Mobile-Menu

Interview mit John Voss, Seagate Mit HAMR und KI aus der Festplattenfalle

Von Dr. Dietmar Müller 9 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Festplatten verkaufen sich immer schlechter. Der Experte Seagate setzt deswegen vehement auf Storage Systems. Anlässlich eines Workshops sprach Storage-Insider mit John Voss, Senior Sales Manager, Systems Lead Central & Eastern Europe, Seagate, über die veränderte Wahrnehmung des Unternehmens, Speicherherausforderungen für KMU, die lange angekündigten HAMR-Festplatten und – unvermeidlich – den Einfluss der künstlichen Intelligenz.

„Seagate bietet seinen Kunden weit mehr als nur Festplatten“, hebt John Voss von Seagate hervor.(Bild:  rcx - stock.adobe.com)
„Seagate bietet seinen Kunden weit mehr als nur Festplatten“, hebt John Voss von Seagate hervor.
(Bild: rcx - stock.adobe.com)

Seit der Gründung vor mehr als 45 Jahren hat Seagate über vier Milliarden Terabyte an Datenkapazität ausgeliefert. Lange Zeit stand das Unternehmen alleine für Festplatten, das Business damit ist jedoch erwartungsgemäß rückläufig. Der Storage-Experte setzt deswegen schon seit geraumer Zeit auf innovative Lösungen für Massendaten und bietet ein reiches Portfolio an Speicherlösungen, -systemen und -diensten – von der Edge bis hin zur Cloud.

Was können Anwender demnächst erwarten? Kommen die lange angekündigten HAMR-Hard-Disks dieses Jahr wirklich? Und kann die KI Anwendern beim Ablegen ihrer Daten nicht nur helfen, sondern die Daten vielleicht sogar selbstständig klassifizieren und ablegen? Darüber sprach Storage-Insider anlässlich eines Workshops am Firmensitz in Amsterdam mit John Voss, Senior Sales Manager, Systems Lead Central & Eastern Europe.

Storage-Insider: Praktisch jeder in der IT kennt Seagate aufgrund seiner langen Firmenhistorie. Sie standen simpel gesprochen für Festplatten. Wie würden Sie heute Ihren Unique Selling Point (USP) beschreiben?

John Voss, Seagate: Viele Unternehmen und Endanwender kennen und vertrauen Seagate-HDD- und -SSD-Produkten. In den letzten Jahren hat Seagate sein Produkt- und Lösungsportfolio erweitert und ist von einem Festplattenhersteller zu einem Anbieter von Speicherlösungen, -systemen und -diensten – von der Edge bis hin zur Cloud – geworden. Das spiegelt sich zum Beispiel in den Lyve-Mobile- und Cloud-Datenservicelösungen sowie in den Systems-Datenspeichersystemen wieder. Seagate bietet seinen Kunden also weit mehr als nur Festplatten. Dazu kommen mehr als 45 Jahre Erfahrung im Bereich Datenspeicherung- und -technologie. Noch in diesem Jahr wird Seagate als erster Hersteller Festplatten mit HAMR-Technologie und einer Speicherkapazität von 32 TB in größerem Umfang ausliefern. Rechenzentren können damit die Kosten für ihre Datenspeicherinfrastruktur, also die Total Cost of Ownership (TCO), senken. Geplant sind weitere Steigerungen der Speicherkapazität von bis zu 50 TB je Festplatte bis 2026.

Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) haben laut einer von Ihnen beauftragten Studie Schwierigkeiten, den Wert ihrer Daten zu nutzen. Grund dafür sind „grundlegende Infrastrukturprobleme“. Können Sie uns das genauer erläutern? Was sind die größten Herausforderungen für die Infrastruktur des Mittelstandes in Bezug auf Storage?

Voss: Bei vielen KMU, die über die Jahre hinweg oftmals sehr schnell gewachsen sind, hat die Datenspeicherinfrastruktur nicht Schritt gehalten und wurde vernachlässigt. Wo früher noch ein oder mehrere NAS-Systeme ausgereicht haben, wird bei einer steigenden Anzahl von Mitarbeitern, Anwendungen und datengetriebenen Prozessen immer mehr Speicherplatz benötigt. Die unzureichende Infrastruktur ist eine große Herausforderung, es fehlen aber auch oft das Bewusstsein für den Wert der Daten für den Geschäftserfolg und eine Strategie zum richtigen Umgang, zur Speicherung und Nutzbarmachung von Daten. Hinzu kommen Compliance- und Datensicherheits-Themen – Stichwort DSGVO –, Fragen, wie und wo welche Daten für den Datenmanagement-Workflow am besten gespeichert oder zur Verfügung gestellt werden, und schlussendlich die Frage nach den Kosten für die Datenspeicherung.

Wie reagieren KMU Ihrer Erfahrung nach üblicherweise auf diese Herausforderungen?

John Voss, Senior Sales Manager, Systems Lead Central & Eastern Europe, Seagate.(Bild:  Dietmar Müller)
John Voss, Senior Sales Manager, Systems Lead Central & Eastern Europe, Seagate.
(Bild: Dietmar Müller)

Voss: Oft machen KMU einfach weiter wie bisher, ohne sich wirklich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihre Daten – die ja oftmals ihr wichtigstes Gut und Voraussetzung für den Geschäftserfolg sind – effektiv und kostengünstig speichern und dann auch wieder zur Analyse und Weiterverarbeitung bereitstellen können. Gerne werden Daten dann auch in Public Clouds gespeichert, da dies auf den ersten Blick eine unkomplizierte und kostengünstige Alternative dazu ist, in die eigene Datenspeicherinfrastruktur zu investieren und diese weiter auszubauen.

Allerdings haben viele Public-Cloud-Anbieter in der letzten Zeit die Kosten stark erhöht. Zudem können viele, auf den ersten Blick nicht sichtbare Kosten für Datentransfer innerhalb und aus der Cloud heraus anfallen. Mit einer On-Premises-Speicherlösung lassen sich Kosten oftmals besser kontrollieren. Auch beim Thema Datensicherheit und Compliance hat man mit On-Premises-Storage mehr Sicherheit, da man weiß, wo die eigenen oder auch Kundendaten gespeichert sind – zum Beispiel innerhalb der EU, wie von der DSGVO vorgegeben.

Ihre Lösung dafür lautet, wenn wir das richtig verstehen, Exos Corvault, ein Blockspeichersystem mit automatischer Wiederherstellungsfunktion, das Sie 2021 vorgestellt haben. Was kann es?

Voss: Mit unseren Exos-Datenspeichersystemen bieten wir Kunden aus dem KMU- und Enterprise-Segment zuverlässigen und kostengünstigen Storage von Terabyte über Petabyte bis hin zu Exabyte, der flexibel an die Bedürfnisse der Unternehmen angepasst werden kann. Auch bei Universitäten und Forschungseinrichtungen sehen wir einen großen Bedarf an Speichersystemen im Petabyte-Bereich. Je nach Anwendungsbedarf kommen hier reine Flash-, Hybrid- und Festplatten-Arrays, JBoD-Systeme oder kombinierte Rechen-Speicher-Plattformen zum Einsatz. Exos Corvault ist aktuell das einzige auf dem Markt verfügbare leistungsstarke Speichersystem mit Selbstreparaturfunktion. Es zeichnet sich durch mehrere Petabyte Kapazität und Hyperscale-Effizienz in Rechenzentren und Cloud-Umgebungen aus und lässt sich einfach betreiben.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Data-Storage und -Management

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Auf Basis der Seagate-Exos-4U106-Plattform bietet Exos Corvault 99,999 Prozent Verfügbarkeit aka „five nines“. Das 4HE-Gehäuse mit maximaler Dichte fasst 106 Festplatten mit insgesamt bis zu 2,12 Petabyte Speicherkapazität auf nur 18 Zentimetern, also 7 Zoll Rack-Höhe. Durch den Schutz vor vibrationsbedingten und akustischen Störungen, Wärme und Stromschwankungen maximiert Exos Corvault die Festplattenleistung. Dazu kommt der von Seagate entwickelte 4006-Controller für schnellen Datenzugriff und -verwaltung. Seagate ist der einzige Enterprise-Speicherhersteller, der alle seine Datenspeichersysteme selbst entwickelt und produziert.

Exos Corvault soll als „intelligenter Speicher“ unter anderem das Datenmanagement optimieren. Welches Verfahren kommt dafür zum Einsatz?

Voss: Exos Corvault basiert auf Seagates Speicherarchitektur, die die VelosCT-Controller-Architektur, ASIC-Chips der sechsten Generation, Datenschutz durch ADAPT Erasure Coding und die Seagate-Autonomous-Drive-Regeneration-Technologie (ADR) vereint. Die VelosCT-Chips von Seagate versorgen die beiden Speicher-Controller des Systems, die alle Festplatten-Aktuatoren parallel optimieren und so die Leistung steigern. Zudem verteilt Seagates Autonomic Distributed Allocation Protection Technology (ADAPT) die Daten auf allen Festplatten, was einen höheren Datenschutz und deutlich schnellere Rebuild-Zeiten ohne Leistungseinbußen im Vergleich zu klassischem RAID ermöglicht.

Exos Corvault soll menschliches Eingreifen in Macro-Edge-Umgebungen und Rechenzentren reduzieren. Wie genau?

Voss: Fehlerhafte Festplatten in Rechenzentren werden oftmals manuell ausgetauscht, und die Daten müssen rekonstruiert werden. Bei einer 20-TB-Festplatte kann das mehrere Tage dauern und einen erheblichen Aufwand mit sich bringen. Bei Exos Corvault kommt in diesem Fall die von Seagate entwickelte Autonomous-Drive-Regeneration-Technologie (ADR)zum Einsatz: Bevor eine Oberfläche, also der Platter einer Festplatte, fehlerhaft wird, lagert ADR alle Daten rechtzeitig aus, schaltet die betreffende Stelle ab und bringt das Laufwerk umgehend in den Festplatten-Pool des Corvaults zurück. Bei einer 20-TB Festplatte können so bis zu 95 Prozent der Speicherkapazität wieder zur Verfügung gestellt werden. Das ausgelagerte 1 TB Speicherplatz nimmt sich das System aus dem Bestand der Spare-Kapazität, die im Regelfall die Kapazität zweier Laufwerke darstellt. Im Vergleich zu einem klassischen RAID ist kein Festplattenaustausch samt Rebuild nötig.

Durch den Einsatz von ADR lassen sich die meisten Festplatten wieder zuverlässig in Betrieb nehmen; ein manueller Austausch der Festplatte ist dadurch nicht nötig. So verringert sich der Wartungsaufwand, und das Gesamtsystem kann länger fehlerfrei betrieben werden. Die Technologie trägt auch dazu bei, die Umweltbelastung durch Elektronikabfall zu reduzieren, da mittels ADR regenerierte Festplatten weiterverwendet werden können, anstatt sie entsorgen zu müssen.

Apropos Weiterverwendung: Gerade hat Seagate ein Wiederaufbereitungsprogramm verlängert, das im Juli 2021 gestartet worden war. Erklärtes Ziel war es, die Lebensdauer von über einer Million Festplatten (HDDs) und Solid State Drives (SSDs) zu verlängern. Haben Sie es erreicht?

Voss: Ja, dieses Ziel haben wir erreicht. Im Geschäftsjahr 2022, das von Juli 2021 bis Juni 2022 lief, hat Seagate die Lebensdauer von 1,16 Millionen HDDs und SSDs verlängert. Diese Laufwerke konnten durch Wiederaufbereitung und Wiederverwendung wiederhergestellt werden, wodurch – wenn wir ein durchschnittliches Gewicht von 465 Gramm pro Laufwerk ansetzen – mehr als 540 Tonnen Elektromüll vermieden wurden. Im Vergleich zum normalen Recycling der Komponenten spart die Festplattenaufarbeitung und Wiederverwendung 275-mal mehr CO2.

Um die Kreislaufwirtschaft weiter zu fördern, hat Seagate sein Engagement für mehr Nachhaltigkeit als Gründungsmitglied der Circular Drive Initiative (CDI) weiter fortgeführt. Diese Initiative beinhaltet die Zusammenarbeit mit weltweit führenden Unternehmen für digitale Speicherung, Nachhaltigkeit und Blockchain zur Reduzierung von Elektromüll durch die sichere Wiederverwendung von Speicherhardware. Seagate reduziert und berücksichtigt den Ressourcenverbrauch beim Produktdesign und in der Produktion von Festplatten und hat es sich zum Ziel gesetzt, seinen weltweiten Energiebedarf bis 2030 vollständig durch erneuerbare Energien abzudecken. Dieses Ziel wurde bereits zu mehr als 50 Prozent erreicht. Mehr Informationen dazu finden sich im Seagate-Bericht „Nachhaltige Datensphäre: ESG-Performance für das Geschäftsjahr 2022“ und auf unserer Website.

Nachhaltigkeit beschäftigt viele Firmen – genau wie die künstliche Intelligenz (KI), über deren generative Form gerade die ganze Welt spricht. Wird sie auch das Storage verändern?

Voss: Für viele große Technologieunternehmen ist KI bereits ein Bestandteil der Unternehmensstrategie oder wird es sein. Microsoft könnte laut Analysten mit generativer KI seinen Umsatz um 40 Milliarden Dollar steigern. Insgesamt kann der Markt für generative KI zu einem Anstieg des globalen BIP um fast sieben Billionen Dollar führen. Studien zufolge gehen etwa 75 Prozent der Unternehmen davon aus, dass sie in den nächsten fünf Jahren KI-Technologien einführen werden. ChatGPT hat in den ersten zwei Monaten über 100 Millionen Nutzer gewonnen und ist damit die am schnellsten wachsende Verbraucheranwendung aller Zeiten.

Aber die besten KI-Modelle sind ohne Daten nutzlos. Unternehmen benötigen große Datenmengen, um KI-Modelle zu trainieren und aus bisher ungenutzten Informationen Erkenntnisse und Mehrwert zu gewinnen. Da die KI-Tools „von morgen“ in der Lage sein werden, aus den Daten „von gestern“ noch ungeahnte Erkenntnisse abzuleiten, sollten Unternehmen so viele Daten wie möglich aufbewahren. Bild- und Video-KI-Generatoren werden zudem mehr Daten erzeugen, die Unternehmen speichern und verwalten müssen, um sie sie analysieren und die KI weiter zu verbessern. Es ist also davon auszugehen, dass die Datensphäre auch in den nächsten Jahren stetig wächst und entsprechende Datenspeicher nachgefragt werden.

Haben Sie bei Seagate bereits weitergehende Pläne für den Einsatz von KI?

Voss: Seagate setzt KI aktuell in der Produktion in der Wafer-Fertigung ein, wo jedes Jahr mehr als eine Milliarde Wandler für Festplatten-Schreib-/Leseköpfe hergestellt werden. Diese müssen umfassend analysiert und getestet werden, um hohe Qualitätsstandards einzuhalten und Herstellungsfehler früh zu erkennen. Früher war es die Aufgabe von Ingenieuren, all diese Bilder zu analysieren. Das birgt ein gewisses Fehlerpotenzial, was dazu führen kann, dass defekte Wandler erst zu einem späteren Zeitpunkt im Herstellungsprozess erkannt werden und dadurch zusätzliche Kosten verursachen.

Um die ohnehin schon geringe Fehlerrate weiter zu reduzieren, hat Seagate daher bei der Wafer-Fertigung eine KI mit industrieller Bildverarbeitung gekoppelt. Dazu werden täglich bis zu drei Millionen Bilder analysiert und selbst winzigste Defekte unverzüglich identifiziert, die von einem menschlichen Ingenieur schnell übersehen werden. Die Echtzeitverarbeitung ermöglicht es den Mitarbeitern, Fehler in der die Fertigung schnell zu identifizieren und zu korrigieren, sodass ihre potenziellen Auswirkungen auf den Produktionsprozess und damit einhergehende Kosten deutlich reduziert werden.

Herr Voss, wir danken für das aufschlussreiche Gespräch.

Aktuelles eBook

HDD versus SSD

eBook HDD versus SSD
eBook „HDD versus SSD“
(Bild: Storage-Insider)

Speichermedien begleiten viele Nutzer und Unternehmen im Zusammenhang mit der Datenspeicherung, -verarbeitung, -verbreitung und ihrer obligatorischen Löschung (DSGVO) während ihrer gesamten Nutzung. Sollte man dafür HDDs oder SSDs wählen? Beide haben Vor- und Nachteile.

Die Themen im Überblick:

  • Festplatten und unstrukturierte Daten
  • SSD und Flash-Memory
  • Wirtschaftlichkeit & Co.
  • Datensicherheit
  • Nachhaltigkeit
  • Neue Entwicklungen und Trends

(ID:49619246)