Umfrage zu künftigen Speicherarchitekturen, Teil 1

Hat das herkömmliche Speichernetz ausgedient?

| Autor / Redakteur: Kriemhilde Klippstätter / Tina Billo

Roland Rosenau von Rubrik ist der Meinung, dass die Entwicklung in den nächsten zehn Jahren vom SAN hin zu Shared-Nothing-Architekturen gehen wird.
Roland Rosenau von Rubrik ist der Meinung, dass die Entwicklung in den nächsten zehn Jahren vom SAN hin zu Shared-Nothing-Architekturen gehen wird. (Bild: Rubrik)

Derzeit findet dem Anschein nach ein Wechsel der Speicherarchitektur statt. Wie wird diese aussehen und worauf sollten Unternehmen setzen? Storage-Insider hat sich bei Analysten und Herstellern umgehört. Zunächst einmal stellten wir die Frage, ob das SAN zum Auslaufmodell wird. Falls ja, was an dessen Stelle tritt und wie Unternehmen bereits getätigte Investitionen schützen können.

Einig sind sich Analysten und Hersteller, dass das Storage Area Network – noch – nicht ausgedient hat. Zwar wird laut IDC seit Jahren immer weniger in traditionelle externe Speicher investiert, abgeschafft werden sie trotzdem nicht.

"Das herkömmliche SAN hat noch nicht ausgedient", glaubt beispielsweise Roland Rosenau, Manager Sales Engineering Central & West Europe bei Rubrik. Anwender würden auch weiterhin auf zentrale Architekturen setzen. "Diese Entwicklung wird allerdings in den nächsten zehn Jahren vom SAN hin zu Shared-nothing-Architekturen gehen."

Rosenau hat eine Struktur mit unabhängig agierenden Knoten im Sinn, die jeweils mit einem dedizierten Prozessor und den passenden Speicherkomponenten (Festplatte und Hauptspeicher) ausgestattet sind und eigenständig ihre Aufgaben erledigen. Ein Vorteil dieser Lösung: "Es ist somit kein bestimmter Knoten für die Verbindung zu einer Datenbank notwendig."

NVMe wird SCSI ablösen

Ralf Colbus, IBM Experte, fürchtet beim herkömmlichen SAN vor allem um das SCSI-Protokoll, das darüber transportiert und das es "in Zukunft schwer haben wird". Denn SCSI, das Anfang der 1980er Jahre seinen Siegeszug begann, wird seiner Meinung nach, "den Anforderungen heutiger Flash-Techniken nicht mehr gerecht". Als Nachfolger des SCSI-Stacks hat Colbus "Non Volatile Memory Express" (NVMe) ausgemacht. Diese bereits 2011 definierte Schnittstelle verbindet SSDs über PCI-Express. "NVMe wird im Speichersystem, im Server und eben über die Fabrics transportiert werden können", so der IBM Experte.

Und NVMe soll auch die Investitionen der Anwender in SAN schützen, deren installierte Basis zu groß sei für einen kompletten Austausch der Speicherinfrastruktur. Die Fibre-Channel-Variante von NVMe (NVMeoF) lasse sich auf moderne Switche als weiteres Protokoll implementieren. NVMe kann auch über TCP oder Ethernet transportiert werden. Dafür steht vor allem "RDMA over Converged Ethernet" (RoCE) zur Verfügung, "was für Cloud-Provider sehr interessant sein kann", berichtet Colbus.

IP-basierte Architekturen und hyperkonvergente Systeme

Markus Grau, Principal Systems Engineer bei Pure Storage, sieht eine Tendenz hin zu Ethernet-(iSCSI)-Netzwerken, gerade bei Service-Providern, denn "der Vorteil ist hier die Konvergenz im Netzwerk und die deutlich höhere Geschwindigkeit (aktuell 100 GBit/s Ethernet) gegenüber Fibre Channel mit aktuell 32 GBit/s". Außerdem könne man mit Ethernet nicht nur iSCSI- oder NAS-Protokolle übertragen, sondern auch objektorientierte wie S3 oder auch "neuartige Applikationen, die beispielsweise über NVMeoF und RoCEv2 angebunden werden".

Auch Till Stimberg, Director der Hybrid IT Business Unit von HPE in der DACH-Region und Russland, rät für die Zukunft zu IP-basierenden Architekturen wie iSCSI-Lösungen. Zum einen sind die Komponenten dafür kostengünstiger als für Fibre Channel anzuschaffen, zum anderen benötige man besonders für Zweigstellen kein FC-Fachpersonal und könne zudem vorhandene Netzwerkressourcen nutzen. Deshalb könnten insbesondere kleinere und mittelgroße Umgebungen davon profitieren. Nachteile sieht er für kritische Speicherapplikationen, für die ähnliche Vorkehrungen wie für das FC-SAN getroffen werden müssten, also der Aufbau einer separaten physikalischen und administrativen Netzinfrastruktur.

Hyperkonvergente Systeme werden SAN-Arrays verdrängen, glaubt Christian Winterfeldt, Country Manager Germany, Converged Platforms and Solutions Division bei Dell/EMC, denn "die Agilität und Simplizität von HCI-Lösungen bringt enorme ökonomische Vorteile mit sich".

Erweiterung um SDS-Systeme

"Alte Speichersysteme haben noch Vorteile", konstatiert Heiko Henkes, Director, Research Lead Digital Transformation beim Marktforschungsinstitut Information Services Group Germany (isg). Als Hauptgründe dafür nennt er die Langzeiterfahrungen, die die Anwender damit gemacht haben inklusive der geschulten Mitarbeiter, die Zuverlässigkeit der Systeme sowie die Berechenbarkeit der Leistung der Systeme.

Henkes sieht im Gegensatz dazu bei Software Defined Storage (SDS) Mängel, da solche Systeme innerhalb eines Hypervisors oder auf einer dedizierten Appliance laufen und durch "hoch intensive I/O-Veränderungen unvorhersehbar stark" beeinflusst werden können, was zu einem Performance-Verlust kritischer Anwendungen führt. Trotzdem sind für ihn SDS-Systeme Nachfolger von herkömmlichen SAN-Umgebungen weil sie "die vorhandenen Assets für einen Großteil des Speicherbedarfs besser ausnutzen und Multi-Tenancy (also mandantenfähig) und somit Cloud-ready sind". Deshalb würden Unternehmen in der Regel SAN-Systeme mit SDS-Systemen erweitern anstatt das SAN direkt auszutauschen.

Anwendungsfälle gehen zurück

IBM-Manager Colbus weist darauf hin, dass 80 Prozent der Daten der nächsten Jahre unstrukturiert (Messdaten, IoT, Video etc.) sein werden und eher auf Objektspeicher, NAS oder Filesysteme gespeichert würden. Sein Fazit: "SAN ist nicht tot, aber die Anwendungsfälle (use cases) werden geringer!"

Investitionsschutz

Was den Schutz der bereits getätigten Investitionen angeht rät HPE-Manager Stimberg dazu, bei Neuanschaffungen darauf zu achten, dass neue Techniken unterstützt werden, "damit eine spätere Umstellung oder Integration einer zweiten Netzwerkinfrastruktur ohne Austausch" möglich ist.

Pure Storage hat sich in puncto Investitionsschutz mit dem Upgrade-Programm "Evergreen" etwas Besonderes einfallen lassen: Alle Produkte der Company sind modular aufgebaut und in Umgebungen mit verschiedenen Pure-Produkten upgrade-fähig – angeblich ohne Unterbrechung, Datenmigration oder Ausfallzeiten.

* Kriemhilde Klippstätter ist freie Autorin und Systemischer Coach (SE) in München.

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