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Total Cloud, Teil 1: von anno dazumal bis heute Ein langer Weg: Cloud Computing 2002 – 2019

Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Florian Karlstetter

In einer kleinen Artikelreihe beleuchten wir Cloud Computing in Deutschland in seiner Gänze – „Total Cloud“ also. In diesem ersten Teil blicken wir zurück auf die Anfänge der Technologiebewegung und sehen uns dann den Status quo 2019 an.

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Knapp 20 Jahre Cloud Computing – eine Zeitreise in fünf Teilen.
Knapp 20 Jahre Cloud Computing – eine Zeitreise in fünf Teilen.
(Bild: gemeinfrei, free-photos / Pixabay)

Es muss im Sommer 2002 gewesen sein – die IT-Branche war noch immer geschockt vom Platzen der Dotcom-Blase ein Jahr zuvor, über der Cebit in Hannover hatte eine dunkle Wolke der Agonie gehangen –, als mir kleinem Redakteur ein frisch eingeflogener Produktmanager von Microsoft in Unterschleißheim, wo die damalige Deutschlandzentrale des Konzerns ansässig war, erstmals von der „Cloud“ erzählte. Er war übel gejetlagt und äußerst schlecht gelaunt, weil ich, genau wie die fünf anderen Journalisten vor mir, nicht über das von ihm angepriesene Produkt – was genau, weiß ich wirklich nicht mehr – sprechen wollte, sondern nur über diese ominöse und damit verbundene „Cloud“.

Der Terminus war schon beim ersten Hören so geheimnisvoll und so bedeutungsschwanger, dass jedem gelernten Medienprofi sofort klar war: Das wird was Großes, vielleicht so was wie das Internet, das zu diesem Zeitpunkt gerade mal zehn Jahre alt war. Wir hatten es aufgebaut, propagiert und gerade gründlich an die Dotcom-Wand gefahren. Der Technologietrend der Stunde lautete damals „Service-orientierte Architektur“ (SOA) und war so sperrig, dass die Branche verzweifelt nach einer neuen Mode Ausschau hielt.

Die Faszination blieb – branchenweit

Der Microsoft-Manager flog wieder nach Hause, die Faszination blieb. Vielleicht konnte die „Cloud“ die neue Mode werden? 2004 war das Fieber dann branchenweit ausgebrochen: Keine Konferenz kam mehr ohne Diskussionen über die Cloud aus. Was ist das, was soll das, kann das was werden? „Computing-Power aus der Steckdose“ lautete die damals vorherrschende Umschreibung für das Konzept. Ich erinnere mich, dass es auf einer HP-Konferenz im Frühjahr in Barcelona kaum mehr um etwas anderes ging – wenngleich es damals noch keine greifbaren Produkte dazu gab.

Wieder zwei, drei Jahre später schwemmte eine erste Produktwelle auf den Markt – im Nachhinein kann man guten Gewissens sagen, dass diese Angebote wenig ausgereift waren. Die SAP ging etwa mit ihrem Versuch baden, dem Mittelstand unter dem Motto „Business by Design“ ERP aus der Cloud anzubieten. Die Cloud galt der Zielgruppe zu diesem Zeitpunkt als viel zu unsicher, und tatsächlich war sie damals nicht viel mehr als eine Spielwiese für Technologiepioniere.

2007 stellte Microsoft auf der Cebit erstmals Azure vor. Nicht mal die eigenen Mitarbeiter konnten den Namen damals aussprechen. Auch Google und Amazon starteten ebenda ihr Cloud-Business, aber insbesondere im Falle des Buchhändlers Amazon nahm das praktisch keiner ernst. Dessen ungeachtet sprossen nun die Cloud-Angebote wie Pilze aus dem Boden – aber die deutschen Anwender weigerten sich beharrlich, sie anzunehmen. „Wissen Sie, ich will meinen Job behalten“, erklärte mir ein bekannter CIO aus dem Badischen damals seine negative Haltung den vielen Cloud-Offerten gegenüber.

Die Cloud-Abstinenz der deutschen Anwender wurde in den folgenden Jahren durch große Cyberangriffe, Hacks und Skandale – wie den um angebliche Backdoors für US-Geheimdienste – bestätigt. Um 2010 stand dem Widerwillen der deutschen CIOs ein riesiges Cloud-Angebot gegenüber. Es war in den folgenden Jahren faszinierend zu sehen, wie dieser Widerwille angesichts tatsächlich erreichbarer Einsparungen durch Cloud Computing sowie verstärkter Bemühungen um Seriosität und höchste Sicherheit immer weiter bröckelte.

Status quo 2019: Cloud Computing hat sich durchgesetzt

Womit wir uns im Hier und Jetzt der Hightech-Branche befinden: 2019 hat sich Cloud Computing aber so was von durchgesetzt, die IT-Verantwortlichen in deutschen Unternehmen haben grundlegend umgedacht: Die Datensicherheit in der Cloud – auch und gerade in der Public Cloud – wird zunehmend positiv bewertet. Laut dem „Cloud Monitor 2018“ von Bitkom und KPMG setzen aktuell drei von zehn Unternehmen (29 Prozent) tatsächlich eine Cloud-Lösung ein, die in ein zertifiziertes Rechenzentrum ausgelagert ist. Ein weiteres Drittel steht laut Studie kurz vor diesem Schritt.

„Der Trend, IT-Infrastruktur wie Cloud-Lösungen in die Hand professioneller Dienstleister zu legen, hält an. Das zeugt vom zunehmenden Vertrauen der Unternehmen in Cloud-Provider“, sagt Jürgen Biffar, Vorstandsvorsitzender des Kompetenzbereichs ECM im Bitkom. „Die Vorteile liegen für die Unternehmen oft auf der Hand: Sie können IT-Kosten senken und zugleich die Sicherheit erhöhen, da die Cloud – öffentlich wie privat – bei professionellen Dienstleistern meist wesentlich besser geschützt ist als bei internen IT-Lösungen.“

Neben Security und Kosten sei noch das Thema „Time-to-Market“ als Beweggrund für Cloud Computing generell und die Auslagerung des Cloud-Betriebs im Speziellen genannt. Infrastructure-as-a-Service-Angebote (IaaS) und vorgefertigte Anwendungen und Software-Pakete (Software-as-a-Service/SaaS) versprechen eine kostengünstige Grundlage für ausgiebiges trial-and-error.

Hybrid und Multi Clouds werden die Regel

Nach wie vor gibt es CIOs auch großer Unternehmen, die den Einsatz der Cloud entschieden ablehnen. Was sie und andere Kritiker der Cloud aber übersehen: In der einen oder anderen Form hat Cloud Computing längst in praktisch alle Unternehmen Einzug gehalten – der „Schatten-IT“ sei Dank. Die Lösung für Probleme in einer Abteilung ist ja oft nur einen Klick entfernt, seien es nun Office-Tools oder Collaboration-Anwendungen – und schon ist die Cloud so oder so in eine Firma eingedrungen.

Der Trend hin zum Einsatz gleich mehrerer Clouds ist damit ein massiver. Viele CIOs haben sich entschlossen, ihn anzunehmen und damit der Schatten-IT ein Ende zu bereiten. Besser, wenn das Unternehmen offiziell verschiedene Cloud-Plattformen ansteuert, als dass kritische Daten heimlich auf fremde Server geladen werden. Zahlen des Forschungsinstituts 451 Research belegen, wie schnell sich Unternehmen in Hybrid- und Multi-Cloud-Umgebungen hineinbewegen. In diesem Jahr werden praktisch 90 Prozent aller Firmen weltweit die Cloud nutzen.

Stand der Cloud-Diffusion in Deutschland

Was die CIOs in Sachen Cloud Computing planen, wird uns im nächsten und übernächsten Beitrag ausführlich beschäftigen. Hier soll ein Blick auf die aktuellen Zahlen und tatsächlichen Einsatzszenarien geworfen werden. Seit 2011 untersucht der Branchenverband Bitkom für Deutschland in seinem bereits erwähnten Cloud Monitor jährlich den aktuellen Stand und die Perspektiven des Cloud-Einsatzes.

Den aktuellen Cloud-Monitor für 2019 hat Bitkom Research Mitte Juni 2019 vorgestellt:

Im Cloud Monitor für 2018 wird dargelegt, dass acht von zehn deutschen Unternehmen (83 Prozent) mit mehr als 2.000 Mitarbeitern mittlerweile auf Cloud-Dienste setzen. In Unternehmen mit 100 bis 1.999 Mitarbeitern liegt die Cloud-Nutzung bei 65 Prozent, ähnlich hoch wie bei kleineren Unternehmen mit 20 bis 99 Mitarbeitern (66 Prozent).

Auch die Analysten von Crisp Research gehen von aktuell – also Stand Anfang 2019 – 85 Prozent der deutschen mittelständischen Unternehmen aus, für die Cloud Computing heute ein fester Bestandteil auf der IT-Agenda ist. Infrastructure-as-a-Service mit 63 Prozent und Platform-as-a-Service mit 70 Prozent stünden ebenfalls weit oben auf der To-do-Liste der CIOs.

„Die Palette möglicher Einsatzszenarien für Cloud Computing ist breit“, schreibt der Bitkom in seinem Leitfaden „Cloud Computing – Was Entscheider wissen müssen“. Cloud-Services böten eine Alternative zum Eigenbetrieb beziehungsweise zum klassischen Outsourcing. Das jeweilige Einsatzszenario orientiert sich an der Art des Service, dessen Bedeutung für den Kunden, dem Standardisierungsgrad und der Struktur des nutzenden Unternehmens.

„Cloud Computing hilft Unternehmen jeder Größenordnung, die Herausforderungen der digitalen Transformation zu meistern. Diese Erkenntnis hat sich durchgesetzt“, erklärte auch Dr. Axel Pols, Geschäftsführer von Bitkom Research bei der Vorstellung des Cloud Monitors 2018.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie der Markt für Cloud Computing in Deutschland aussieht. Anschließend folgen die möglichen Einsatzszenarien. Die Rolle der Service-Provider und die jüngsten technologischen Entwicklungen bilden dann den Abschluss dieser Zeitreise durch knapp 20 Jahre Cloud Computing.

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Dr. Dietmar Müller

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Journalist