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Storage-Start-ups: StorCentric Kaufen statt selbst entwickeln

| Autor / Redakteur: Kriemhilde Klippstätter / Dr. Jürgen Ehneß

Nicht weniger als die „nächste Speicherfirma von Weltruf“ etablieren möchte Mihir Shah, CEO von StorCentric. Statt selbst Speicherlösungen zu entwickeln, kauft das Unternehmen glücklose Firmen auf, entwickelt deren Technik weiter und passt sie in das hauseigene Portfolio ein.

Wachstum durch Unternehmenskäufe: StorCentric übernimmt gezielt Anbieter, die ins Portfolio passen.
Wachstum durch Unternehmenskäufe: StorCentric übernimmt gezielt Anbieter, die ins Portfolio passen.
(Bild: ©ASDF - stock.adobe.com)

Rückblick auf den Kauf von Drobo und Nexsan

Für StorCentric – oder besser gesagt deren Vorgänger-Investmentgruppe – begann alles im Mai 2015 mit der Übernahme von Drobo. Seit 2005 entwickelte und verkaufte die Data Robotics Inc. Speicher-Hardware mit dem Namen „Drobo“. Die Geräte mit proprietärer RAID-Technik vor allem für Apple-User gaben der Firma den neuen Namen. 2013 wurde Drobo/Data Robotics mit Connected Data verschmolzen, das den Speicher „Transporter“ auf den Markt gebracht hatte. Der wurde damals als „erste echte Alternative zur Public Cloud für einfache und kostengünstige gemeinsame Nutzung und Zusammenarbeit, Offsite-Backup und Fernzugriff“ gefeiert. Gemeinsam war beiden Firmen der Gründervater Geoff Barrall, der damit Drobo wieder unter seine Fittiche nahm.

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„Unterschiedliche Märkte und Zielgruppen“ führten laut Barrall dann allerdings im Mai 2015 dazu, dass Drobo wieder von Connected Data getrennt und an eine Investmentgruppe, „bestehend aus erfahrenen technischen Führungskräften“ (Vorgänger von StorCentric), verkauft wurde. Einer der Investoren – Mihir Shah – wurde CEO von Drobo. Barrall, der schon zuvor den NAS-Hersteller BlueArc gegründet und an HDS verkauft hatte, blieb bis Mai 2018 im Vorstand von Drobo.

Geoff Barrall ist eng mit der Geschichte von StorCentric verbunden, ohne aber eine Funktion zu übernehmen. Für ein Interview stand er leider nicht zur Verfügung.
Geoff Barrall ist eng mit der Geschichte von StorCentric verbunden, ohne aber eine Funktion zu übernehmen. Für ein Interview stand er leider nicht zur Verfügung.
(Bild: Geoff Barrall)

Die übrig gebliebene Connected Data wurde im Oktober desselben Jahres (2015) für 7,5 Millionen US-Dollar an Imation verkauft, die zwei Jahre zuvor (2013) für 120 Millionen US-Dollar Nexsan übernommen hatte. Geoff Barrall wechselte als CTO in die Käuferfirma Imation und übernahm zugleich bei Nexsan den Posten als Chief Operation Officer. Die Brocken waren wohl zu groß für Imation. 2016 gab die Firma ihr „Ironkey“-Geschäft an Kingston Technology (USB-Hardware) und Datalocker (Enterprise Management Services) ab. Anfang 2017 wurden Nexsan und Connected Data an den Investor Spear Point Capital verkauft. An diesem Deal war Barrall nach eigenen Angaben maßgeblich beteiligt. Unter Beteiligung von Spear Point Capital und anderen Investoren wurde StorCentric ins Leben gerufen.

Im August 2018 sorgte StorCentric erneut für Schlagzeilen, als die Übernahme von Nexsan bekannt gemacht wurde – und zugleich die von Drobo. Es scheint, dass StorCentric erst nach dem Weggang (Verkauf?) von Barrall die Mehrheit an Drobo erreichen konnte und als Firma gegründet wurde. Mihir Shah erklärte damals, wieso StorCentric die beiden Firmen übernommen hatte: „Anwender sind beunruhigt darüber, dass ihre Daten von den Public-Cloud-Anbietern praktisch als Geiseln gehalten werden und sie für die Rückführung der Daten hohe Netzwerkkosten berappen müssen. Ich glaube, wir werden in einer hybriden Welt leben.“ Der Kauf der beiden Firmen sei allein schon deshalb vorteilhaft, weil sich die Produktlinien von Drobo und Nexsan praktisch nicht überschneiden und sogar ergänzen können, etwa in einer Firma mit Zweigstellen: Nexsan in der Zentrale und Drobo in der Niederlassung. Im Übrigen gab Shah 2018 einen Ausblick auf zukünftige Aktivitäten von StorCentric: „Wir halten Ausschau nach Software-, Hardware- und Service-Firmen aus dem Speicherbereich, mit denen wir unsere Plattform ausbauen können.“

StorCentric schlägt 2019 erneut zu

Mitte 2019 gelang der Firma aus dem kalifornischen Sunnyvale ein erneuter Doppelschlag. Im Juni übernahm StorCentric den bereits 1989 als Dantz Development gegründeten Backup-Anbieter Retrospect. 2004 hatte EMC Gefallen an Dantz gefunden und sich das Unternehmen einverleibt, aber nach sieben Jahren als Retrospect ausgegliedert. Das Unternehmen hatte sich von Anfang an auf die Datensicherung von Privathaushalten und kleinen Unternehmen spezialisiert, rühmt sich aber, auch Daten des Hubble-Teleskops zu sichern.

Mihir Shah, CEO von StorCentric, möchte aus zugekauften Unternehmen eine Speicherfirma „von Weltruf“ kreieren.
Mihir Shah, CEO von StorCentric, möchte aus zugekauften Unternehmen eine Speicherfirma „von Weltruf“ kreieren.
(Bild: StorCentric)

Nur einen Monat später kam Vexata, Anbieter von NVMe-Flash-Speichern, unter das Dach von StorCentric. Vexatas „VX-100F“, ein skalierbarer NVMe-Flash-Speicher, fasst 187,5 bis 435 Terabyte (TB) und erreicht Durchsatzraten von 80 Gigabyte pro Sekunde (GB/s). Das „VX-100FS“-File-Array speichert bis zu 435 TB an unstrukturierten Daten. Im aktuellen StorCentric-Portfolio fehlt dieses Produkt allerdings. Zusätzlich zur Hardware bietet Vexata die „VX-Cloud“ als Software-Lösung sowie das hauseigene Betriebssystem „VX-OS“ an.

StorCentric-Produktportfolio, -Roadmap und -Kundenbasis

StorCentric hält die zugekauften Unternehmen selbständig, also jeweils mit eigener Entwicklung. Allerdings arbeitet man derzeit an einer technischen Roadmap für das Gesamtunternehmen. Dazu wurden die gekauften Firmen und ihre Produkte in einer Pyramide aufgelistet. Demnach steht Vexata als Tier-0-Lösung an der Spitze. Darunter liegt als Tier-1-Speicher das „Unity“-Array von Nexsan für Block- und File-Daten. Nexsans „E-Serie“ für Blockdaten bildet zusammen mit dem „Beast“ für rauhe Umweltbedingungen den Tier-2-Speicherbereich. Zum Archivieren dient Nexsans „Assureon“ und als Backup-Software „Retrospect“. Drobo flankiert mit seinen Produkten für kleine Unternehmen und Prosumer die Pyramide. Wo es möglich ist, sollen die Produkte untereinander eingesetzt werden. Beispielsweise nutzen die Drobo-Speicher die Retrospect-Software für das Backup.

Die Firma gibt an, weltweit eine Million Kunden zu haben, davon 40.000 Unternehmen. Insgesamt habe man eine halbe Million Software-Lizenzen vergeben. Allein Drobo, das jetzt auch das Backup von Cloud-Daten erledigt, steuere 400.000 Kunden bei. Zudem sollen auch Flash-basierende Arrays auf den Markt kommen. Die Backup-Software Retrospect hat bislang rund 500.000 Software-Lizenzen verkauft, über die mehr als 100 Petabyte (PB) an Daten gesichert wurden. Die Blockspeicher der Nexsan-E-Serie sollen weiterhin das beste Preis-Leistungs-Verhältnis und die effektivste QLC-NAND-Lösung in diesem Segment bieten. Die Unity-Flash-Speicher sollen „advanced NAND offerings“ erhalten (NVMe SSD, QLC NAND) und zusammen mit der Retrospect-Software ein Cloud-basierendes Backup erlauben. Diese Technik soll auch den Vexata-Speichern zugutekommen, die zudem auf ein Fassungsvermögen von 1 PB (raw storage) ausgebaut werden. Vexata hat bereits 2018 mit Fujitsu in den USA eine Vertriebspartnerschaft geschlossen, bei der Fujitsu-Server zusammen mit den Vexata-Speichern angeboten wurden. Diese Partnerschaft will StorCentric in jedem Fall beibehalten, zumal sich das Geschäft seit 2019 prächtig entwickle. Man darf also gespannt auf kommende Neuentwicklungen der bereits übernommenen Firmen warten – und ebenso auf weitere, vielleicht spektakuläre Übernahmen.

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