OVHcloud forciert DACH-Geschäft Die Cloud-Alternative aus Frankreich

Autor: Michael Hase

OVHcloud hat sich vom Hoster zu einem führenden europäischen Cloud-Anbieter entwickelt. Im Heimatmarkt behauptet sich das Unternehmen aus Roubaix hinter AWS und Azure als Nummer drei. Auch diesseits des Rheins wollen die Franzosen jetzt ihre Position ausbauen.

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Der Provider OVHcloud zählt in unserem Nachbarland Frankreich zu den Großen der ITK-Branche.
Der Provider OVHcloud zählt in unserem Nachbarland Frankreich zu den Großen der ITK-Branche.
(Bild: Sehenswerk -/ winterbilder-stock.adobe.com (M) Carin Boehm)

Ganz Europa wird durch die US-Hyperscaler dominiert ... Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern betriebenes ­Hosting-Unternehmen hört nicht auf, den Cloud-Riesen Widerstand zu leisten. So könnte man in Anspielung auf einen ­Klassiker der französische Comicliteratur die Geschichte von OVHcloud erzählen. Schließlich behauptet sich der Provider aus Roubaix in seinem Heimatland, was die ­Anteile im Cloud-Markt angeht, als Nummer drei hinter AWS und Microsoft, aber noch vor Google. Dagegen ist es weder in Deutschland noch in Großbritannien oder den Niederlanden einem einheimischen Player gelungen, in die Phalanx der Drei einzudringen, wie die Analysten der Synergy Research Group ermittelt haben.

Für diesen Erfolg gibt es Gründe. Einer dürfte in der Attraktivität und dem Umfang des OVH-Portfolios liegen. Auch wenn die US-Rivalen noch deutlich mehr Breite zu bieten haben, können die Franzosen in der Hinsicht von allen europäischen Alternativen am ehesten mit ihnen konkurrieren. Neben Rechen- und Speicherressourcen stellen sie Kunden rund 50 weitere Services bereit, zu denen etwa Datenbank- und Machine-Learning-Dienste ebenso wie Managed Kubernetes gehören. Keiner der hiesigen Mitbewerber verfügt laut einem aktuellen Whitepaper des Beratungshauses KMPG über ein derart entwickeltes Cloud-Portfolio.

Die Dominanz wächst

Die relativ starke Position von OVH in Frankreich ändert allerdings nichts am allgemeinen Trend im europäischen Cloud-Markt. So hat die Dominanz von AWS, Azure und Google bei Infrastructure-as-a-Service (IaaS) über die vergangenen vier Jahre stetig zugenommen. In Summe erzielen die US-Riesen in diesem Segment nach Zahlen von Synergy inzwischen zwei Drittel der Gesamteinnahmen. Zugenommen hat über die Jahre aber auch die Rechtsunsicherheit europäischer Kunden, die ­Angebote der Hyperscaler nutzen, insbesondere da seit Mai 2018 die DSGVO gilt und zwei Jahre später der ­EuGH das Privacy-Shield-Abkommen gekippt hat.

Diese Entwicklung machen sich hiesige Anbieter zunutze. „Die europäischen Cloud Provider versuchen, mehr Zugkraft im Markt zu gewinnen, indem sie sich auf Kundensegmente und Anwendungsszenarien fokussieren, die strengere Anforderungen an Datensouveränität und Datenschutz stellen“, beobachtet John Dinsdale, Chefanalyst bei Synergy.

Gründungsmitglied bei Gaia-X

Eine solche Strategie verfolgt auch OVH. Der Provider gehört mit Wettbewerbern wie Orange, PlusServer und der Deutschen Telekom zu den 22 Gründungsmitgliedern der Initiative Gaia-X. Deren Ziel ist der Aufbau eines Cloud-Ökosystems, das für alle Nutzer den souveränen Umgang mit ihren Daten sicherstellt und zugleich außereuropäische Anbieter auf hiesige Datenschutzstandards verpflichtet. „Datensouveränität gehört zu unseren Kernwerten, und das heißt für uns Offenheit, Transparenz und Reversibilität“, betont Falk Weinreich, ­General Manager Central Europe bei ­OVHcloud. „Die Hyperscaler machen es Kunden nicht immer einfach, mit ihren ­Daten wieder aus der Cloud herauszukommen. Das ist nicht unser Ansatz.“

Der Anbieter sieht seine Mission darin, ­Unternehmen jeder Größe eine offene, ­vertrauenswürdige und nachhaltige Cloud bereitzustellen. Zugleich sollen Kunden von günstigen und berechenbaren Preisen profitieren. Um diese Anforderungen zu erfüllen, setzt der Provider auf eine tiefgehende Kontrolle seiner Wertschöpfungskette und ein hohes Maß an Unabhängigkeit von Drittanbietern. Daher basiert nicht nur der Software-Layer der OVH-Cloud auf dem Open-Source-Framework OpenStack. Die Franzosen bauen auch ihre Server selbst und betreiben Rechenzentren, die ihnen einschließlich der Immobilie gehören. Den Glasfaser-Backbone, der ihre Standorte auf vier Kontinenten verbindet, managen sie selbst. Eine Besonderheit in den OVH-Rechenzentren ist das selbstentwickelte Kühlsystem, bei dem die Wärme über einen geschlossenen Wasserkreislauf abgeleitet wird.

Kooperation mit T-Systems

Das autonome Geschäftsmodell macht den Provider offenbar attraktiv für Kooperationen. So kündigte T-Systems, die Dienstleistungssparte der Telekom, im September 2020 an, dass sie gemeinsam mit dem Spezialisten aus dem Nachbarland eine Openstack-Cloud für Behörden, öffentliche Einrichtungen und Betreiber kritischer Infrastrukturen aufbaut. Dabei kommen der Infrastrukturstack und die wassergekühlten Systeme von OVH zum Einsatz, die wiederum in Rechenzentren von T-Systems betrieben werden. Kunden können die Services über die Netze der Telekom nutzen. Im Zuge der Kooperation schafft der Bonner Konzern ein alternatives Angebot zur Open Telekom Cloud, die auf Technologiekomponenten des chinesischen IT-Riesen Huawei basiert.

Falk Weinreich, General Manager Central Europe bei OVHcloud, möchte das Ökosystem des Providers in DACH vergrößern.
Falk Weinreich, General Manager Central Europe bei OVHcloud, möchte das Ökosystem des Providers in DACH vergrößern.
(Bild: OVHcloud)

Neben Public-Cloud-Diensten, die auf ­einer Shared Infrastructure bereitgestellt werden, bietet OVH auch dedizierte Server und Bare-Metal-Systeme an. Als Hosted Private Cloud können Kunden bislang vor allem Umgebungen auf Basis von ­VMware-Technologie beziehen. Mit dem nordamerikanischen Hersteller verbindet das französische Unternehmen eine langjährige Partnerschaft. 2017 übernahm es dessen Geschäftsbereich vCloud Air ­inklusive Rechenzentren und Support-Team. Zwei weitere Angebote kommen aber schon bald hinzu. So stellt OVH künftig den Software-Stack von Nutanix (aktuell in der Beta-Phase) und die Google-Plattform Anthos, die die Entwicklung und das Management von Container-Anwendungen in hybriden Szenarien unterstützt, auf dedizierten Infrastrukturen bereit.

Ausbau des DACH-Channels

In Deutschland ist OVH seit 2006 mit einem Vertriebsbüro vertreten. Ein Datacenter wurde hierzulande aber erst 2017, und zwar im hessischen Limburg, eröffnet. Seit Ende 2019 zeichnet Weinreich für die Aktivität im deutschsprachigen Raum verantwortlich. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Präsenz des Providers im hiesigen Markt zu vergrößern und das Geschäft auszubauen. Der frühere Colt-Manager weiß, dass er dazu auf die Zusammenarbeit mit Beratungs- und Systemhäusern sowie mit Managend Service Providern angewiesen ist. „Kunden aus dem Mittelstand brauchen Dienstleister, die ihnen bei der Integration der Cloud in ihre IT-Landschaft und gegebenenfalls auch beim Betrieb helfen“, erläutert Weinreich. „Mit unserem nachhaltigen Business-Modell und unserer offenen Plattform sind wir geradezu prädestiniert für die Zusammenarbeit mit Partnern.“

Zu den bekannten Namen im OVH-Ökosystem gehört hierzulande der Nürnberger Service Provider Noris Networks. Ansonsten ist die Zahl der Beratungs- und Integrationspartner überschaubar, wie ein Blick ins Partnerverzeichnis auf der Website offenbart. Gerade einmal vier Dienstleister mit Sitz in Deutschland sind dort aufgelistet. Den aktiven Channel-Aufbau hat das Unternehmen in der Vergangenheit anscheinend vernachlässigt. Aus diesem Grund hat es im März Stephan Klahr als Business Development Manager verpflichtet, der sich seither der Aufgabe widmet. Der Hosting- und Telco-Experte, der lange als Direktor den Vertrieb des Berliner TK-Anbieters Teles leitete, kümmerte sich unmittelbar zuvor beim Mitbewerber Ionos um Beratungs- und Technologiepartner. Die bisherigen Gespräche mit potenziellen OVH-Partnern stimmen ihn optimistisch: „Wenn ich Dienstleistern und Lösungsanbietern unsere Strategie und unser Portfolio vorstelle, wird ihnen ziemlich schnell deutlich, dass wir tatsächlich die europäische Alternative zu den Hyperscalern sind.“

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