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„Geister-Patienten“ Der blinde Fleck in der Gesundheitstransformation

Ein Gastbeitrag von René Haag* 7 min Lesedauer

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Im Gastbeitrag erläutert René Haag, VP MEE bei Syniti, weshalb ungenaue Patientendaten zum Geschäftsrisiko werden, und wie Gesundheitsorganisationen gegensteuern können.

Organisationen des Gesundheitswesens sind stärker denn je auf qualitativ hochwertige Daten angewiesen.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Organisationen des Gesundheitswesens sind stärker denn je auf qualitativ hochwertige Daten angewiesen.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

In einer zunehmend datengetriebenen Welt sind Organisationen des Gesundheitswesens stärker denn je auf qualitativ hochwertige Daten angewiesen. Diese Daten stellen die Grundlage für eine exzellente Patientenversorgung, effiziente Betriebsabläufe, die Erfüllung regulatorischer Vorgaben sowie fundierte strategische Entscheidungen dar. Qualitativ hochwertige Daten sind vor diesem Hintergrund ein entscheidender Erfolgsfaktor mit Blick auf die Transformation des Gesundheitswesens.

Mit der fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung des Gesundheitswesens rückt eine zentrale Herausforderung immer stärker in den Fokus: ungenaue, doppelte und veraltete Datensätze im Patientenbereich. Diese sogenannten „Geister-Patienten“ gefährden die Integrität kritischer Gesundheitsdaten und bremsen die erfolgreiche Umsetzung zentraler Initiativen zur Transformation dramatisch aus.

Geister-Patienten stellen weit mehr als ein kritisches Problem in der Datenqualität dar. Sie offenbaren grundlegende Schwächen bei der Erstellung, Verwaltung, Steuerung und Pflege von Daten im gesamten Unternehmen. Bleiben diese Probleme ungelöst, entstehen erhebliche Risiken, die gleichzeitig die Fähigkeit einer Organisation einschränken, die Vorteile einer digitalen Transformation und einer datengetriebenen Gesundheitsversorgung voll auszuschöpfen.

Die verborgene Wahrheit hinter den Geister-Patienten

Geister-Patienten entstehen, wenn Datensätze systemübergreifend dupliziert werden, Patienteninformationen nicht ordnungsgemäß aktualisiert sind oder aber Validierungsprozesse die Konsistenz der Datenlandschaft nicht sicherstellen. Kleine Unstimmigkeiten bleiben dabei selten isoliert. Mit der Zeit summieren sie sich und führen zu einer zunehmenden Entkopplung zwischen der bestehenden Datenbasis und der Wirklichkeit.

Die Tragweite dieser Probleme reicht dabei weit über bloße administrative Herausforderungen hinaus. Fehlerhafte Patientendaten verfälschen nicht nur Erkenntnisse mit Blick auf die Gesundheit der Bevölkerung, sie unterminieren auch das Vertrauen in die Daten, und dieses Vertrauen bildet die Grundvoraussetzung für Führungskräfte, um komplexe Transformationsprozesse sicher und wirkungsvoll zu gestalten.

Die Dimension der Herausforderung

Studien belegen immer wieder, dass Ungenauigkeiten im Bereich der Patientendaten keine Einzelfälle, sondern systemische Herausforderungen sind. Die Zahlen verdeutlichen die Dimension des Problems: Bis zu 30 Prozent der Patientendaten in elektronischen Gesundheitsakten weisen Fehler auf. Gleichzeitig liegt der Anteil doppelter Datensätze in vielen Gesundheitssystemen zwischen 10 und 20 Prozent, in einzelnen Organisationen sogar darüber. Allein in Großbritannien sind schätzungsweise 5,8 Millionen sogenannte Geister-Patienten weiterhin in Gesundheitssystemen registriert. Sie stellen ein Symptom tiefgreifender struktureller Herausforderungen dar: mangelhafte Data-Governance, fehlende Verantwortlichkeiten und ein schwindendes Vertrauen in die Datenbasis, auf der Entscheidungen getroffen werden sollen.

Wenn schlechte Daten teuer werden

Die wirtschaftlichen Folgen schlechter Datenqualität reichen weit über den administrativen Mehraufwand hinaus. Fehlende Datenintegrität bindet Ressourcen, führt zu Fehlallokationen finanzieller Mittel und verursacht erhebliche operative Ineffizienzen. So können Geister-Patienten allein in Großbritannien jährlich bis zu 955 Millionen Pfund an fehlgeleiteten Finanzmitteln verursachen. In den Vereinigten Staaten belaufen sich die durch mangelhafte Patientendaten verursachten, vermeidbaren Kosten Schätzungen zufolge auf bis zu 20 Milliarden US-Dollar jährlich.

Mit der zunehmenden Digitalisierung des Gesundheitswesens gewinnt die Sicherstellung einer hohen Datenqualität auch in Deutschland weiter an strategischer Bedeutung. Eine wissenschaftliche Analyse aus dem Jahr 2024 zeigt am Fallbeispiel eines deutschen Krankenhauses und auf der Basis von drei Jahrzehnten an Patientendaten, dass gravierende Qualitätsprobleme hinsichtlich der Identifikatoren von Patienten sowie bei administrativen Datensätzen weiterhin bestehen. Diese Erkenntnisse machen deutlich, dass der digitale Wandel nur auf einem Fundament aus klaren Verantwortlichkeiten, wirksamer Data-Governance sowie kontinuierlicher Datenqualitätssicherung erfolgreich umgesetzt werden kann. Gesundheitsorganisationen verwalten Millionen von Datensätzen. Bereits geringe Inkonsistenzen führen zu doppeltem Aufwand, unnötiger administrativer Belastung, Verzögerungen bei Erstattungen und insgesamt vermeidbaren Betriebskosten.

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Die verborgenen Kostentreiber

Die Auswirkungen schlechter Datenqualität durchziehen die gesamte Organisation, von operativen Abläufen bis hin zu strategischen Entscheidungen. Doppelte Datensätze verursachen hohen manuellen Aufwand, fehlerhafte Informationen beeinträchtigen Abrechnungen, unzuverlässige Daten erschweren eine effektive Ressourcensteuerung. Darüber hinaus erhöhen inkonsistente Berichte regulatorische Risiken und schwächen das Vertrauen in die Entscheidungsgrundlagen.

Jede dieser Herausforderungen mag isoliert betrachtet lösbar erscheinen. In ihrer Gesamtheit weisen sie jedoch auf ein tieferliegendes strukturelles Problem hin: das Fehlen einer verlässlichen Datenbasis.

Die strategische Bedeutung von Vertrauen in Daten

Mit zunehmender Digitalisierung und regulatorischer Komplexität wird Datenqualität zu einer Frage der organisatorischen Resilienz und Governance. Ungenaue oder unvollständige Daten beeinträchtigen nicht nur operative Abläufe, sondern erhöhen die Risiken im Rahmen von Audits, regulatorischen Berichtspflichten und Compliance-Anforderungen. Vertrauensverlust ist dabei vielleicht das schwerwiegendste Resultat mangelhafter Datenqualität. Wenn klinische Fachkräfte und administrative Teams die Verlässlichkeit der zugrunde liegenden Informationen anzweifeln, entstehen nicht nur operative Reibungsverluste. Entscheidungen werden verzögert, Initiativen im Bereich Transformationen verlieren an Schwung und die Fähigkeit einer Organisation, Veränderungen zielgerichtet umzusetzen, wird nachhaltig beeinträchtigt.

Hinter Geister-Patienten verbergen sich nicht einfach einzelne, fehlerhafte Datensätze. Sie stellen vielmehr einen Indikator für umfassendere Schwächen im gesamten Datenmanagement dar. Und sie verdeutlichen, dass nachhaltige Datenqualität nur durch klare Governance-Strukturen, eindeutige Verantwortlichkeiten sowie kontinuierliche Qualitätssicherung erreicht werden kann.

Die KI-Reife beginnt mit der Qualität der Datenbasis

Die nächste Phase der digitalen Transformation im Gesundheitswesen wird durch künstliche Intelligenz und intelligente Technologien definiert. Doch der Erfolg dieser Entwicklung entscheidet sich nicht allein an der Qualität der Algorithmen, sondern an der Qualität der Daten. Nur eine verlässliche, gut verwaltete und vertrauenswürdige Datenbasis kann das volle Potential von KI und fortschrittlicher Analytik erschließen. Geschäftsbereite Daten gehen dabei über reine Datenqualität hinaus. Erst wenn Daten kontextualisiert, gesteuert und an geschäftlichen Zielen ausgerichtet sind, werden sie zu einer vertrauenswürdigen Grundlage für fundierte Entscheidungen und den insgesamt erfolgreichen Einsatz von KI.

Künstliche Intelligenz schafft keinen Ersatz für eine verlässliche Datenbasis. KI-Modelle analysieren und verarbeiten lediglich bestehende Informationen. Sind diese unvollständig, fehlerhaft oder widersprüchlich, spiegeln sich diese Mängel zwangsläufig in den daraus abgeleiteten Erkenntnissen und Handlungsempfehlungen wider.

KI prüft die Integrität der ihr bereitgestellten Informationen nicht eigenständig, sondern verarbeitet diese in der Form, in der sie tatsächlich vorliegen. Ohne eine starke Data-Governance besteht daher das Risiko, dass Datenprobleme nicht adressiert, sondern durch den Einsatz von KI weiter beschleunigt und dadurch in automatisierte Entscheidungsprozesse übertragen werden.

Weshalb KI nur so gut sein kann wie ihre Daten

Diese Realität hat unmittelbare strategische Konsequenzen. Fehlendes Vertrauen in die Datenbasis führt dazu, dass Organisationen KI-Initiativen nur zögerlich verfolgen. Selbst bei erfolgreicher Implementierung bleiben die Ergebnisse häufig hinter den Erwartungen zurück, und das nicht aufgrund technologischer Einschränkungen. Die Ursachen liegen vielmehr in einer unzureichenden Datenqualität sowie einem gravierenden Vertrauensverlust in die Daten. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Geschäftsfähige Daten sind nicht nur eine Voraussetzung für den Erfolg von KI, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor an sich.

Die Grenzen der Datenbereinigung

Historisch gesehen haben viele Gesundheitsorganisationen Datenqualitätsprobleme durch periodische Bereinigungsprojekte adressiert. Dabei werden doppelte oder fehlerhafte Datensätze identifiziert, korrigiert und die Datenqualität vorübergehend verbessert. So notwendig diese Maßnahmen auch sind, lösen sie jedoch selten die eigentlichen Ursachen.

Daten sind nicht statisch, sondern werden kontinuierlich erzeugt, aktualisiert, ausgetauscht und über verschiedene Systeme hinweg transformiert. Ohne kontinuierliche Kontrollen, klare Verantwortlichkeiten und geeignete Governance-Strukturen verschlechtert sich die Datenqualität zwangsläufig wieder.

Viele Organisationen erleben dies insbesondere im Rahmen großer Transformationsprogramme. Dabei werden erhebliche Investitionen getätigt, um Daten vor dem Go-live zu bereinigen und zu migrieren, nur um anschließend festzustellen, dass die Datenqualität nach der Inbetriebnahme neuer Systeme wieder abnimmt. Das Ergebnis ist ein kostspieliger Kreislauf aus Qualitätsverlust, Korrekturmaßnahmen und wiederholten erforderlichen Eingriffen. Datenbereinigung adressiert dabei lediglich Symptome, beseitigt jedoch nicht die zugrunde liegenden Ursachen.

Vom Bereinigen zur Steuerung der Datenqualität

Die Lösung des Problems der Geister-Patienten erfordert einen grundlegenden Perspektivwechsel. Anstatt sich ausschließlich auf Korrekturmaßnahmen zu verlassen, müssen Gesundheitsorganisationen ein Modell kontinuierlicher Data-Governance etablieren. Data-Governance definiert die Richtlinien, Prozesse, Verantwortlichkeiten und Kontrollmechanismen, die erforderlich sind, um Datenintegrität nachhaltig sicherzustellen. Sie gewährleistet, dass Informationen bereits bei ihrer Entstehung korrekt erfasst werden, systemübergreifend konsistent bleiben und etablierten Standards entsprechen.

Effektive Governance geht dabei weit über die Technologie hinaus. Sie erfordert ein koordiniertes Zusammenspiel von Menschen, Prozessen und Systemen. Datenverantwortliche benötigen klar definierte Zuständigkeiten. Geschäftsregeln müssen dokumentiert und konsequent durchgesetzt werden. Die Datenqualität sollte kontinuierlich überwacht und gemessen werden, anstatt Probleme erst im Nachhinein zu analysieren. Dieser Ansatz verwandelt Daten von einem operativen Nebenprodukt in einen strategisch gesteuerten Vermögenswert.

Das Fundament für eine nachhaltige Transformation schaffen

Starke Governance schafft die Voraussetzungen für den nachhaltigen Erfolg einer Transformation. Wenn Organisationen eine vertrauenswürdige Datenbasis etablieren, steigern sie ihre operative Effizienz, stärken die Compliance, erhöhen das Vertrauen in Analysen und schaffen insgesamt Stabilität, die für skalierbare Innovation unbedingt erforderlich ist.

Vor allem entsteht ein Umfeld, in dem künstliche Intelligenz und fortgeschrittene Analytik echten geschäftlichen Mehrwert entfalten können. Initiativen zur Transformation sind letztlich immer nur so wirkungsvoll wie die Daten, auf denen sie beruhen.

Geister-Patienten richtig einordnen

Geister-Patienten sind mehr als nur fehlerhafte Datensätze. Sie stellen messbare Indikatoren dar für tiefer liegende Herausforderungen im Datenmanagement und in der Data-Governance. Während Organisationen im Gesundheitsbereich weiterhin in digitale Transformation, künstliche Intelligenz und fortschrittliche Analytik investieren, wird die Bedeutung vertrauenswürdiger Daten insgesamt weiter steigen. Organisationen, die Datenintegrität nicht umfassend adressieren, werden sowohl in ihrer operativen Leistungsfähigkeit als auch bei Innovationsvorhaben rasch an Grenzen stoßen. Jene, die starke Governance-Grundlagen schaffen, sind besser in der Lage, Ergebnisse zu optimieren, Ineffizienzen zu reduzieren und den Wert ihrer Investitionen im Bereich Transformationen zu maximieren.

Der Weg nach vorn ist klar: Vertrauenswürdige Daten müssen zu einer kontinuierlichen organisatorischen Disziplin werden und dürfen nicht länger als periodische Maßnahme der Bereinigungen verstanden werden.

Indem Gesundheitsorganisationen Daten steuern, nachhaltig absichern und durchweg als strategischen Vermögenswert behandeln, können sie Geister-Patienten eliminieren, die Qualität ihrer Entscheidungen verbessern und so die Grundlage für nachhaltigen Erfolg bei Transformationen schaffen.

* Der Autor: René Haag, VP MEE, Syniti, ein Unternehmen von Capgemini

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