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Staffan Reveman: „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist fünf nach zwölf!“ Der Strom ist weder fossilfrei noch sicher

Von Marvin Djondo-Pacham 5 min Lesedauer

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Datacenter sind Stromfresser. Kann Deutschland so viel Strom angesichts bekannter Ausbaupläne der Boom-Industrie überhaupt liefern? Gleichzeitig produzieren Server und Storage gewaltige Mengen an Abwärme. Doch sie wird hierzulande nicht effektiv genutzt. Energie-Experte Staffan Reveman appelliert an ein Umdenken in der Energiepolitik und fordert einen zügigen Ausbau des Fernwärmenetzes.

Staffan Reveman, Energie-Experte, fordert einen anderen Ansatz in der Energiepolitik und einen zügigenen Ausbau des Fernwärmenetzes, um Rechenzentrumsabwärme effektiv zu nutzen.(Bild:  OSORIOartist - stock.adobe.com)
Staffan Reveman, Energie-Experte, fordert einen anderen Ansatz in der Energiepolitik und einen zügigenen Ausbau des Fernwärmenetzes, um Rechenzentrumsabwärme effektiv zu nutzen.
(Bild: OSORIOartist - stock.adobe.com)

Wie schätzen Sie das Thema fossilfreie Energieversorgung für Datacenter in Deutschland ein?

Staffan Reveman: Was mich am meisten wundert, ist die Passivität der Rechenzentrumsbetreiber. Wir lesen ja alle jeden Tag die Zeitungen und wissen, was los ist, tun aber so, als hätten wir hier unbegrenzte Möglichkeiten, unsere Branche mit Energie zu versorgen, und das noch fossilfrei.

In Nordrheinland-Westfalen etwa investiert Microsoft Milliarden in neue Rechenzentren. Wenn ich die Frage stelle, wo der Strom fossilfrei herkommen soll, bekomme ich keine Antwort. Dann schwafelt man, dass es irgendwie mit Wasserstoff oder über die Hauptstromleitungen aus den Niederlanden oder sonst woher kommen soll. Ja! Pustekuchen! Das ist gar nicht gesichert! Und Wasserstoff können wir vergessen.

Wir können nicht mit erneuerbaren Energien Wasserstoff erzeugen und dann mit Wasserstoff Strom erzeugen. Das ist weder wirtschaftlich, noch ist es nachhaltig. Also wir haben Politiker, die gerne Microsoft zu sich holen, sich aber gar nicht darüber im Klaren sind, dass Deutschland nicht genug Strom haben wird.

Ergibt es für Sie überhaupt Sinn, in Deutschland große Rechenzentren zu betreiben?

Staffan Reveman: Meines Erachtens müssen wir Rechenzentren auch in Deutschland betreiben. Gewisse Daten wollen wir nicht irgendwo lagern. Und für, sagen wir mal, ein Viertel der Anwendungen brauchen wir kürzeste Latenzzeiten. Deshalb stehen auch viele Rechenzentren in Frankfurt am Main und im Speckgürtel der Stadt. Das ist sinnvoll für latenzkritische Anwendungen. Aber große neue Hyperscale-Rechenzentren sollten eigentlich dort in der EU platziert werden, wo der Strom fossilfrei oder fast fossilfrei ist.

Haben Sie ein Beispiel für einen solchen Standort in der EU?

Staffan Reveman: Ein Beispiel ist Frankreich. Der Strom in Deutschland wird mit, sagen wir mal, 15-mal so viel CO2-Emissionen belastet wie in Frankreich. Dann haben wir die skandinavischen Länder.

Man sollte vielleicht innerhalb der EU bleiben. Aber trotzdem, wir müssen hier wirklich unsere Augen öffnen und gucken, wo wir in Zukunft Hyperscale-Rechenzentren bauen.

Ist Kernkraft auch in Deutschland eine sinnvolle Alternative für fossilfreie Rechenzentrumsversorgung?

Staffan Reveman: Atomenergie ist fossilfrei, hat aber andere Nachteile. Wir müssen uns um die Endlagerung kümmern. Das tut man auch in anderen Ländern, da kümmert man sich um die Endlagerung. In Deutschland aber ist die Einstellung dazu sehr negativ.

Und ich vermute, dass auch Microsoft in Nordrheinland-Westfalen demnächst sehen wird, dass die Stromversorgung mit Sonne und Wind oder mit Wasserstoff nicht funktionieren wird. Microsoft wird dann anfangen, mit kleinen modularen Reaktoren zu planen. Das machen sie auch in Amerika.

Anders herum gefragt: Können Rechenzentren zur Stromerzeugung genutzt werden?

Staffan Reveman: Also, ein Rechenzentrum kann selbst nur Strom erzeugen, wenn die Dieselgeneratoren anlaufen. Und die sollten wir wirklich nicht so oft anwerfen, nur bei einer Versorgungsunterbrechung. Aber Strom liefern sollten sie nicht.

Selbst mit Wasserstoff Strom zu erzeugen, ist äußerst Klima-unfreundlich; denn die ganzen Umwandlungsverluste machen die ganze Idee grüner Stromversorgung zunichte. Das wäre schlichtweg Unsinn.

Wie hoch schätzen Sie das Potenzial von Rechenzentren als Wärmelieferant für Deutschland ein?

Staffan Reveman: Ich war der Erste, der in Deutschland verlangt hat, dass die Datacenter-Industrie die Abwärme weitergibt. Jetzt haben wir ganz zaghaft angefangen, das zu tun.

Der Staat hat hier eingegriffen. Meines Erachtens allerdings ist ein Gesetz herausgekommen mit völlig übertriebenen Vorgaben. Ein Beispiel: Rechenzentren, die ab Juli 2026 in Betrieb gehen, müssen zehn Prozent ihrer Abwärme weitergeben, ab Juli 2027 15 Prozent und ab Juli 2028 sind es 20 Prozent. Sie können aber nicht, weil es kein Netz gibt. Umgekehrt aber, wenn es kein Netz gibt, dann muss man das nicht tun.

Wir haben uns einfach viel zu lange darauf verlassen, dass Wärme-Energie zur Verfügung steht. Die kam aus Russland über die Pipeline in Form von Gas. Deshalb hat man sich nicht darum gekümmert, Fernwärmenetze zu bauen.

Jetzt wird gebaut. Das ist alles gut. Aber wir sind Jahrzehnte zu spät. Dazu ein Vergleich: In Stockholm ist das Fernwärmenetz über 3.000 Kilometer lang. In Frankfurt am Main ist das Fernwärmenetz etwas über 300 Kilometer lang. Also 90 Prozent kürzer. Ja gut, wenn es kein Fernwärmenetz gibt, gibt es auch keine Abnehmer.

Wärme können wir aber auch nicht exportieren. Wärmetransport ist limitiert. Dazu brauchen wir ganz dicke Leitungen, die sehr teuer sind. Strom könnten wir exportieren, tun es aber nicht. In der Vergangenheit haben wir zwar Strom exportiert – bis zum Jahr 2022. Aber ab April 2023 haben wir einen Nettostromimport.

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Deutschlands Stromimporte und -exporte von 2021 bis Frühjahr 2024.(Bild:  SMARD)
Deutschlands Stromimporte und -exporte von 2021 bis Frühjahr 2024.
(Bild: SMARD)

Was muss in Deutschland passieren, damit Rechenzentrums-Abwärme effektiv genutzt werden kann?

Staffan Reveman: Zunächst müssen die Fernwärmenetze schnell ausgebaut werden. Wirklich schnell. Wir haben einfach gepennt. Das müssen wir den Chefs von den Fernwärmenetzbetreibern vorwerfen.

Ich weiß schon, die Leser würden gerne etwas Positives von mir hören, aber das ist ganz, ganz schwierig in der aktuellen Lage. Schlicht und einfach: Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist fünf nach zwölf.

Den Rechenzentrumsbetreibern sage ich: Betreiben Sie keine altmodischen USV-Anlagen. Überprüfen Sie Ihre Kühlsysteme. Sind diese effizient genug? Alles in der ganzen Infrastruktur muss gemessen und verglichen werden. Es gibt hervorragende Berater in diesem Bereich.

Und wenn wir etwas Neues bauen, dann sollten wir gucken, wo. Nicht ohne Grund befinden sich die meisten Hyperscale-Rechenzentren in Schweden. Und warum sind sie da oben? Weil es fossilfreie Wasserkraft gibt und fossilfreie Kernkraft.

Welche Hyperscaler betreiben ihre Rechenzentren fossilfrei in Schweden ?

Staffan Reveman: Da sind zum Beispiel AWS und Microsoft. Der erste Cloud-Betreiber, der gebaut hat, ist vielleicht kein Hyperscaler, aber das war Facebook, und zwar in Luleå, Nordschweden.

Die Facebook-Manager, die sind mit einem Hubschrauber an den Lule älv, das ist der große Fluss, entlanggeflogen und haben dabei 13 gigantische Wasserkraftwerke identifizieren können. Das Resultat: „Hier bleiben wir.“ Heute betreibt Meta dort ein gigantisches Rechenzentrum. Ich schätze, dass dieses zwischen 120 und 150 Megawatt Leistung braucht. Und der Strom ist fossilfrei.

*Staffan Reveman

„Wir haben einfach gepennt“, Staffan Reveman, Experte für Energie und Rechenzentren.
(Bildquelle: Staffan Reveman)

Staffan Reveman berät international tätige Unternehmen in technischen und strategischen Fragen im Bereich der Energie-intensiven Industrien wie digitale Infrastrukturen und Batteriezellenfabriken. Standortoptimierung, Klimabilanzen, Wärmerückgewinnung, Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit, Umlagen und Stromkosten sind seine Themen. Der gebürtige Schwede kommentiert als Publizist die deutsche Energiepolitik und hält darüber regelmäßig Vorträge.

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