aus der nun angedachten strategischen Transaktion möglicherweise nicht ausreichen könnten, um die Gläubiger vollständig auszuzahlen, ist für die Ex-Mitarbeiter in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden wenig erfreulich.

Denn die Zahl der Kreditoren schätzt Tintri in dem bei der SEC eingereichten Insolvenzvertrag auf 1.000 bis 5.000 Unternehmen. Alleine der Firma Flextronic Telecom Systems, die die Hardware für Tintris All-Flash-Arrays stellt, schuldet das Unternehmen knapp 4,5 Millionen US-Dollar und Salesforce.com fast 500.000 US-Dollar. Hinzu kommen einige der zwanzig größten Vertriebspartner und Lösungsanbieter. Hier geht es um Beträge, die sich jeweils zwischen 63.000 und 303.468 US-Dollar bewegen.

Im Klartext heißt dies, dass trotz der mit der Konkursanmeldung beantragten Debtor-in-Possession-Finanzierung (DIP) und der damit verbundenen geforderten Reservenbildung für ausstehende Löhne, eventuell doch nicht genügend übrig bleibt, um die für den vergangenen Monat noch ausstehenden Gehälter zu zahlen. Ganz zu schweigen von der Vergütung noch ausstehender Urlaubstage oder einer Abfindung.

Tintri zieht schon seit längerem die Reißleine

Nichtsdestotrotz zeigt sich, dass Tintri weiterhin bemüht ist, einen Ausweg aus der in den vergangenen Monaten immer aussichtsloser erscheinenden Situation zu finden. Ob dies gelingen könnte, daran bestanden zwischenzeitlich durchaus Zweifel

Beispielsweise führte das Unternehmen hinter verschlossenen Türen wohl schon seit längerem Gespräche mit Kaufinteressenten, jedoch ohne vorzeigbares Ergebnis. Und das, obwohl der Hersteller sich ja schon letztes Jahr im Dezember nach Veröffentlichung der zweiten auf den Börsengang folgenden Quartalsergebnisse offen für eine Übernahme gezeigt hatte.

Dass es zu diesem Zeitpunkt schon mehr als schlecht um Tintri bestellt war, lies sich nicht nur an dieser von dem damaligen Chairman und CEO Ken Klein hierzu getroffenen Aussage ablesen. Denn um die Aktionäre bei der Stange zu halten, sah er nicht nur die „Möglichkeit eines Verkaufs“ vor. Sondern kündigte zudem eine „Optimierung des Betriebsmodells“ an, um dem hohen Barmittelverbrauch entgegenzuwirken.

„Ihr seid für das Verkaufen da, wir für das Geschäft“

Darunter verstand er offensichtlich in erster Linie Entlassungen und so mussten bereits im Januar 120 Mitarbeiter ihren Hut nehmen. Doch auch diese Maßnahme verhallte ohne große Wirkung. Die Probleme türmten sich weiter auf, aus Sicht der bereits ausgeschiedenen als auch der verbleibenden Tintris, hauptsächlich aufgrund fortwährender Fehlentscheidungen des Managements.

Diesen Eindruck erwecken zumindest die Einträge in dem Portal Glassdoor, dass als Informationsquelle für Bewerber dient. Hier bemängelten die einstigen oder noch verbliebenen Tintri-Mitarbeiter vor allem, dass der für den Erfolg des ehemaligen Highflyers maßgebliche Startup-Geist durch den autokratischen Führungsstil sukzessive verloren gegangen wäre und damit auch die Motivation.

Der kurz darauffolgende Ausstieg der in höchsten Positionen für das Wohl und Wehe des Unternehmens hauptsächlich Verantwortlichen könnte nahelegen, dass sie damit nicht ganz falsch liegen. So gab am 19. März zunächst der Finanzvorstand Ian Halifax seinen Ausstieg bekannt, einen Tag später Klein, der noch wenige Monate zuvor behauptet hatte, dass das Unternehmen „über genügend liquide Mittel verfüge, um 2018 eine positive Cashflow-Generierung zu erreichen“. Und auch sein Nachfolger Tom Barton verließ nach gerade einmal drei Monaten das sinkende Schiff, ebenso wie der weltweite Vertriebschef Tom Cashman.

Ankündigungen bescheren der Noch-Aktie ein kleines Plus

Der nun von Datadirect Networks zugeworfene Rettungsring kann den Untergang von Tintri zwar nicht stoppen. Doch mit dem in Aussicht gestellten erfolgreichen Abschluss, lässt sich der Vertrauensverlust bei den zwischenzeitlich verunsicherten Kunden vielleicht aufhalten. Doch bevor sich die Weisheit „Ende gut, alles gut“ bewahrheitet, müssen noch einige Hürden genommen werden.

Hierzu zählt, dass die in der unverbindlichen Absichtserklärung festgelegten Transaktionsvereinbarungen und deren Ausführung zunächst einmal der Genehmigung des Konkursgerichts bedürfen. Erschwerend kommt hinzu, dass wie gesagt offen ist, ob durch den Abschluss genügend Geld in die Kasse kommt, um die angehäuften Verbindlichkeiten zu begleichen. Klar ist hingegen schon jetzt, dass die Aktionäre mit keinen Renditen rechnen dürfen.

Deren Wert ist ohnehin im Keller. Der just auf die jüngsten Entwicklungen erfolgte zeitweilige Anstieg um 15,3 Prozent auf 0,21 US-Dollar pro Aktie hielt nicht lange vor. Zum Börsenschluss mussten sich die Anleger mit 0,17 US-Dollar begnügen. Das alles ist sowieso nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die Zeiten, in denen Tintri noch mit einem Marktwert von 800 Millionen US-Dollar gehandelt wurden, sind schon lange vorbei.

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