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Hitachi Vantara, KI und noch ein Quäntchen Schub – Interview mit Jürgen A. Krebs „Keine Experimente auf dem Rücken unserer Kunden“

| Autor / Redakteur: M.A. Dirk Srocke / Dr. Jürgen Ehneß

Mit dem kürzlich vorgestellten Midrange-System VSP E990 attackiert Hitachi Vantara nicht nur den Wettbewerb, sondern unterbietet sogar Zugriffswerte der eigenen High-End-Plattform. Wir haben beim Hersteller nachgefragt, wie das sein kann.

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Hitachi spricht von einer wohlüberlegten Evolution: Seit 1989 mit hochperformanten Speichersystemen am Markt, liefere man nun die zehnte Generation aus und unterstütze Kunden per KI.
Hitachi spricht von einer wohlüberlegten Evolution: Seit 1989 mit hochperformanten Speichersystemen am Markt, liefere man nun die zehnte Generation aus und unterstütze Kunden per KI.
(Bild: © Sensvector - stock.adobe.com)

Von der VSP 5000 abgeleitet, soll die VSP E900 insbesondere KMU eine hohe Performanz und niedrige Latenzen zur Verfügung stellen. Im Gespräch erörtern wir mit Jürgen A. Krebs, Verantwortlicher des CTO Office für die Central Region bei Hitachi Vantara, darum nicht nur die technischen Finessen des Systems. Zudem klären wir: Wie und mit welchen Anwendungen können Unternehmen das System wirtschaftlich sinnvoll betreiben?

Storage-Insider: Hitachi Vantara bewirbt die VSP E990 als schnellstes All-NVMe-Array für KMU. Welche Kunden und Anwendungen haben Sie mit dem System konkret im Auge?

Jürgen A. Krebs: Mit unserer neuen Virtual Storage Platform (VSP) E990 zielen wir auf kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) mit sehr hohen Leistungsanforderungen. Die E990 baut in gewisser Weise eine Brücke zwischen unserem Ultra-High-End- und dem High-End-Midrange-Bereich und löst in dieser Funktion die seit 2012 angebotene Hitachi Unified Storage (HUS) VM ab, eines unserer beliebtesten Storage-Systeme. Interessant ist die neue Plattform vor allem für Kunden, die sehr leistungshungrige Applikationen fahren, aber nicht das Budget für Ultra-High-End-Systeme wie unsere VSP 5500 bereitstellen wollen.

Für höchste Verfügbarkeit hat die VSP E990 unsere Funktion „GlobalActiveDevice“ an Bord, bei der sich zwei Systeme wie ein Array verhalten. Drei Systeme können als „DreiDataCenter“-Installation höchste Ausfallsicherheit bieten und dabei bestehende Hitachi- oder Fremdsysteme virtualisieren. Kunden können eine Migration mit niedrigstem Risiko durchführen, eine anstehende Hardware-Ablösung angehen oder Altsysteme einfach weiter nutzen. Um es kurz zu machen: Mit der VSP E990 erhalten Kunden High-End-Leistung, die sich finanziell noch im Midrange-Bereich bewegt.

Und verglichen mit dem Wettbewerb wollen Sie nun in jeder Beziehung eine bessere Leistung liefern; nehmen Sie den Mund da nicht etwas voll?

Krebs: Nein, überhaupt nicht. Hitachi ist seit 1957 im IT-Umfeld unterwegs und seit 1989 mit hochperformanten Speichersystemen am Markt, mittlerweile in der zehnten Generation. Wir hatten in der Zeit regelmäßig die performantesten Systeme im Markt – denken sie nur an die Tetragon oder die erste Hardware-Virtualisierungsplattform 9980-V mit virtuellen Ports. Die Performance der neuen VSP E990 entspricht analog der Lastpatterns exakt den angegebenen Werten. Bisher konnte uns noch kein Wettbewerber falsche oder übertriebene Aussagen zur Performance vorwerfen.

Als japanischer Konzern fokussieren wir uns auf die Evolution unserer Produkte. Das wirkt in der schnelllebigen IT von heute manchmal etwas langsam, aber jeder kleine Schritt ist wohlüberlegt. Unser Credo ist: Keine Experimente auf dem Rücken unserer Kunden. Bei der VSP 5000 und der E990 kommen neueste Technologien aus unserem Konzern zum Einsatz. Zahlreiche Komponenten werden bereits in bestehenden Systemen eingesetzt, parallel dazu können wir weiterführende Entwicklungen einleiten und den neuen Plattformen als Erweiterungen hinzufügen. Alle Konfigurationen werden ausgiebig im Labor und unter realen Bedingungen bei Kunden getestet, so dass wir am Ende die Hitachi-typische hundertprozentige Datenverfügbarkeit garantieren können.

Dabei greifen Sie auch auf Erfahrungen mit der im Vorjahr präsentierten High-End-Plattform VSP 5000 zurück. Welche neuen Technologien sind davon im Detail in die E990 eingeflossen?

Krebs: Die E990 wurde technisch in der Tat von der VSP 5000 abgeleitet. Wie bereits bei der VSP-5000-Serie wurde auch bei der VSP E990 die KI-Engine von Hitachi verwendet. Diese ist von der Codeseite her sehr schlank programmiert und nahe an unserer KI-Plattform „H“, die sogar in der Lage ist, zu lernen, Roboter automatisch optimiert zu steuern. Das ist sicherlich eine Komponente, die neben dem hochmodernen Hardware- und Software-Design ein weiteres Quäntchen „Schub“ liefert.

Das Ergebnis ist beinahe zu gut gelungen: Laut Hitachi liegt die Reaktionszeit der E990 mit 64 µs noch unter den 70 µs der VSP 5000. Wie erklärt sich das?

Krebs: Bei der Ankündigung der VSP G1500 wurde uns bereits exakt die gleiche Frage gestellt. Wir sind mit unseren Leistungswerten immer konservativ gewesen – sicherlich handelt es sich, wie in unserer Branche üblich, um Laborwerte, die der Einschätzung der Leistungsfähigkeit dienen. Dennoch liegen die real zu erzielenden Maximalwerte sehr nahe am Laborergebnis. Die VSP E990 wurde auf einem NVMe-Backend aufgebaut und nicht wie die VSP 5000 auf einer Dual Engine, die für hybride Medien designed wurde. Das ist sicherlich einer der Gründe für die nochmals verbesserte Performance der VSP E990.

Aber Hardware ist nicht alles. Per Hitachi Ops Center 10.1 sollen Nutzer das System KI-basiert verwalten und Speicher unkompliziert bereitstellen. Können Sie skizzieren, was sich dadurch in der Praxis vereinfacht?

Krebs: Das neue Operations Center wurde sowohl in den Bereichen Künstliche Intelligenz als auch Machine Learning erweitert, so dass Applikationen bis zu 90 Prozent schneller mit Ressourcen bedient werden können. Ein weiterer Schwerpunkt war die massive Reduzierung von manuellen Schritten bei Provisionierung um rund 70 Prozent. Zudem haben wir zwei weitere Fokusbereiche nochmals verbessert: Das „Analyzer“-Modul des Operation Centers erlaubt eine sehr schnelle Fehleranalyse der Umgebung und speichert Langzeitdaten, die sehr schnell für Vorhersagen oder zur Fehlerbehebung herangezogen werden können. Die im Analyzer gesammelten Daten und Handlungsempfehlungen können bei Bedarf und nach Freigabe direkt an den „Automator“ geleitet werden und umgehend vollautomatisch erforderliche Veränderungen umsetzen. Mit dem Automator lassen sich auch Altsysteme vollautomatisiert auf Neusysteme migrieren.

Noch 2020 will Hitachi Vantara eine Data-at-Rest-Verschlüsselung für die E990 nachliefern. Welche funktionalen Erweiterungen können wir darüber hinaus noch erwarten?

Krebs: Wir arbeiten, wie auch bekannt ist, aktuell am Frontend-NVMe-Protokoll und, wie auch bei der VSP 5000, an der Verfügbarmachung von Storage-Class-Memory-Medien (SCM). Aufgrund des weltweit knappen SCM-Angebotes und der noch enorm hohen Preise planen wir die Einführung, sobald größere verfügbare Stückzahlen zu erwarten sind. Zahlreiche weitere zukünftige Erweiterungen sind anhand der zu erwartenden Marktentwicklungen bereits angeschoben, im Moment aber noch unter NDA.

Noch ist Storage Class Memory also knapp und teuer. Für welche Anwendungen könnte eine entsprechende Bestückung dennoch wirtschaftlich sinnvoll sein, und welche alternativen Optionen gibt es?

Krebs: Bei der Entwicklung der E990 haben wir uns auf NVMe und SCM konzentriert; nur diese Medien werden verwendbar sein. Mit NVMe-Bestückung kann heute in der VSP E990 eine bis dahin nahezu nicht mögliche Performance bei konventionellen Speichersystemen erreicht werden. Für unsere Kunden besteht damit kurzfristig keine Notwendigkeit, SCM einzusetzen. Uns ist aber sehr wohl bewusst, dass Anfragen nach SCM-Medien in den nächsten Monaten zunehmen werden. Im Fokus werden dabei Ultra-High-Performance-Bankanwendungen und andere Transaktionssysteme sein, die zusätzlich Echtzeitanwendungen tragen müssen. Außerhalb dieser extremen Anwendungen sehen wir aber noch keinen wirtschaftlich vernünftigen Einsatzbereich von SCM.

Bei den Midrange-Systemen der VSP-G-Serie und auch bei der VSP-5000-Plattform können Kunden aber die von uns entwickelten Flash Memory Drives (FMD) einsetzen, die quasi eine Brückentechnologie zwischen SSDs und NVMe darstellen und typische Probleme von SSDs eliminieren. Bei einem unserer Kunden konnten wir letzten Monat mit einer FMD-bestückten VSP F1500 kontinuierlich 10M I/Os messen. Je nach Lastsituation können Kunden auch mit bestehenden Systemen ihre Anforderungen nach wie vor sehr gut abdecken. Für abzulösende oder neue Umgebungen empfehlen wir aber grundsätzlich, auf die jeweils neuesten Technologien zu setzen.

Apropos Wirtschaftlichkeit: Kunden müssen die VSP E990 ja nicht unbedingt kaufen und besitzen. Welche Optionen bieten Sie mit dem EverFlex-Programm, und können Sie eine Hausnummer zu den ungefähr anfallenden Kosten abgeben?

Krebs: Aufgrund der starken Kundennachfragen haben wir unser 2010 gestartetes Consumption-Modell stark ausgebaut und vermarkten es jetzt als Hitachi Vantara EverFlex. EverFlex basiert auf einem hochflexiblen und nachvollziehbaren Verbrauchsmodell, nicht nur für die E990, sondern für das gesamte Portfolio. Die Optionen für Kunden reichen von einem Basis-Systempreis über ergebnisbewertete Services bis hin zu einem kompletten Storage-as-a-Service. Die Kunden profitieren dabei von einem klar kalkulierbaren Kostenrahmen, der den Preisverfall bei Speichermedien bereits eingepreist hat und zusätzlich auch Mehr- oder Minderverbrauch beinhaltet. Bezahlt wird nur, was auch benötigt wird, es werden keine Kapazitäten mehr verschwendet. Das Ergebnis sind zum Teil deutlich niedrigere Betriebskosten. In Kombination mit unserem Measurable Gains Analytics Service (MGA) liegen die Einsparungen bei bis zu 20 Prozent.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Krebs!

Jürgen A. Krebs verantwortet seit 2016 das CTO Office für die Central Region.
Jürgen A. Krebs verantwortet seit 2016 das CTO Office für die Central Region.
(Bild: (c) www.MarcFippel.de)

Zur Person

Jürgen A. Krebs ist seit Juli 2004 bei Hitachi Vantara tätig und verantwortet seit 2016 das CTO Office für die Central Region. Mit Hilfe seiner umfangreichen Branchenerfahrung von mehr als 35 Jahren gestaltet er die strategische Ausrichtung von Hitachi Vantara mit Fokus auf die Kernkompetenzen des Unternehmens. Der begeisterte Techniker beschäftigt sich in seiner Freizeit leidenschaftlich mit jeglicher Art von Elektronik, Motorenbearbeitung und dem Motocross.

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