Ein Plädoyer gegen Selbstbetrug Erpresser, Ransomware und das Übel der Verantwortung

Autor / Redakteur: Jan Trinkl* / Dr. Jürgen Ehneß

Im Gastkommentar schreibt Jan Trinkl darüber, warum gewisse Bereiche des Finanzwesens und der Politik keine guten Vorbilder für die Wirtschaft sind – und ganz bestimmt nicht für Entscheider im Bereich Unternehmens-IT.

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Verantwortung übernehmen: Das gilt auch im Unternehmensbereich, „damit wir in einem, egal wie gearteten, Ökosystem existieren können und dabei für die wichtigen Dinge auch die richtigen Kosten veranschlagen“, wie Jan Trinkl in seinem eindringlichen Plädoyer begründet.
Verantwortung übernehmen: Das gilt auch im Unternehmensbereich, „damit wir in einem, egal wie gearteten, Ökosystem existieren können und dabei für die wichtigen Dinge auch die richtigen Kosten veranschlagen“, wie Jan Trinkl in seinem eindringlichen Plädoyer begründet.
(Bild: © magele-picture - stock.adobe.com)

In einer modernen, hoch spezialisierten Welt müssen wir oft Verantwortung für Aspekte oder Bereiche an andere abgeben. Leider erfahren wir täglich, dass das mit der Verantwortung nicht mehr ganz so verstanden wird, wie es wohl eigentlich im Verständnis des Begriffs verankert scheint.

Und nun treffen zwei elementare Tendenzen der letzten 20 Jahre im Bereich „Wie werde ich erfolgreich“ auf eine grausame Realität: „Einsparungen über Fachentscheidungen stellen“ und „Verantwortung auslagern“ – beides führt zu den katastrophalen Ergebnissen, die wir aktuell in der IT-Branche, den Nachrichten und den Sozialen Medien verfolgen können. Brennende Cloud-Rechenzentren, Datenverluste, Datendiebstahl, Ransomware und Erpressungen in Millionenhöhe per Unternehmen.

Es geht schon seit einigen Jahren zunehmend die Tendenz umher, dass in der extrem komplexen Welt der IT demjenigen geglaubt wird, der am lautesten schreit – sprich demjenigen, der mit den richtigen Investmentfonds im Rücken am meisten Präsenz und Marketing machen kann; da wundert es nicht, dass nur die US-finanzierte Unternehmen mit Milliarden an Fonds-Spritzen Themen und Meinungen besetzen. Ganz frei nach den Geschehnissen in der internationalen Politik und auch den Vorgängen, die zu den Finanzkrisen geführt haben, scheint einfach die „Wahrheit“ aus dem zu entstehen, das am öftesten und am lautesten gesagt wird, und nicht was den Fakten oder Tatsachen entspricht.

Glaube an Scheinwahrheiten

Ein jeder von uns hat das persönlich verfolgt und in einigen Bereichen erlebt – wir wissen, dass es so läuft. Dennoch lassen es Unternehmer, auch bei ihren eigenen Unternehmen, zu, dass diese Scheinwahrheiten über „gleichzeitig richtig, funktional und günstig“ gerne geglaubt werden. Denn warum auch nicht – ich glaube doch gerne, was mir etwas einbringt und mich wenig kostet.

Da bin ich mal eben kurz ganz Privatmensch und sehe, dass ich nicht anders funktioniere.

Doch: Wie realistisch ist das Ihrer Erfahrung nach? Dass es nochmal billiger und schneller und einfacher geht – und dabei noch zuverlässiger, sicherer und besser?

Wenn ich aber den Standpunkt des Kunden verlasse und mich als Anbieter betrachte: Was kosten mich denn Herstellung, Pflege, Absicherung und Vertrieb? Bekomme ich das denn heute überhaupt noch bezahlt? So langsam nicht mehr, stelle ich fest, die Grenzen sind erreicht.

Sagt nicht alle Erfahrung, dass diejenigen Lebensbereiche, die an Wert und Relevanz gewinnen, auch zunehmend an Kosten und Komplexität gewinnen? Von Achtsamkeit und Körperlichkeit mal abgesehen, doch diese sind auf ein einzelnes Individuum bezogen, und nicht auf Unternehmen, Gesellschaft und Familien.

Ist nicht die schnelle Lieferkette mit mehr Transportmitteln, komplexer Logistik und größerer Variabilitätsanforderung verbunden? Braucht nicht eine gute Diagnose richtige Fachleute, Zeit und die entsprechenden Mittel? Ist die Erfüllung von Wünschen und Vorstellungen nicht mit großem Aufwand für Recherchen, Einbeziehung von Know-how-Trägern, Planungen, Strategien und Konzepten verbunden?

Wir glauben und wissen, dass es so ist, zumindest wenn wir mit unseren Entwicklungsfachleuten sprechen, wenn wir mit den bestellten Unternehmensberatern die Umsetzungsstrategien der erarbeiteten Ergebnisse beraten, wenn wir mit Finanzfachkräften Sicherungs- und Anlagestrategien entwerfen oder wenn wir selbst einen Wanderausflug am Wochenende planen: Die richtigen Modelle und Tools, die Überprüfung und der Einsatz funktionaler Mittel, das Bewusstsein, selbst verantwortlich zu sein für Entscheidungen und die damit verbundenen Folgen.

Wertvolle Berater und Fachleute

Worüber man nicht groß um Einigung kämpfen muss, ist der einfache Punkt: Es gibt Grenzen. Ein jeder Unternehmer weiß, dass es in seinem Business und seinem Unternehmen Grenzen dafür gibt, was an Ergebnissen in einer Zeit und auf gewisse Kosten erreicht werden kann. Alles „darunter“ ist negativ und führt früher oder später zum Ende des Unternehmens.

Als Unternehmer ist uns das klar, als Kunde wollen wir es nicht wahrhaben und suchen uns selten die Berater aus, die uns diese Kosten auch deutlich vors Auge halten. Es gibt sie, diese wertvollen Berater und Fachleute, die uns tatsächlich helfen wollen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Berater, die nicht immer unerreichbar weit entfernt sitzen, die im gleichen Ökosystem existieren und deshalb ein höchsteigenes Interesse daran haben, dass Preis und Leistung in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Die noch größeres Interesse daran haben, sich selbst, ihre Unternehmen, Mitarbeiter und Familien in diesem Ökosystem leben und wirtschaften zu lassen – so dass „Leben und leben lassen“ in den vorhandenen Kreisläufen und Systemen auch tatsächlich funktionieren kann.

Gerne glauben wir denjenigen, die es ohne Arbeitsleistung, ohne Expertise und ohne Zeit und Ressourcen schaffen wollen, uns unsere beschriebenen Bedürfnisse zu erfüllen, denn die wären in einem solchen Preis niemals mit enthalten. Und dann entmachten wir mit einem kleinen Schritt diejenigen im Unternehmen, die für uns die Verantwortung übertragen bekommen haben, die uns sagen, was sie brauchen und dass es eben Zeit und Geld kostet, es richtig zu machen.

Sobald die Liste des „Bedarfs“ aus den Händen der Fachleute genommen wurde, wird sie immer kleiner und übersichtlicher, weil von den Details ja sonst niemand was versteht. Dann jagen wir die immer kleiner werdende Liste an Kennwerten von unseren Buchhaltern aus in die weite Welt der Anbieter hinein und wundern uns nicht einmal, dass es plötzlich Angebote für die Hälfte gibt, und danach noch eines für ein Drittel … Damit nicht genug: Wir klagen dann im Nachgang noch mit wissendem Nicken die Fachbereichskräfte an, dass sie die Firma beinahe sehr viel Geld gekostet hätten, wenn man auf sie gehört hätte.

Vorwürfe an die Falschen

Sollen wir über das inzwischen tausendfach sichtbare Ergebnis reden? Nein, nicht wahr? Wir haben es alle oft genug erlebt, oder? Ich finde doch: Es muss sein!

Was wir bekommen, ist fehlerhaft, mit zu wenig Dienstleistungen schlecht implementiert („Das müssen unsere Leute selber können, das kaufen wir nicht ein!“), nicht variabel genug oder zu knapp bemessen, mit Qualitäten oder Garantien, die uns in jedem normalen Servicefall viel Zeit und damit Geld kosten, Projekte die nicht richtig abklären, „was sonst noch alles bei dem Thema mit berührt oder angepasst werden muss“, und dadurch am Ende ein Vielfaches an Zeit und auch ein Vielfaches an Geld kosten.

Entscheidungen, die von Buchhaltern und Einkäufern getroffen werden, denen wir aber im Schadensfall natürlich keine Vorwürfe machen. Der Ärger geht direkt in die IT-Abteilung, dort liegt ja das Problem.

Um es anschließend an einem kleinen Beispiel rund um das Thema „Backup & Datensicherung“ aufzuzeigen: Die IT und die erzeugten Daten und Systemabläufe sind heutzutage überlebensnotwendig für nahezu jedes Unternehmen. Deren Wert steigt also permanent an, die Relevanz wird immer größer – aber: Billiger muss es sein, Budgets muss man kürzen, ein Raumschiff darf nicht mehr kosten als ein Mittelklassewagen, und den bauen bestimmt ein paar Anbieter bald für den Preis eines Fahrrads …

Hat außer mir sonst niemand das Gefühl, dass wir uns als Kunde hier selbst belügen, auf Biegen und Brechen jede nur denkbare Grenzbelastung austesten? Und dann, wenn es schiefgeht, wenn wir nicht schnell, leistungsfähig oder sicher auf dem Rücken unserer modernen IT dahingleiten können, zeigen wir mit dem Finger auf unsere IT-Abteilung, auf die Anbieter, deren erstes und richtiges Angebot wir nicht annehmen wollten, und verlangen, dass sie jetzt genau alle diese Probleme beheben, für deren Existenz wir mit unserem Kundenverhalten gesorgt haben und deren Lösung (oder Nicht-Existenz) wir nicht bereit waren zu bezahlen?

Man bezahlt Software, die hilft, die eigenen Unternehmensdaten zu schützen, und möchte doch so wenig dafür bezahlen, und am liebsten auch keine Wartungskosten, dass die Hersteller uns die Gegenleistung bald nicht mehr erbringen können, die wir eigentlich haben wollen: Software, die sich den modernsten Entwicklungen in der Branche kompatibel anpasst, die mit Updates und Patches sicher und funktional aktuell gehalten wird, die auch nur so gegen modernste Bedrohungen und Angriffe schützen helfen kann. Das alles kann nur durch harte Arbeit und entsprechende Entwicklungsressourcen geleistet und hergestellt werden – wenn aber weder die entsprechenden Preise gezahlt werden noch die Wartung unterhalten wird, dann kann diese Entwicklung auch nicht weiter geleistet werden. Das ist so einfach wie logisch.

Die Verantwortung bleibt

Zusätzlich wollen wir Kunden dann auf keinen Fall immer in asiatischen Callcentern mit radebrechendem Englisch durch die künstlichen Prozesswarteschleifen geleitet werden, sondern gerne mit Menschen vor Ort verständlich über unser aktuelles Problem sprechen – bezahlen möchte man aber nur den Stundenlohn eines Billiglohnlandes, oder am liebsten gar nichts.

Das geht nicht, Leute. Das was wir wollen und auch wirklich brauchen, rotten wir durch unser eigenes Verhalten aus – nicht nur in der Natur mit Flora und Fauna oder in der Kultur durch Misstrauen und Hass, sondern auch in der Wirtschaft –, weil wir nicht helfen, am Leben zu erhalten, was wir doch so dringend brauchen: Qualität und Verlässlichkeit.

Ich kann das auch an mir selbst beobachten, denn ich will ja auch als Privatmensch immer mehr für immer weniger bekommen und ärgere mich auf der anderen Seite, dass monatliche Premiumkosten nicht mehr mit Premiumleistungen entlohnt werden.

Ich denke, es geht um Verantwortung, für uns selbst und auch für andere, damit wir in einem, egal wie gearteten, Ökosystem existieren können und dabei für die wichtigen Dinge auch die richtigen Kosten veranschlagen.

Investieren wir doch überlegt, und überlegen wir, was wir tatsächlich brauchen. Machen wir nicht mehr uns selbst oder anderen vor, dass unsere Verantwortung verschwände, nur weil wir andere mit den damit verbundenen Aufgaben zur Umsetzung beauftragen. Es bleibt unsere Verantwortung durch die Entscheidungen, die wir treffen. Und dann versuchen wir vielleicht wieder ein Anbieter-Kunden-Verhältnis aufzubauen, das auf gegenseitigem Vertrauen beruht und nicht ausschließlich auf dem günstigsten Angebot nach einer Checkliste. Und vielleicht bemessen wir dann auch mal, welchen unermesslich existenziellen Wert unsere Unternehmensdaten und die funktionierende Unternehmens-IT tatsächlich hat. So traurig es sich auch anhört: Mitarbeiter, Manager, Geschäftsführung – alles ersetzbar. Die Daten sind es nicht. Deswegen werden wir mit diesen erpresst und zahlen schneller und bereitwilliger als bei jeder Entführung von Menschen zuvor in der Geschichte. Es mutet zynisch an, ist aber Tatsache.

Jeder Kunde ist auch Anbieter

Es gibt keinen Grund, etwas von anderen zu erwarten, das wir selbst nicht bieten. Ein jeder Kunde ist auch an anderer Stelle Anbieter von Produkten oder seiner eigenen Arbeitskraft und weiß genau, dass Qualität und Vertrauen Zeit und Geld kosten. Das gilt also auch für den Verkäufer mir gegenüber und sein Angebot: Wertschätzung gegenüber den eigenen Fachleuten, die den Bedarf definieren, und den Kosten, die das Angebot in sich trägt, das tatsächlich unseren Bedarf decken wird.

Wir alle haben in den letzten Jahren in der IT viel zu viel „draufzahlen“ müssen, sei es an Arbeitszeit oder nachträglichen Kosten, sei es an gestorbenen oder unrealisierbaren Projekten. Nichts ist am Ende nur die Hälfte oder ein Drittel, die Kosten stehen nur nicht auf der ersten Rechnung.

Verantwortung geht auch noch weiter: Hacken wir nicht auf Hackern oder Smartphone-besessenen Teenager-Kids herum, sondern fangen wir sie auf und bilden sie zu guten und hoffentlich geschätzten IT-Fachleuten aus. Davon können wir wahrlich ein paar Tausend mehr gebrauchen. Machen wir ihren Spaß zum Nutzen der Gesellschaft zum Beruf, so wie es ja in einer anderen Industriewelle schon mit eisenbahn- und autobesessenen Kids geschehen ist, Ingenieure und Mechaniker entstehen zu lassen, wie es mode- und stylingbewusste Kids auch zu Unternehmern und Designern gemacht hat, wie es körper- und bewegungsfanatische Kids zu Ernährungs- und Bewegungstherapeuten, Beratern und Vorbildern gemacht hat.

Wenn wir wieder Verantwortung übernehmen, statt sie abzuschieben, können wir auch stolz auf unsere Leistung sein und damit gute Vorbilder abgeben.

Geiz ist geil gewesen. Wertvolles ist geiler.

Jan Trinkl, Vice President Sales, SEP AG.
Jan Trinkl, Vice President Sales, SEP AG.
(Bild: SEP AG)

*Der Autor: Jan Trinkl (54) ist seit 2018 Vice President Sales und damit zuständig den weltweiten Vertrieb der SEP AG. Vor seiner Tätigkeit beim Hersteller von plattformunabhängigen Hybrid-Backup- und Disaster-Recovery-Lösungen hatte er verschiedene Management-Aufgaben in Direkt- und Channelvertrieb bei namhaften Unternehmen der Branche inne. Darunter CommVault, EMC, COMPAREX und zuletzt HPE. Er studierte Politikwissenschaften und Linguistik.

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