Womit sich Startups heute beschäftigen, Teil 8

Interview mit dem Industrie-4.0-Startup Cybus über Datenhoheit in Cloud-Zeiten

| Autor / Redakteur: Sariana Kunze / Rainer Graefen

Marius Schmeding, CPO des Startups Cybus, erklärt im Interview, wie wertvolle Produktionsdaten ohne Risiko gehoben werden können.
Marius Schmeding, CPO des Startups Cybus, erklärt im Interview, wie wertvolle Produktionsdaten ohne Risiko gehoben werden können. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Die deutsche Industrie braucht viele Ideen für den Einstieg in Industrie 4.0. Die Digitalisierung soll nicht die Wertschöpfung zu ihren Ungunsten verändern. Das Hamburger Startup Cybus will dies mit "smarten" Vernetzungsanwendungen für die Industrie 4.0 befördern. Wir haben uns mit Marius Schmeding, Produkt-Chef bei Cybus, über die Geschäftsidee, Technik und Ziele des Starups unterhalten.

Die Startup-Szene in Deutschland boomt und das nicht erst seit der Erstausstrahlung des TV-Formats "Die Höhle der Löwen“ im Jahr 2014. Immer mehr Menschen gründen mit ihren Erfindungen und Geschäftsideen ein eigenes Unternehmen. Gerade Deutschland scheint derzeit für die Gründer gute Rahmenbedingungen zu bieten. Deshalb zieht es auch immer mehr Gründer aus dem Ausland in die Bundesrepublik (knapp 10 Prozent).

Auch die Digitalisierung gehört zu einem der großen Treiber in der Gründerszene – neue Ideen und Konzepte sind gefragt. Wie in der TV-Show sind viele Startups auf der Suche nach einem passenden Investor, der den Gründern finanziell, aber auch mit Know-how unter die Arme greift. Ein Beispiel hierfür ist das Industrie 4.0-Startup Cybus aus Hamburg. Das junge Unternehmen hat mit der Pfannenberg Group einen Elektrotechnik-Spezialisten für die erste Seed-Finanzierung in mittlerer sechsstelliger Höhe gewinnen können.

Seit März 2015 gehören Sie mit dem Startup Cybus zur Gründerszene. Wie kam es dazu?

Marius Schmeding (32), CPO von Cybus, hat sein Elektrotechnikstudium 2012 in Hamburg absolviert und ist ein Spezialist für cyberphysische Systeme.
Marius Schmeding (32), CPO von Cybus, hat sein Elektrotechnikstudium 2012 in Hamburg absolviert und ist ein Spezialist für cyberphysische Systeme. (Bild: Cybus)

Marius Schmeding: Cybus besteht aus drei Gründungsmitgliedern: Pierre Manière, CEO, Peter Sorowka, CTO, und meine Wenigkeit. Wir kennen uns schon sehr lange, denn vor Cybus hatten wir schon gemeinsam ein anderes Startup in Hamburg gegründet: 2011 sind wir mit der Idee zu einem digitalen Bootsverleih "bootschaft.net" an den Markt gegangen. In dieser Zeit haben wir viel Erfahrung im Bereich Telemetrie und Software-Architektur gesammelt.
Dabei konnten wir feststellen, dass diese Art von Systemplattform dem ähnlich ist, was heute in der Industrie gefordert wird beziehungsweise die Vernetzung von Geräten, Maschinen und Softwaresystemen möglich macht.

Diese Erkenntnis sorgte dafür, dass wir uns umorientiert und unsere Fühler in die Industrie ausgestreckt haben. Recht schnell haben wir gemerkt, dass wir mit unserer unverfälschten Sicht auf IT-Systeme auf offene Ohren stoßen.

Welches Know-how bringen die Gründer mit?

Marius Schmeding: Wir sind zwei Techies und ein BWLer. Manière ist der BWLer. Er hat vor seiner Startup-Zeit viel Erfahrung im Bereich Strategieberatung gesammelt. Sorowka und ich haben gemeinsam Elektrotechnik studiert. Sorowka hat seinen Schwerpunkt im Bereich Nachrichtentechnik, hat aber bereits seit seiner frühen Jugend einige klassische Webseiten und kleinere Backend-Systeme gebaut.

Und ich bin der Telemetrie- und Energietechnik-Spezialist in unserem Trio, der sich sehr gut mit Schnittstellen und App-Programmierung auskennt. Ich habe ein Auge für einfache Schnittstellen entwickelt und genau das versuchen wir bei Cybus umzusetzen: Unhandliche Schnittstellen von Geräten zu kapseln und in Form von einer ATI verfügbar zu machen. Zudem gehören noch zwei Entwickler und ein Marketing- und PR-Spezialist zu unserem Team.

Sie haben sich Industrie 4.0 auf die Fahne geschrieben. Wie kam es dazu, was kann Ihre Cybus-Technologie?

Marius Schmeding: Durch unsere Boatsharing-Plattform hatten wir die Idee für eine Datenhebe- und Verteilerplattform. Dass genau dieser Ansatz schon da war, haben wir erst im Laufe der Zeit gemerkt.

Aber uns wurde klar, dass wir einsteigen sollten und uns vor Allem auf die technische Lösung konzentrieren müssen, weil die Anwendungen schon da sind, zum Beispiel Predictive Maintenance und Pay-per-Use. Praktisch alle Maschinen und Geräte in heutigen Fabriken bergen wertvolle Daten über ihren eigenen Zustand und die laufende Produktion.

Mit Hilfe der Cybus-Technik können Industriegerätehersteller sichere und effiziente Mehrwertdienste anbieten und so von der Digitalisierung profitieren. Mit dem Toolkit können Hersteller von Maschinen und Sensoren ihre Produkte einfach online bringen.
Die Cybus-Box kann einfach in bestehende Netzwerke eingehängt werden und bietet Adapter zu fast allen Industrie-Schnittstellen. Über eine sichere Online-Schnittstelle und unsere Software Development Kits können Software-Entwickler mit wenigen Zeilen Quellcode Maschinen, Geräte oder Sensoren in ihre Anwendungen integrieren.

Aber wie werden die Daten transportiert? Welche Hardware-Komponente setzen Sie ein?

Marius Schmeding: Wir sind ein reines Software-Unternehmen. Die Connectware, die wir entwickeln, wird in der IT von Anlagenbetreibern installiert und bietet nach unten – also in Richtung Feldebene – einige Standardschnittstellen, zum Beispiel Modbus TCP, OPC UA, MQTT, mit denen moderne Geräte kommunizieren können.

Allerdings sind wir auch auf Gateway-Partner angewiesen, die viele Bus-Protokolle über eine Schnittstelle bündeln können. Dabei ist wichtig, dass sich das Hardware-Gateway mit unserer Connectware austauschen kann. Momentan arbeiten wir mit Anybus von HMS und Mica von Harting zusammen.

Spielt Open Computing bei Ihrer Plattform eine Rolle?

Marius Schmeding: Ja, in der Tat. Unsere Plattform baut auf ein modulares Framework namens Docker auf. Dabei handelt es sich um eine Technik, die es ermöglicht, skalierfähige und modulare Systeme einfach in verschiedene Umgebungen einzubinden.

Wo liegen die Vorteile von Cybus?

Marius Schmeding: Viele Komponentenhersteller haben das Problem, dass sie nicht an die Daten ihrer Geräte herankommen und deshalb nicht die Services anbieten können, die sie gerne anbieten würden. Die Betreiber haben allerdings Angst, die Kontrolle über ihre Daten zu verlieren. Cybus stellt sich auf die Bedürfnisse von beiden Seiten ein.
Der Anlagenhersteller kann eine Konfigurationsdatei erstellen, wo er auswählen kann, welche Datenpunkte er über die Schnittstelle seines Gerätes abrufen möchte. Der Betreiber kann dann einwilligen oder die Rechte modifizieren.

So kommt ein Servicevertrag zustande. Damit können beide Seiten die Kontrolle über die Daten behalten und bestimmen, welche Daten tatsächlich nach außen verfügbar gemacht werden.

Was ist mit dem Thema Security?

Marius Schmeding: Über Cybus verlassen die Daten verschlüsselt und signiert die Fabrik. Wir gehen auch noch einen Schritt weiter: Transparenz bedeutet nicht, dass der Betreiber alle Daten sehen darf oder kann, die zum Komponentenhersteller gehen.

Er sieht wohl, welche Datenpunkte es sind, aber nicht zwangsläufig die Werte. Denn viele Gerätehersteller wünschen sich, dass die Daten ihrer Geräte bereits im Gerät verschlüsselt gespeichert werden und auch so übertragen werden.
Wir bieten hierfür einen "Datentreuhänderservice" an. Wir stellen auf Basis des bestehenden Servicevertrags zwischen dem Datenlieferanten und dem Datenkonsumenten sicher, dass nur die tatsächlich vereinbarten Daten übertragen werden. So können wir die Verschlüsselungsthematik und gleichzeitig die Kontrollfunktion für den Betreiber abdecken.
Damit bieten wir eine Alternative zu Cloud-Anbietern, indem wir die Schnittstelle, die sonst die Cloud bieten würde, einfach an den Ort des Geschehens verlagern. Wir schließen dabei nicht aus, dass das System nicht trotzdem in der Cloud laufen kann.

Wir distanzieren uns aber von dem klassischen Cloud-Ansatz. Denn die Unternehmen haben begriffen, dass die Daten das Gold der Zukunft sind. Sie gehen sehr vorsichtig damit um. Deshalb ist das Misstrauen gegenüber klassischen Cloud-Anbietern auch durchaus berechtigt.

Wo und bei wem sind Sie mit Cybus aktiv?

Marius Schmeding: Wir sehen uns als Digitalisierungsdienstleister für die klassischen Gerätehersteller. Deshalb laufen momentan Gespräche mit Unternehmen etwa aus den Bereichen Sensorik, Verzahnungstechnik, Vakuumgreiftechnik, Signaltechnik, elektrische und pneumatische Automatisierung sowie Kühltechnik.

Die Internetseite von Cybus ist komplett in englischer Sprache. Sind Sie auch international aktiv?

Marius Schmeding: Nein, das kann man so nicht sagen. Momentan sind wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktiv. Aber für die Zukunft möchte ich diese Option nicht ausschließen. Aber im Moment haben wir noch keine US-Strategie in der Schublade (lacht).

Was steht bei Ihnen als nächstes auf dem Plan?

Wir haben große Pläne. Wir konzentrieren uns gerade darauf, unsere Kunden glücklich zu machen, sind aber auf der Suche nach weiteren Projekten. Dank Cybus sind unsere Kunden in der Lage, zu verstehen, wie ihre eigenen Geräte bei ihren eigenen Kunden zum Einsatz kommen.

Im nächsten Schritt können sie Dienstleistungen wie Fernwartung oder sogar Pay-per-Use-Modelle anbieten. Zudem möchten wir unser Entwicklerteam weiter ausbauen, denn wir haben noch viele Ideen, die die Plattform noch besser machen werden.

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