Cloud-Infrastrukturen in Deutschland Multi-Cloud – ein Auslaufmodell?

Obwohl die Public Cloud selbstverständlicher Teil der Infrastruktur geworden ist, wollen Firmen weiterhin auch interne oder Colocation-Infrastrukturen unter eigener Regie betreiben. Das zeigen die Ergebnisse der aktuellen IDC-Untersuchung zu Cloud-Infrastrukturen in Deutschland.

Firmen zum Thema

Die Cloud ist inzwischen zum allgegenwärtigen Bestandteil der Unternehmensinfrastruktur geworden.
Die Cloud ist inzwischen zum allgegenwärtigen Bestandteil der Unternehmensinfrastruktur geworden.
(Bild: gemeinfrei Dimitri Vetsikas / Pixabay )

Der Abschied von der Inhouse-Infrastruktur findet für die überwiegende Mehrheit deutscher Unternehmen wohl zumindest mittelfristig nicht statt. Dafür gerät das Konzept Multi-Cloud ins Schleudern. Insgesamt gibt es hybride Infrastrukturen in vielfältigen Kombinationen.

Das ergab die aktuelle IDC-Umfrage zum Stand der Cloud-Architekturen in Deutschland. Einbezogen wurden rund 200 Unternehmen, etwa hälftig verteilt Großunternehmen und Mittelständler. Dabei waren unter den Teilnehmern Industriefirmen mit 36 Prozent und die Finanz-/Versicherungsbranche mit 20 Prozent überrepräsentiert, elf Prozent der Befragten kamen aus Organisationen des Gesundheitswesens. Der Rest verteilte sich auf mehrere andere Branchen.

95 Prozent haben Cloud-Strategie

Von den teilnehmenden Firmen haben mittlerweile 95 Prozent eine Cloud-Strategie. Das verwundert nicht, wird doch die Cloud als wesentlicher Motor für wichtige Vorhaben gesehen.

So betrachten sie 33 Prozent übergreifend als geeignetes Mittel, um die Infrastruktur zu modernisieren. Matthias Zacher, der als Senior Consultant IDC die Zahlen präsentierte: „Die Cloud stärkt die Widerstandskraft der Unternehmen und ist die Basis von digitaler Transformation und Innovation.“

Kosteneinsparungen, Sicherheit und mehr Agilität erwartet

Das belegten auch weitere Antworten zu den Motiven der Cloud-Nutzung: 30 Prozent denken an Kosteneinsparungen und ein Mehr an Sicherheit. 27 Prozent wollen via Cloud die Einführung neuer, agilerer und flexiblerer Business-Applikationen befördern. 25 Prozent der Befragten sehen sie als Tool zur Konsolidierung des Infrastrukturzoos.

Die überwältigende Mehrheit der Befragten, nämlich 83 Prozent, verwendet heute hybride Clouds. Daran soll sich auch bis 2023 im Grundsatz nichts ändern.

Nur acht Prozent nutzen eine Single-Cloud. Einige wenige Prozent machten keine Angabe.

Adieu, Multi-Cloud!

Doch innerhalb der unterschiedlichen Hybrid-Cloud-Kategorien soll es laut IDC-Befragung in den kommenden zwei Jahren große Verschiebungen geben: Der Traum von der flexiblen Multi-Cloud, bei der man sich Services mal von dieser, mal von jener Public Cloud je nach Bedarf zusammenstrickt und gelegentlich auch einmal kurzfristig von einem Anbieter zum anderen wechselt, weil es dort zeitweise günstiger ist, scheint ausgeträumt.

Die Multi-Cloud findet sich heute bei 42 Prozent der Befragten. 2023 aber wollen sie nur noch 14 Prozent einsetzen. Zacher: „Die Governance ist für die meisten Unternehmen einfach zu komplex.“

Willkommen, Vendor-Lock-in!

Vorläufig denken diverse Anwender aus pragmatischen Gründen daran, in die Ketten des Anbieter-Lock-ins zurückzukehren. Zacher: „Manche Anwender nehmen das Vendor-Lock-in bewusst in Kauf, um die Komplexität zu reduzieren.“

So bevorzugen heute 32 und in zwei Jahren schon 37 Prozent eine Private und eine Public Cloud desselben Anbieters. Auf Nachfrage erläuterte Matthias Zacher, dies beziehe sich vor allem auf Software-Umgebungen wie SAP oder Microsoft.

Eine zukunftsweisende digitale Infrastruktur ist allgegenwärtig und arbeitet autonom – jedenfalls in der Theorie.
Eine zukunftsweisende digitale Infrastruktur ist allgegenwärtig und arbeitet autonom – jedenfalls in der Theorie.
(Bild: IDC)

23 Prozent kombinieren heute eine On-Premises-Private-Cloud und eine Public Cloud desselben Anbieters. In zwei Jahren wollen dies 30 Prozent tun, mithin sieben Prozent mehr. Auch hier sind die Details nicht spezifiziert, man kann aber davon ausgehen, dass damit zum Beispiel Angebote wie AWS Outpost oder deren Entsprechungen anderer Anbieter gemeint sein können, die die Public-Cloud-Infrastruktur einfach ins Unternehmen erweitern.

Die große Freiheit durch die Cloud war eigentlich anders gedacht.

Retten Container oder Inhouse-On-Demand das Multi-Cloud-Konzept?

Allerdings vermutete in der an die Präsentation anschließenden Diskussion Marc Korthaus, Gründer und CEO des auf Kubernetes und Container-Umgebungen spezialisierten Cloud- und Managed-Service-Anbieters Syseleven, Containertechnologie könne die Situation verändern. Denn: „Containierisierung erlaubt die Multi-Cloud-Orchestrierung. Eine Umgebung sieht dann bei jedem Provider gleich aus.“

Inwieweit Vor-Ort-On-Demand-Angebote wie HPE Greenlake oder Dell Apex bereits den Markt beeinflussen, offenbart die Umfrage nicht. Diese Dienstleistungen bieten Anwendern eine Umgebung unter ihrer Kontrolle im eigenen Haus, die aber vom Hersteller gemanagt, aktualisiert und nach Bedarf abgerechnet wird.

Oft gehört eine einheitliche Managementumgebung zum Lieferumfang, über die wechselnde externe Cloud-Provider als Dienstzulieferer eingebunden werden können. Das erspart Anwendern den Bau einer eigenen Integrationsschicht.

HPE spricht von 1.200 Greenlake-Kunden weltweit und hohen Wachstumsraten. Dell hat Apex etwa ein Jahr nach HPE angekündigt. Wie nicht anders zu erwarten, ist der Anteil solcher Produkte respektive Services am Markt vorläufig marginal, könnte aber zukünftig an Bedeutung gewinnen, da die Anbieter hohe Wachstumsraten vermelden – von einer geringen Basis aus ist das keine Seltenheit.

Unabhängigkeit durch Gaia-X?

Ein Hoffnungsschimmer ist Gaia-X. Peter Prahl, der bei der 1&1-Tochter Ionos unter anderem für International Sales, Allianzen und Programme zuständig ist, ist von Gaia-X überzeugt: „Wir sind selbst an sechs von 15 geförderten Gaia-X-Usecases beteiligt. Es gibt aktives Invest von allen Seiten, die Implementierung findet tatsächlich statt.“ Allerdings, so relativierte Korthaus diese Erfolgsmeldungen, könne man erst im ersten Quartal 2022 und nicht wie geplant schon 2021 mit der Umsetzung rechnen.

Peter Prahl, Ionos: „Bei GaiaX geht es voran – wir sind an sechs von 15 geförderten Projekten beteiligt.“
Peter Prahl, Ionos: „Bei GaiaX geht es voran – wir sind an sechs von 15 geförderten Projekten beteiligt.“
(Bild: (c) atelier pfleiderer)

Zur Erinnerung: Gaia-X ist genossenschaftlich strukturiert (ein Mitglied, eine Stimme unabhängig von der Größe) und baut ein Netzwerk von nach europäischem Recht arbeitenden Cloud-Dienstleistern mit vereinheitlichten Schnittstellen und Stacks auf, die zertifiziert werden.

Großes Interesse an Gaia-X-Diensten

Dadurch sollen neue, nicht monopolistische Datennutzungsmodelle entstehen. Dienstleister mit neuartigen Angeboten sollen mit dieser geprüften und sicheren Infrastruktur ihre datenbasierten Services leichter in den Markt bringen können. Firmenübergreifende Datenanalyse soll möglich werden, ohne die Datensouveränität der Datenerzeuger zu beeinträchtigen.

Anwender warten schon darauf: 34 Prozent wollen Gaia-X-Dienste nutzen, 33 Prozent sind noch unentschieden, nur etwa ein Viertel schließt eine Gaia-X-Nutzung derzeit aus. Von den Interessenten versprechen sich 49 Prozent ein reduziertes Vendor-Lock-in, 36 Prozent DSGVO-konforme Anbieter, je 30 Prozent Datensouveränität bezüglich der eigenen Daten und die Nutzung lokaler Anbieter.

Mehr Non-Cloud-Infrastruktur zu erwarten

Eine Renaissance soll die Non-Cloud-Infrastruktur erleben. Während heute nur 11 Prozent der Anwender diverse Cloud-Typen mit Non-Cloud-Infrastruktur kombinieren, die sich wohl meist inhouse befinden dürfte, sollen es 2023 bereits 20 Prozent sein.

Heute 13 und in zwei Jahren 20 Prozent wollen On-Premises Private Cloud und Hosted Private Cloud kombinieren. Sie lagern also einen Teil ihrer Infrastruktur zwar aus, lassen sie aber hosten und behalten sie unter eigener Regie. Nur moderat legt die Kombination von Hosted Private Cloud und Public Cloud zu. Heute verwenden sie 13 Prozent, in zwei Jahren sollen es 16 Prozent sein.

Welche Vorteile auch immer ansonsten hinter diesem Vorgehen vermutet werden, eines ist klar: Firmen mit einer solchen Herangehensweise vermeiden die sklavische Abhängigkeit von Riesen wie AWS, Google oder Microsoft.

Die Rolle von Open-Source, Colocation und Edge-Computing

Es liegt auch nahe davon auszugehen, dass insbesondere Open-Source eine Rolle dabei spielt, wenn Anwender Hersteller-Lock-ins vermeiden wollen. So glauben über die Hälfte der Befragten, dass sich durch Open-Source Lock-ins besser verhindern lassen. Dieses Statement bejaht nur ein kleiner zweistelliger Anteil der Unternehmen, die kein Open-Source einsetzen.

Colocation als Mittel, die Datacenter-Infrastruktur auszulagern, ist beliebt: 43 Prozent sagen, sie verwendeten sie umfassend, 28 im beschränkten Umfang 28 Prozent. 22 Prozent nutzen Colocation nicht.

Neben den „alten Bekannten“ Public, Private und Hosted Cloud gewinnt als neue Infrastrukturkomponente laut Zacher vor allem das Edge an Bedeutung, wobei hier IDC keine konkreten Zahlen liefert.

CloudOps: viel zu tun

Vielfältig sind die Tools und Aufgaben beim Cloud-Betrieb (CloudOps). So gaben jeweils über 20 Prozent an, Tools für das Performance-Management, die Konfiguration der Cloud-Infrastruktur, die Kapazitätsoptimierung, die Cloud-Konformität, die Datennutzungsmessung und das Cloud-Provisioning sowie die Cloud-Governance zu nutzen.

Weniger beliebt waren klassische Provisioning-Tools, Inventory- und Asset-Management sowie Incident-Analyse und -Response. Zacher: „Grundsätzlich fehlt es hier noch an Automatisierung und Integration und in vielen Bereichen auch an Transparenz.“

(ID:47734005)